Die große Bühne ist beinahe leer, rundum begrenzt nur von manchmal schmucklosen, bisweilen mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Türen. Doch diese Türen spielen mit in dieser getanzten Version von Ibsens „Peer Gynt“ am Theater St. Gallen. Sie sind in verschiedenster Weise ins bunte Geschehen einbezogen. Bald sind sie Durchlässe für die auf- oder abtretenden Personen, bald sind sie Begleiter hierhin oder dorthin, dazwischen dienen sie als lärmige Instrumente tanzender Holzfäller. Vor allem aber: Türen können Wege versperren, offene Türen ins Leere führen, ins Paradies oder in die Hölle.

Kinsun Chan, dem auch die präzis charakterisierenden, fantasievollen Kostüme zu danken sind, stülpt in seiner Bühnengestaltung die innere Zerrissenheit und Unstetigkeit Peer Gynts gleichsam nach außen, in ein Überall und Nirgends – idealer Ort für diese an sich selbst stets von Neuem scheiternde Gestalt. Und Exequiel Barreras lässt sich in dieser Figur treiben, Jagender bald, dann wieder Gejagter, da überheblich auftrumpfend, dort jämmerlich scheiternd.

Unersättlich durchmisst er Raum und Zeit, durchquert Ländereien, lässt sich auf Meeren treiben, gewinnt märchenhaften Reichtum, den er ebenso unversehens wieder verspielt. Bis er schließlich vom unbekannten Passagier, der mit ihm zusammen als einziger einen Schiffbruch überlebt hat, eingeholt wird – dem düsteren Tod in der Gestalt des Knopfgießers (Lorian Mader), der ihm den Pfad zur letzten Wegkreuzung zeigt. Barreras erfüllt die Gestalt des Peer Gynts mit einer tänzerischen Leichtigkeit und darstellerischen Präsenz, die oftmals vergessen lässt, dass da kein Wort gesprochen wird, dass da einer nur seinen Körper, seine Glieder, seine Mimik einsetzt.

Freilich sind da noch all die andern. Die Tanzchefin Beate Vollak vor allem, die in ihrer einfallsreichen, Text und Musik genau aushorchenden Choreografie alle Mittel des Tanzes einsetzt, ohne sich irgendwo festlegen zu lassen, und sich dabei auf ein großes, mit spürbarem Engagement mitgehendes Ensemble verlassen kann. Und sie bringt sich auch selber ein – als Aase, die Mutter Peers, deren verzweifelte Hoffungslosigkeit sie altersgrau umsetzt. Da ist die ätherische Lichtgestalt Solveigs (Kim Tassia Kreipe), der im mehrfach instrumental, aber auch gesungen wiederkehrenden Lied Michaela Frei ihre weich tragende Stimme leiht. Meist nur episodisch, wenngleich mehrfach sind auch die weiteren Tänzerinnen und Tänzer eingesetzt, durchweg präzis und äußerst engagiert, nicht zuletzt auch die als Türenträger verborgene Statisterie des Theaters.

In besonderem Maß lebt die Aufführung vom Akkordeonisten und Komponisten Goran Kovacevic. Edvard Griegs Bühnenmusik ist ihm Ausgangspunkt für eine durchgestaltete Komposition, in die er immer wieder Sequenzen des norwegischen Komponisten einflicht und variiert. Er schafft damit einen unmittelbaren Bezug zur Welt der nordischen Sagen und Mythen, die uns fremd und dennoch seltsam vertraut erscheinen; doch er verwebt diese besondere Klangwelt mit Zitaten aus zeitgenössischen Werken, mit eigenen Kompositionen, bisweilen mit Volkstanzmotiven aus Ländern, die Peer Gynt auf seinen ausgedehnten Reisen kennenlernt. Zugleich ist Kovacevic Teil des rast- und ruhelosen Weltenwanderers, dem er sich immer wieder anverwandelt. Und vor allem entlockt er seinem Instrument völlig unerwartete, einzigartige Klangfarben – sein Spiel, seine musikalische Umsetzung und seine Interpretation wären allein schon den Besuch dieses Tanzstücks wert.

Die nächsten Aufführungen: 4., 20., 22. März, 3., 24. April. Infos und Tickets:

www.theatersg.ch