50:50 ist das Ziel. Festival-Chef Alberto Barbera unterzeichnete kürzlich ein Versprechen, das vorsieht, dass das Top-Management der Filmfestspiele in Venedig bis 2020 zur Hälfte aus Frauen besteht. Für die Auswahl des Programms soll es keine Quote geben, obwohl die Präsenz von Regisseurinnen oft mager ist. Der 75. Jahrgang ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, was vorab einmal mehr eine Debatte auslöste, die auch in Cannes und Berlin nicht unbekannt ist.

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Unter den 21 Beiträgen in der Konkurrenz um den Goldenen Löwen stammt mit „The Nightingale“ nur ein Film von einer Frau. Gedreht hat ihn die Australierin Jennifer Kent, die 2014 mit dem Horror-Film „Der Babadook“ ein von der Kritik gelobtes Debüt gab.

Nur ein Film von einer Regisseurin

Dieses Mal erzählt Kent die Rache-Geschichte einer irischen Ex-Gefangenen im frühen 19. Jahrhundert in Australien. Mit einem Aborigine, der ihr den Weg durch die Wildnis weist, sucht sie die britischen Soldaten, die sie mehrfach vergewaltigt, ihren Mann getötet und ihr Baby auf dem Gewissen haben. „The Nightingale“ ist ein Film über die Gewalt in der Kolonialgeschichte Australiens – gegenüber Häftlingen, Frauen, vor allem aber gegenüber den Aborigines, die von den Briten willkürlich enteignet, gequält, getötet wurden.

Während sich Kent konsequent auf die Seite der Außenseiter stellt, leidet die Zeichnung der Figuren, die über ein Gut-Böse-Schema nicht hinausreicht. Das Böse in der Verkörperung der britischen Soldaten ist dabei so abgrundtief schlecht, dass es schlicht langweilig ist – und das Publikum in Jubel ausbricht, als der Aborigine einen Soldaten mit dem Speer erledigt. Ob Kent damit die Jury unter Vorsitz von „Shape Of Water“-Regisseur Guillermo del Toro überzeugen kann?

Die Jury (von links): die Schauspieler Christoph Waltz, Taika Waititi und Naomi Watts, Produzentin Malgorzata Szumowska, die Schauspielerinnen Trine Dyrholm und Nicole Garcia, Regisseur Guillermo del Toro, Schauspielerin Sylvia Chang und Regisseur Paolo Genovese.
Die Jury (von links): die Schauspieler Christoph Waltz, Taika Waititi und Naomi Watts, Produzentin Malgorzata Szumowska, die Schauspielerinnen Trine Dyrholm und Nicole Garcia, Regisseur Guillermo del Toro, Schauspielerin Sylvia Chang und Regisseur Paolo Genovese. | Bild: Filippo Monteforte / AFP

Einen eindeutigen Favoriten oder eine große Überraschung gibt es unter all den großen Namen und wenigen Newcomern bis kurz vor der Preisverleihung nicht. Überraschend ist, wie selten die Beiträge die Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart suchen. „What You Gonna Do When The World’s On Fire“ ist in dieser Hinsicht eine Ausnahme – und die einzige Dokumentation in der Konkurrenz. In kontrastreichem Schwarzweiß greift Regisseur Roberto Minervini darin das Leben von Afroamerikanern in New Orleans auf. Zu oft aber wirkt der Film wie eine Momentaufnahme, Themen wie Rassismus und Polizeigewalt werden kaum tief genug ergründet.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein historischer Stoff unter den Preisträgern sein wird, ist hoch. Neben „The Nightingale“ wimmelt es im überwiegend starken Wettbewerb vor Rückgriffen auf die Geschichte und Fluchten in die Vergangenheit – von Julian Schnabels kunstvollem Van-Gogh-Bio-Pic „At Eternity’s Gate“ bis zu Florian Henckel von Donnersmarcks ausuferndem Künstler-Drama „Werk ohne Autor“, das zu den Publikums-Favoriten zählt.

"Werk ohne Autor", der neue Film des deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, gehört zu den Publikums-Favoriten.
"Werk ohne Autor", der neue Film des deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck, gehört zu den Publikums-Favoriten. | Bild: Filippo Monteforte / AFP

Ein Höhepunkt wie „Roma“, Alfonso Cuaróns Schwarzweiß-Hommage an sein Kindermädchen im Mexiko der 1970er-Jahre, könnte der Jury womöglich nicht dringlich genug für einen Löwen sein – und der Western „The Sisters Brothers“ von Jacques Audiard wahrscheinlich zu sehr Genre. Viele Zuschauer begeisterte der Film nicht nur mit einer ganz eigenen Herangehensweise aus Gewalt, Komik und Emotion, sondern auch mit einem preisverdächtigen John C. Reilly in einer Hauptrolle.

US-Schauspieler John C. Reilly („The Sisters Brothers“) darf sich Chancen auf einen Darsteller-Preis ausrechnen.
US-Schauspieler John C. Reilly („The Sisters Brothers“) darf sich Chancen auf einen Darsteller-Preis ausrechnen. | Bild: Filippo Monteforte / AFP

Ein anderer Genre-Abstecher kommt von Regisseur Luca Guadagnino. Der Italiener drehte mit dem bildstarken Kunst-Horror-Thriller „Suspiria“ ein eigenwilliges Remake von Dario Argentos gleichnamigem Klassiker. Seine Version ist um Bedeutungsebenen und Geheimnisse erweitert, aber selten richtig effektiv in ihren Schreckensmomenten.

Vielleicht schnappt sich auch Yorgos Lanthimos den Löwen. Der Grieche setzt in „The Favourite“ auf das Genre des opulenten Kostüm-Dramas. Das unterhaltsame Liebes-Macht-Intrigen-Spiel im 18. Jahrhundert zwischen Queen Anne und zwei Frauen ist zugänglicher als Lanthimos’ vorherige Werke, aber voll mit garstig angespitzten Dialogen und mit einer so köstlichen wie tragischen Olivia Colman als Königin. Ob der Film-Titel zu den Vorlieben der Jury passt, zeigt sich am Samstagabend.