Die Stimme ist weg. Mehr als ein heiseres Flüstern bringt Mascha, bürgerlich Maria Wladimirowna Aljokhina, nicht heraus. Vor ihr eine Tasse Kamillentee, in der sie lustlos rührt, und eine Packung Neoangin gegen Halsschmerzen. Sie drückt eine Tablette aus der Packung. „Die Stimme habe ich mir beim Auftritt in Tschechien kaputt gemacht“, sagt die Punk-Musikerin, Revolutionärin und Frontfrau von Pussy Riot.

„Wann können wir abendessen?“, fragt sie ihr Team. Eigentlich ist es ihr zu anstrengend, mit Journalisten über Widerstand zu sprechen. Ihre Mission lässt sie aber doch nicht los: „Das, was wir auf der Bühne machen, hat nicht nur mit Russland zu tun. Es geht darum, dass es sich nicht wiederholen darf. Politische Repression bedroht nicht nur Russland.“

Maria Aljokhina ist das Gesicht von Pussy Riot.
Maria Aljokhina ist das Gesicht von Pussy Riot. | Bild: Joel Saget / AFP

Mascha Aljokhina, die 2012 mit einem 30-Sekunden-Protest in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau mit ihrer Band Pussy Riot berühmt und dafür verhaftet wurde, meint den Rechtsruck in Europa, meint das Erstarken der AfD in Deutschland. Darin und in den Verbindungen zwischen AfD und Regierungskreisen in Russland sieht sie die Bedrohung für die Menschen.

Als die Lichter im Konstanzer Kulturladen ausgehen und auf der Bühne ein schräger, eindringlicher Totenmarsch erklingt, ist die Stimme wieder da. Es ist laut. Aljokhina im schwarzen Kleid und mit Kreuzkettchen um den Hals erzählt ihre Geschichte, auf Russisch und unterlegt mit Punkklängen. Die Welt versinkt in Düsternis. Auf einer Leinwand läuft der Text auf Deutsch und Englisch mit, die Geschichte ist so kalt wie die russische Geschichte und so wütend wie die 30-jährige Aufbegehrende.

„In Russland gibt es keine Priesterinnen. In Russland gibt es PussyRiot.“

Die Fakten sind bekannt: Im Februar 2012 verschaffen sich Mascha Aljokhina, Nadja Tolokonnikova und weitere Aktivistinnen Zutritt zur Christus-Erlöser-Kathedrale, packen ihre Instrumente aus und singen 30 Sekunden lang ein provokantes kirchenkritisches Lied, das sich auch gegen Putin richtet. Dann werden sie aus der Kirche verjagt, flüchten. Tage später werden Aljokhina und Tolokonnikova verhaftet und zu einer Haftstrafe wegen Rowdytums aus religiösem Hass verurteilt. Auf einen Schlag sind die jungen Frauen berühmt, werden zu Ikonen des Widerstands.

Mother Mary – be a feminist(Mutter Maria – sei eine Feministin)

Die Performance, die Mascha Aljokhina mit Nastja Awott, dem Tänzer Kiril Masheka sowie Oleg Larionov (Trompete, Drums) und Vasilij Bogatov (Video) im Konstanzer Kulturladen auf die Bühne bringt, hat sich weit entfernt vom spontanen Punk-Protest von damals.

Immer noch ruft Aljokhina ihre Botschaft laut heraus, macht den Punk zum Statement und nimmt kein Blatt vor den Mund: „Putin hat sich eingepisst“, wiederholen die Akteure stoisch wie ein griechischer Chor und fordern den Staatschef, der nicht abtreten will und eine weitere Jugendgeneration erstickt, auf: „Go and marry Ded Lukashenko“ – Geh doch und heirate Onkel Lukashenko (Staatspräsident Weißrusslands, Anmerkung der Redaktion).

Die Sturmhauben waren lange Zeit ihr Markenzeichen: Maria Aljokhina von Pussy Riot beim Auftritt im Konstanzer Kula.
Die Sturmhauben waren lange Zeit ihr Markenzeichen: Maria Aljokhina von Pussy Riot beim Auftritt im Konstanzer Kula. | Bild: Oliver Hanser

Aljokhina arbeitet sich konsequent an ihrem Lieblingsgegner Putin ab, in der verzweifelten Hoffnung auf politische Veränderung. Die Performance aber ist vermarktbar geworden, die Zuhörer in europäischen Städten zahlen Eintritt, im Foyer gibt es T-Shirts und Bücher zu kaufen.

Das Publikum bekommt eine anspruchsvolle Lektion in russischer Zeitgeschichte im Schnelldurchgang, die Video-Installation hilft dem Verständnis nach. Mitunter schimmert Poesie durch. Sowjetgeschichte vermischt sich mit Lagerliteratur, polit-agitatorische Sprüche jagen die Erzählstränge. Eine Geschichte, die den Lageralltag in einer Frauen-Gefängniskolonie in Russland 2012 erzählt und voller Trauer ist, aber in Wut verpackt wird.

„A wastedyouth – eine verschwendete Jugend.“

Wie bitter diese Erfahrung war, bestätigt Olja im Gespräch am Rande des Auftritts. Mascha Aljokhina hat Olja, eine „Politische“, im Knast kennen gelernt – und zunächst kommt Olja in Isolationshaft, weil die Vollzugsbeamten nicht wollen, dass sich die Frauen zusammen tun: zu aufmüpfig. Olja ist Aktivistin der national-bolschewistischen Partei und vertritt völlig andere Werte als Aljokhina – doch die Opposition zum Putin-Regime verbindet.

„Wir haben zwei Monate zusammen verbracht, gestritten, diskutiert, übers Christentum und Mandelschtam-Gedichte“, sagt Olja. Heute, nach drei Jahren Lagerhaft, weiß sie, dass die Chancen, die Jugend Russlands zum politischen Protest zu bewegen, geringer als je zuvor sind. Der Staat hat seine Gegner im Blick, Angst erstickt den Widerwillen.

„Hoffnung kommt bei uns immer in der Hoffnungslosigkeit auf.“

Knapp zwei Stunden später endet der Lärm des Punkrock und der Sprechgesang der Frauen auf der Bühne. Die Künstler holen sich ihren Applaus ab, Aljokhina entschuldigt sich für Erkältung und Heiserkeit und fordert dazu auf, mit dem Kauf eines T-Shirts politisch Gefangene in Russland zu unterstützen. Das versteht man hier, im marketingbewussten Westen, aber ist es das, was die 30-Jährige sagen will? Und ist es dieses Publikum, das sie erreichen will – oder fehlt ihr die Bühne in Russland? Mascha verstummt, schaltet das Mikro aus und verlässt die Bühne.

Dafür steht die Punk-Formation Pussy Riot

  • Wer ist Pussy Riot und was tun die Mitglieder? Ursprünglich war Pussy Riot ein loser Zusammenschluss von etwa zehn jungen Frauen aus Moskau, die gemeinsam die feministische und regierungskritische Punkband bildeten. Berühmt wurde die Formation mit Mascha Aljokhina und Nadja Tolokonnikova an der Spitze für ihren Protest-Auftritt in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau im Jahr 2012. Beide junge Frauen wurden verhaftet und zu je zwei Jahren Haft verurteilt. Sie kamen durch eine Amnestie Ende Dezember 2013 vorzeitig frei. 2015 löste sich die Formation offiziell auf. Inzwischen tourt Aljokhina mit ihrem Programm „Riot Days“ durch Europa, begleitet von wechselnden Mitstreitern. Es sind längst nicht nur Frauen dabei. Bekannt wurde eine Aktion von vier Pussy-Riot-Aktivisten, die 2018 als Flitzer über das Spielfeld der Fußball-WM rannten.
  • Für wen setzt sich Mascha Aljokhina mit ihren Auftritten ein? Teile der Einnahmen gehen an das Medienportal Mediazona, einen russischen regierungskritischen Blog. Außerdem setzt sich Aljokhina mit ihrem Projekt für die Unterstützung politischer Gefangener ein. Konkret nennt sie Oleg Sentsov, Jurij Dmitriev und Oyub Titiev. Titiev ist Menschenrechtsaktivist für die Organisation Memorial. Der Ukrainer und Regisseur Oleg Sentsov stellte sich gegen die Annexion der Krim und befindet sich bereits seit 2014 in Haft.
  • Wie verhält sich der russische Staat zu Pussy Riot? Bei Aktionen in Russland wie jener zur WM 2018 sind die Aktivisten zu 15-tägigen Haftstrafen verurteilt worden. Pjotr Versilov, der daran teilgenommen hatte, wurde laut Medienberichten im September mit Vergiftungserscheinungen in Deutschland behandelt, die Ursache dafür blieb ungeklärt. Die Auftritte für „Riot Days“ im Ausland werden zumindest nicht aktiv verhindert.