Wenn schrill der Gegensatz zu schwarzweiß ist, ist „Arsen und Spitzenhäubchen“ des See-Burgtheaters das Gegenprogramm zur Verfilmung des Erfolgsstücks von Joseph Kesselring. Statt der tütteligen alten Damen im Film von Frank Capra aus dem Jahr 1941 sehen wir auf der Kreuzlinger Seebühne, die dieses Jahr keine wirkliche Seebühne ist, zwei Frauen mit Eigenleben. Gut schon an der Kleidung zu erkennen. So kann Abby Brewster einem gestandenen Kerl wie dem Polizisten O‘Hara durchaus etwas abgewinnen. Astrid Keller spielt eine Lady, die es faustdick hinter den Ohren hat. Das gleiche ist wohl auch von ihrer Schwester Martha anzunehmen, die Caroline Schreiber als in die Jahre gekommener Teenager mit Trotzphasen gibt.

Auf den Punkt ins Bild gesetzt

Bei den Figuren der schwarzen Komödie, die mit einem bizarr unaufgeregten Gestus von den Morden des Geschwisterpaars handelt, setzt die Regisseurin Annette Pullen auf wohlkalkulierte Äußerlichkeiten. Dicker giftig blauer und grüner Lidschatten vertieft die Augenpartie der beiden umgänglichen Massenmörderinnen zu Höhlen. Die Inszenierung betreibt eine Art visuelles Micky-Mousing. Der Charakter der Menschen wird auf den Punkt ins Bild gesetzt. Neffe Mortimer, der das zuletzt gemeuchelte Opfer in der Truhe entdeckt, ist ein ruheloser Dauerjogger mit gelegentlichen Ohnmachtsanfällen. Raphael Westermeiers Rolle muss man sich ganz anders als die von Gary Grant im Film vorstellen. Dass er seine Verlobte Elaine zuweilen so grob behandelt, scheint nicht allein daran zu liegen, dass er die Wahrheit über die beiden Tanten vor ihr verbergen möchte. Sondern dass er vielleicht gar nicht so sehr auf sie steht – als Frau?

Martha (Caroline Schreiber) und Abby Brewster (Astrid Keller) morden aus Mitgefühl. Ihre Wohltätigkeit gilt alleinstehenden älteren Herren.
Martha (Caroline Schreiber) und Abby Brewster (Astrid Keller) morden aus Mitgefühl. Ihre Wohltätigkeit gilt alleinstehenden älteren Herren. | Bild: Mario Gaccioli

Anna Krestels Elaine und er liefern sich choreografierte Verfolgungsjagden über das Mississippi-Hausboot, in das das Stück verlegt wurde. Ein Prachtstück hat Bühnenbildner Gregor Sturm (auch Kostüme) bauen lassen, das am Seeufer steht und, von den Schauspielenden gedreht, mal in das Innere Einblick gewährt, mal die Außenansicht präsentiert. Auf jeden Fall viel Raum und Gelegenheit, dem Bewegungsdrang dieser ruhelosen Menschen Auslauf zu verschaffen. Es ist eine Hektik, die tief blicken lässt. Die körperliche Unermüdlichkeit könnte auf einem Vermeidungsverhalten beruhen. Selbst die beiden Polizisten, die von Adrian Furrer und Andrej Reimann im Stil der Schwarzen Serie karikiert werden, wollen nicht hören, wenn Abby und Martha sich darüber streiten, ob sie nun elf oder zwölf einsame Herren um die Ecke gebracht haben. Tod? Passt nicht in die Lebensplanung.

Kurioses Menschenkabinett

Annette Pullen hat ein kurioses Menschenkabinett zusammengestellt. Trotz der komödiantischen Zuspitzungen funkeln die Figuren und zeigen überraschende Züge. Dr. Einstein etwa, der mit Jonathan, dem mörderischen Bruder von Mortimer, eines Abends vor der Tür steht, wird von Jeanette Spassova gespielt. Die Maskenbildnerin Maria Sala hat ihr zwei Hörnchen aus Haaren seitlich am Kopf befestigt, wie zwei kleine, runde Mickymaus-Ohren. Es gibt einiges, an dem die Inszenierung erkennen lässt, dass es ihr auch um die USA geht. Der Holunderwein, in den die beiden ihren Giftmix kippen, ist eine Flasche Coca Cola, Jonathan, von Christian Intorp im Frankensteins Monster-Stil gegeben, und Dr. Einstein erscheinen mal in rotem, mal in blauem Overall, was die Farben von Republikanern und Demokraten nahelegt. Richtig plausibel wird diese Seite der Inszenierung aber nicht.

Mit leichter Hand wird hingegen der Blick in Abgründe gelenkt, in dunkle Löcher wie die Augenhöhlen von Abby und Martha. Da fällt die Verrücktheit von Mortimers Bruder Teddy, der meint, der amerikanische Präsident zu sein und im Keller den Panamakanal auszuheben, in Wahrheit aber die Gräber für die Leichen buddelt, gar nicht mehr auf. Florian Steiner stellt ihn tatsächlich auch nicht sehr verrückt dar. Verrückt ist viel mehr, wie leicht es den beiden vermeintlich aus Mitleid Tötenden gemacht wird. So sitzt am Ende wieder einer dieser einsamen Herren da, der gerade dabei ist, den Holunderwein-Cola-Giftmix zu kosten.

Ein eigener Regiestil

Bastian Stoltzenburg, der noch in weiteren kleineren Rollen auftritt, ist Teil eines großartigen Ensembles, das sein Timing bis zum Schluss durchhält und immer wieder so nicht Erwartetes zeigt. Mit Annette Pullen hat das See-Burgtheater eine Regisseurin engagiert, die einen Stil mitgebracht hat, der merklich ihr eigener ist und passt. Das Premierenpublikum sah das wohl auch so.

Vorstellungen bis 7. August. Karten unter: Karten unter info@see-burgtheater.ch oder Tel. 0041/71/670 14 00.