Als Graf Robert von Flandern in den feuchten Kerker des Castel dell‘Ovo bei Neapel tritt, in dem der Staufer Konradin und Friedrich von Baden-Österreich gefangen gehalten werden, spielen die beiden Jünglinge seelenruhig eine Partie Schach. Als ob es in diesem Moment nicht um ihr Leben ginge! Der Graf, ein Schwiegersohn ihres Todfeindes Karl von Anjou, überbringt den beiden Adligen unter Tränen das Urteil: Tod durch das Schwert!

Ob der 16-jährige Konradin und der 19-jährige Friedrich bei diesen Aussichten tatsächlich so ungerührt blieben, wie Johann Heinrich Wilhelm Tischbein es 1784 auf seinem berühmten Gemälde ins Bild gesetzt hat, ist so mythenhaft wie das angebliche Schachspiel. Dem 18. und 19. Jahrhundert war die Verklärung mittelalterlicher Heldengestalten schon mal die ein oder andere historische Ungenauigkeit wert. Wenn es sich aber so zugetragen haben sollte, dürfte das Testament, das die beiden hinterließen, kurz danach entstanden sein. Doch, was heißt hier „Testament“? Es sind nicht mehr als zwei kleine Pergamentzettel, auf die ein Schreiber im Auftrag der beiden Gefangenen in lateinischer Sprache hastig den letzten Willen der Todeskandidaten gekritzelt hat.

Niemand weiß, wie die beiden "Testamente" in das Kloster Weingarten gelangten

Dass die „im Grunde schäbigen Papierfetzen“, so der Karlsruher Konradin-Experte Professor Hansmartin Schwarzmaier, einst auf verschlungenen Wegen ins Kloster Weingarten und dann ins Hauptstaatsarchiv nach Stuttgart gelangt sind, ist nichts weniger als eine Fügung der Geschichte. „Es ist das einzige Original, das uns von Konradin erhalten blieb und wir wissen nicht, wie es ursprünglich ins Kloster Weingarten gekommen ist“, erklärt Schwarzmaier, der die Schriftstücke vor einigen Wochen im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart in Augenschein nahm. „Man atmet mit diesen Stücken die Situation der zum Tode Verurteilten“, schwärmte selbst Archivdirektor Peter Rückert. Das Testament, das auf den Todestag datiert ist, ist nicht adressiert und umfasst diverse Schenkungen. Ob diese je umgesetzt wurden, ist mehr als ungewiss. „Von der Form und Sprache her sind die Pergamente weder eine Urkunde noch ein Testament“, sagt Schwarzmaier, „sondern eine letzte Willensbekundung.“ Vermutlich gerichtet an die Herzöge von Bayern

Noch am selben Tag, am 29. Oktober 1268, steigen Konradin und Friedrich auf dem Marktplatz von Neapel aufs Schafott. „Mutter, welch schmerzliche Nachricht wirst du von mir erfahren“, soll der Staufer noch gerufen haben. Weil Papst Clemens IV. über Konradin, Friedrich von Baden und ihre Mitstreiter den Bann verhängt hat, werden sie zunächst in ungeweihter Erde verscharrt.

Die Staufer-Dynastie endete mit der Hinrichtung Konradins, ...

Was dieses Ereignis auch 750 Jahre später für den südlichen Bodenseeraum und den Thurgau historisch bedeutend macht: Mit der Bluttat in Neapel endet nicht nur das Leben des Konradin, sondern auch die Staufer-Dynastie, die als deutsche Kaiser und Könige im Hochmittelalter Südwestdeutschland und große Teile der späteren Eidgenossenschaft beherrschte. Das Kronland der Staufer war spätestens seit Kaiser Friedrich I. Barbarossa das Herzogtum Schwaben. In dessen geografischem und politischem Zentrum lag der Bischofssitz Konstanz – neben Straßburg, Augsburg und Chur eine der bedeutendsten Städte des Herzogtums.

Die Darstellung Kaiser Friedrich Barbarossa zwischen seinen Söhnen in dem Buch aus der Weingartener Welfenchronik (1185 -1191) liegt am Donnerstag (16.09.2010) in der Ausstellung  "Die Staufer und Italien" im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim. Die Staufer gelten als das bedeutendste europäische Herrschergeschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts. Eröffnet wird die Ausstellung der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen am kommenden Sonntag (19.09.2010). Sie soll bis zum 20. Februar 2011 dauern. Foto: Ronald Wittek dpa/lsw  +++(c) dpa - Bildfunk+++ |
Friedrich I. Barbarossa (1122-1190): Er wurde 1152 in Frankfurt zum König gewählt und war von der Idee des Kaisertums fasziniert, dem er neuen Glanz geben wollte. Um seine kaiserlichen Ansprüche durchzusetzen, zog Barbarossa immer wieder mit einer Armee über die Alpen, um die reichen oberitalienischen Städte zu unterwerfen. Am Ende gelang das nicht. Der Kaiser starb plötzlich beim Baden auf einem Kreuzzug nach Jerusalem. | Bild: Ronald Wittek (dpa)

Wie schon seinem Vater Konrad IV. war es Konradin nicht mehr gelungen, die einstige Machtbasis der Staufer zu erhalten. Konradin wurde am 25. März 1252 auf Burg Wolfstein nahe Landshut geboren und wuchs mit Friedrich von Baden-Österreich am Hof seines Vormunds Herzog Ludwig des Strengen von Bayern auf. Weil sein Großvater, Kaiser Friedrich II., die Oberhoheit des Papstes über die Christenheit infrage gestellt hatte, hatte ihn Innozenz IV. bereits 1245 für abgesetzt erklärt. Im folgenden Interregnum, einer Zeit wechselnder Herrschaftsansprüche, hatten die Staufer mit ihren Koalitionären auch ihre Macht im Reich eingebüßt. Was ihnen blieb, waren die süddeutschen Stammlande – noch Konradin war Herzog von Schwaben – und die süditalienischen Besitzungen. Letztere staufische Machtbasis ist dem Papst seit langem ein Dorn im Auge.

... ihre Herrschaft wankte aber schon viel früher

Auch in Italien wankt die Herrschaft der Staufer. Nur ein Stellvertreter, hatte sich der letzte legitime Sohn Kaiser Friedrichs II., Manfred, 1258 zum König von Sizilien krönen lassen – und war damit seinem Neffen Konradin in den Rücken gefallen. Um dem Treiben der Staufer ein Ende zu setzen, nützt der Papst den Zwist. 1266 marschiert ein französisches Heer unter der Führung Karls von Anjou, einem Bruder des französischen Königs, von Rom gegen den Staufer. In der Schlacht von Benevent fällt Manfred. Nun hat die Stunde Konradins geschlagen, so meint er. Unterstützt von Papst-Gegnern, zieht er nach Rom. Papst Clemens IV., selbst ein Franzose, sucht bei Anjou Schutz.

So kommt es auch: Am 23. August 1268 führt Konradin 4500 Männer in die Schlacht gegen den Franzosen. Bei Tagliacozzo treffen sie auf die gegnerische Streitmacht. Die Staufer werden geschlagen. Friedrich und Konradin können zwar fliehen, werden auf hoher See aber festgesetzt. Gnade ist weder von Anjou noch vom Papst zu erwarten.

Das könnte Sie auch interessieren

Damit ist der lange Machtkampf zwischen Papsttum und Staufern entschieden. Das Adelsgeschlecht ist Geschichte, das staufische Hochmittelalter, dessen steinerne Zeugnisse noch heute für Baden landschaftsprägend sind, geht zu Ende. Mit Rudolf I. steigt 1273 der Stern der Habsburger auf. Vom Niedergang der Staufer profitieren in Südwestdeutschland auch die Häuser Württemberg und Baden, die die veränderte politische Gemengelage im ausgehenden 13. Jahrhundert für sich zu nutzen wissen. Zehn Jahre nachdem Konradin und Friedrich auf dem Marktplatz von Neapel den Tod fanden, werden ihre Gebeine in die Kapelle St. Maria del Carmine in Neapel dann auch christlich bestattet.