Es ist was faul in diesem Staat! Auf den Regierungsbänken sitzen Verräter. Wer Kritik übt, lebt gefährlich. Und immer wieder schauen die Gespenster der Vergangenheit vorbei. Die Rede ist von Deutschland? Nicht ganz: Es geht um Shakespeares Dänemark.

Was heute viele Menschen in Sachsen und anderswo umtreibt, das bewegt nämlich auch den Prinzen Hamlet. Grund genug, sich sein Schicksal genauer anzuschauen. Lässt sich doch an seinem Beispiel ablesen, wohin dieser Zustand führt. Um es vorwegzunehmen: Schön ist das Ergebnis nicht.

Zum Widerstand entschlossen

Am Zürcher Schauspielhaus lässt zurzeit der Schauspieler Jan Bülow Shakespeares Helden an den Umständen seiner Zeit verzweifeln. Misstrauisch, ängstlich und doch zum Widerstand entschlossen, schleicht er durch den tiefschwarzen Königspalast (Bühnenbild: Bettina Meyer). Er ist sich absolut sicher: Sein Vater ist keines natürlichen Todes gestorben. Sein Rivale Claudius hat ihn erst ermordet und dann seinen Thron erklommen. Ein geheimer Plan, ein unentdeckter Putsch, eine Verschwörung.

Claudius (Markus Scheumann) und Hamlet (Jan Bülow).
Claudius (Markus Scheumann) und Hamlet (Jan Bülow). | Bild: Matthias Horn / Schauspielhaus Zürich

Beweise hat Hamlet dafür nicht. Aber einen Geist. Zu Beginn taucht er bloß als Schatten auf: Man könnte ihn für einen gewöhnlichen Passanten halten, der nachts die Straße überquert. Doch wer so ängstlich und misstrauisch ist wie Hamlets Freunde von der Nachtwache, der glaubt schnell an Geister. Und so verfestigt sich die Ahnung zur Gewissheit: Der ermordete Vater spukt herum und fordert Rache.

Wie könnte man diesen Wahnsinn beenden? Zum Beispiel durch Sprechen. Genau das tun sie auch alle. Das Problem: Es tut jeder für sich. Vor allem Hamlet selbst monologisiert sich einen Wolf – kein Wunder, wenn dann alle anderen unter Verschwörungsverdacht stehen. Das Theaterpublikum dient als imaginäre Facebook-Plattform, hier wird Hamlet gehört, ohne dass ihm ernsthaft Widerspruch droht.

Wie eine unsichtbare Mauer

Wenn sie doch einmal ein Gespräch beginnen, so ist es, als prallte jedes einzelne Wort an einer unsichtbaren Mauer ab. Dann diktiert König Claudius (Markus Scheumann) im spröden Angela-Merkel-Sprech kühl die Handlungsanweisung. Trauern um den Vater, das sei ja gut und auch wichtig, heißt es dann. Irgendwann aber müsse man sich mit den Gegebenheiten doch mal abfinden: „Eigenwilliges Klagen ist ein unmännliches Leid!“

Claudius (Markus Scheumann), Laertes (Benito Bause) und Gertrud (Inga Busch).
Claudius (Markus Scheumann), Laertes (Benito Bause) und Gertrud (Inga Busch). | Bild: Matthias Horn / Schauspielhaus Zürich

Die Krux an der Sache: Hamlet liegt mit seinen Verschwörungstheorien sogar ganz richtig. Wenn Claudius im stillen Gebet – schon wieder so ein Monolog! – mit den kriminellen Umständen seines Aufstiegs hadert, dann zeigt sich aber das Verbrechen in einem anderen Licht. Mord und Totschlag gehören nun mal zur politischen Realität dieser Zeit: Wer Macht erlangen will, der darf nicht zimperlich sein. Wie viel Moral darf ein Bürger erwarten in der Politik? Wo fängt Verrat an und wo Verschwörung?

So viel steht fest: Die eigene Moral zum Maßstab allen Handelns zu erheben, ist der erste Schritt ins nächste Verbrechen. An Hamlets Kampf um Gerechtigkeit lässt sich lernen, wie ausgerechnet moralisches Empfinden in allseitiges Hauen und Stechen münden kann. Großartig, wie Jan Bülow und Benito Bause (als Laertes) zu gespenstischer Stimmung einen hoch athletischen Fechtkampf bieten.

Hamlet (Jan Bülow) und Laertes (Benito Bause) liefern sich einen beeindruckenden Fechtkampf.
Hamlet (Jan Bülow) und Laertes (Benito Bause) liefern sich einen beeindruckenden Fechtkampf. | Bild: Matthias Horn / Schauspielhaus Zürich

Ohnehin vermag der 1996 in Berlin geborene Hamlet-Interpret mit einer bestechend schlüssigen Symbiose aus Selbstmitleid und Aggression als unberechenbarer Gefährder zu überzeugen. Großartig auch, wie Markus Scheumann König Claudius in seiner rationalen Strenge an ebendieser Unberechenbarkeit immer wieder scheitern lässt. Inga Busch kann nicht ganz verdeutlichen, welcher Seite sich Königin Gertrud eigentlich zugehörig fühlt. Und die Querbesetzung der Ophelia durch Claudius Körber wirkt in ihrer Skurrilität mehr irritierend als erhellend.

Regisseurin Barbara Frey nimmt mit dieser Inszenierung bereits Abschied von Zürich – noch eine Inszenierung gibt es von ihr in dieser Spielzeit, dann endet auch schon ihre Intendanz. Ihr „Hamlet“ überzeugt als politisches Psychogramm, kann aber über manche Längen nicht hinwegtäuschen. Dafür entschädigt der Fechtkampf für so manches: Auf der Bühne ist Hauen und Stechen eine wunderbare Sache.

Kommende Vorstellungen am 17., 26. und 30. September 2018 sowie am 6., 8., 17., 27. und 30. Oktober. Weitere Informationen gibt es hier.

Blick hinter die Kulissen: Bühnenfechten

  • Können alle Schauspieler fechten? Normalerweise, sagt Klaus Figge, Fechtmeister am Zürcher Schauspielhaus, sollte das Bühnenfechten zur Ausbildung an den Schauspielschulen gehören: „Leider wurden hier in den vergangenen Jahren oft Abstriche gemacht.“ Figge hat deshalb immer wieder mit Schauspielern zu tun, die noch nie gefochten haben. In solchen Fällen, sagt er, sei es sinnvoll, schon zu Probenbeginn mit dem Fechten anzufangen. „Das ist eine stark choreografische Arbeit, man lernt die Bewegungen so wie Text und Dialog: Da muss sich auch Rhythmus und Tempo nach den Figuren und Dialogen richten.“
  • Wie fechten Schauspieler? Die Techniken des Bühnenfechtens sind so angelegt, dass zwar sowohl der Körper als auch der Kopf ausgespart werden – genau das aber für den Zuschauer unsichtbar bleibt. „Dadurch, dass die Schauspieler gleichzeitig zu den Angriffen auch die Paraden nehmen, sieht man es nicht, wenn die Degen am Körper vorbeigehen“, so Figge.
  • Wie gefährlich ist das? Das Wichtigste, sagt Klaus Figge: „Es muss alles dafür getan werden, eine Gefährdung zu vermeiden.“ Wenn Schauspieler fechten, sieht es also wilder aus, als es wirklich ist. Und doch: „Eine Gefährdung ist natürlich immer da – wenn einer etwas ganz verkehrt macht.“