Ein neuer Spaltpilz wurde ausgemacht: der deutsche Schlager. Das „deutsche“ kann man weglassen, weil der Schlager per se deutsch ist. Finden diejenigen, die ihn verachten, mit allen vermeintlich dazugehörigen Piefigkeiten.

Piefig oder nicht piefig?

Der deutsche Schlager spaltet also die Gesellschaft in die Piefigen und selbsternannten Nicht-Piefigen. Nun ist es einfach, einen im Radio laufenden Schlager als Gedudel abzutun. Fast unmöglich ist das bei Gelegenheiten wie der im Konstanzer Stadttheater. Da gibt es derzeit Schlager mit – Achtung! – Suchtgefahr.

Es lebe das Klischee, das Johannes Nix, Sohn des derzeitigen Konstanzer Theaterintendanten Christoph Nix, in seiner Hitparaden-Inszenierung „Herzrasen“ gerne bedient. Das schafft etwas inneren Abstand, der jedoch im Laufe des Abends wieder völlig abhandenkommt. Gepowert von der Theaterband mit Frank Denzinger, Stefan Gansewig, Rudolf Hartmann und Wolfgang Kehle handelt es sich um einen Totalangriff auf intellektuelle Verbarrikadierung.

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Jens Dierkes, der als Dragqueen Gräfin Tamara durch den Abend führt und das Musikstück gemeinsam mit Johannes Nix verantwortet, will die Mauern fallen sehen. Ob mit anzüglichen Witzen („Prostata, auf Ihr Wohl“), die auch am Nierentisch ihre Lacher fänden, oder wenn er Zuschauer nach ihren Lieblingsschlagern befragt: Gräfin Tamara schafft es, mit ihrer Blondperücke und einschlägiger Abendrobe den Menschen nahezukommen und sie zugleich durch den Kakao zu ziehen. Man darf über sich selbst lachen.

„Ich will alles“

Zehn Schlager von den 60ern bis in die 90er sind im Format „ZDF-Hitparade“ zu erleben. Mit Gitte Hænings „Ich will alles“ fängt es schon stark an, Anne Simmering schafft das mit ihrer Stimme. Die kleinen Einlagen nach den Songs sind wohl auch der Tatsache geschuldet, dass man sich in einem Theater befindet und nicht bei einer Schlagerparade. Katrin Huke kann als Nina Hagen („Du hast den Farbfilm vergessen“) zeigen, wie gut sie singt und berlinert.

„Du hast den Farbfilm vergessen“: Katrin Huke als Nina Hagen.
„Du hast den Farbfilm vergessen“: Katrin Huke als Nina Hagen. | Bild: Bjørn Jansen

Bei aller Ironie und Karikatur, die von den rot-rosa-orangenen Glitzerwänden der Bühne, den Vokuhilas, den Schlaghosen und schrillen Outfits (Bühne und Kostüme von Marie Labsch) widergespiegelt werden: Es ist die Schlagermusik, von Rudolf Hartmann gerade im richtigen Maß angerockt und aufpoliert, die den Abend ausmacht. Jede und jeder muss mit seinem Song raus auf den Bühnensteg, der in den Zuschauerraum führt, wo die Leute längst aufgestanden sind und mitklatschen. Das Ensemble hält sich famos als Matthias Reim, Münchner Freiheit oder Heinz Rudolf Kunze. Letzteren gibt Arlen Konietz im weißen Bärenfell.

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Udo Jürgens’ griechischer Wein, Rex Gildos „hossa, hossa“ und noch viel mehr kommen dann auch noch zum Zug. Die Auswahl der Schlager muss schwergefallen sein. So manche im Publikum konnten nicht genug kriegen. Der Spaltpilz erweist sich als verbindendes kulturelles Erbe.

Kommende Vorstellungen am 7., 12. und 14. Dezember. Weitere Informationen unter: http://www.theaterkonstanz.de