Auf den Spuren deutscher Geschichte fahren Touristen nach Köln, Berlin und München, durchstreifen Museen, Kathedralen und Rathäuser. Dabei ahnen sie gar nicht: Der eigentliche Ort der deutschen Geschichte liegt keineswegs in der Stadt, sondern im Wald.

Auskunft über unsere Identität

Nirgends sonst lässt sich so viel über unsere Sprache und damit über unsere Identität lernen wie dort, wo Fuchs und Hase einander Gute Nacht wünschen. Der deutsche Wald hat bereits den Römern Angst und Schrecken eingejagt, als am Kölner Dom noch nicht mal der Grundstein lag. Und am Ort des Brandenburger Tors quakten noch die Frösche, da verschifften Flößer bereits tonnenweise Tannenholz aus dem Schwarzwald ins Ausland. Warum also heißt das Leben in unserem Wald „Fuchs“, „Buche“ und „Birke“?

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  • Die Ameise: Der Dichter Wolfram von Eschenbach bediente sich dieses Insekts, um in seinem Ritter-Epos „Parzival“ (um 1200) die Taille der schönen Antikonie zu lobpreisen: „Ihr habt nie Ameisen gesehen, die gelenkiger waren als sie, dort, wo sie den Gürtel trug.“ Tatsächlich sind Ameisen so dünn, dass ihre Bezeichnung womöglich daher rührt. „Meizan“ bedeutete im Althochdeutschen „abschneiden“. Wie es dazu kam? Der Sage nach ließ Gott die Ameisen von Petrus erschaffen: „über Mittag“, wie er sagte. Petrus aber war ein bisschen schwerhörig und verstand: „in der Mitte ab.“
Bei „Fuchs“ – „der Geschwänzte“ – handelt es sich eigentlich nur um eine Hilfsbezeichnung.
Bei „Fuchs“ – „der Geschwänzte“ – handelt es sich eigentlich nur um eine Hilfsbezeichnung. | Bild: Sander Meertins
  • Der Fuchs: Ein armes Tier, das gar keinen Namen trägt! „Fuchs“ bedeutet nämlich nicht viel mehr als eine vage Umschreibung. Bei den alten Germanen lautete die Regel: „Wenn man vom Teufel spricht, kommt er herein.“ Als listiger Räuber war der Fuchs gefürchtet, und genau deshalb sprach man nur vom „Geschwänzten“ – auf Althochdeutsch „fuhs“. Und als die Märchenerzähler ihm mit „Reinhart“ oder „Reineke“ doch einen Namen verpassten, so war auch dieser eigentlich nur eine Umschreibung: „Reineke“ bedeutet „Der an Listen Reiche“.
  • Die Birke: Ihre gebräuchliche Bezeichnung geht auf das indogermanische „bherag“ für „hell“ und „glänzend“ zurück. Interessanter aber ist der botanische Name: „batuare“. Dieses lateinische Verb bedeutet so viel wie „schlagen“. Und geschlagen wurde mit Zweigen dieses Baumes in der Tat: In keltischer Zeit wurden auf diese Weise Druiden ins Amt gehoben. Später schlug man mit Birkenreisig Tiere und Menschen, um sie zu heilen oder kehrte mit ihm das Haus. Gegen Birkenzweige nämlich waren böse Geister allergisch – so jedenfalls lautete ein verbreiteter Glaube.
Der Fliegenpilz mit Abwehrgift gegen Fliegen? Der Gelehrte Albertus Magnus empfahl das
Der Fliegenpilz mit Abwehrgift gegen Fliegen? Der Gelehrte Albertus Magnus empfahl das | Bild: steffiheufelder-adobe stock
  • Der Fliegenpilz: Den Namen dieses Lebewesens hat uns bereits im 13. Jahrhundert der große Gelehrte Albertus Magnus erklärt. Wer den Pilz nämlich in Milch zerreibe, habe ein wunderbares Gift für lästige Fliegen gewonnen. Während die Bezeichnung „Fliegenpilz“ also einem wirksamen Rezept entspricht, kündet das damals ebenso gebräuchliche Wort „Rabenbrot“ von germanischer Mythologie: Fliegenpilze, also „Rabenbrote“ standen meist dort, wo Göttervater Odin unterwegs war. Und weil sein Pferd blutig aus dem Maul schäumte, tropfte es auf die weißen Pilze herab. Die beiden Raben, die Odin stets auf seinem Ritt begleiteten, bedienten sich daran mitunter.
  • Das Eichhörnchen: Klar, das kommt von der Eiche. Falsch gedacht! „Eich“ stammt aus dem indogermanischen „aig“ ab. Und das bedeutete in etwa: „sich schnell bewegen“. Bis ins 17. Jahrhundert war es übrigens ein großes, beleibtes Eichhorn. Wer auf die Idee kam, das Horn als Hörnchen zu verniedlichen, ist nicht überliefert.
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  • Die Buche: Vielen ist gar nicht bewusst, warum sie heute „Bücher“ lesen, in denen „Buchstaben“ stehen. Die Antwort findet sich im Wald. Bereits die alten Germanen hatten sich nämlich aus Buchen Schreibtafeln geschnitzt oder umgekehrt, Runen in ihre Rinde eingraviert. Die Buche ist also daran schuld, dass wir vom Buch und seinen Buchstaben sprechen. Wem dieser Baum umgekehrt seinen eigenen Namen zu verdanken hat, lässt sich nicht mehr ermitteln, dazu ist er einfach zu alt. Nur der botanische Name, „Fagus“ hilft uns weiter: Er kommt vom griechischen „phagein“ für „essen“. Gemeint sind damit die nahrhaften Bucheckern.
  • Der Kuckuck: Er dürfte den einfachsten Tiernamen des Waldes besitzen. „Kuckuck“, das bezieht sich selbstverständlich auf seinen markanten Ruflaut zu Frühlingsbeginn. Doch der Kuckuck hieß nicht immer Kuckuck. Lange Zeit nannten wir Deutschen ihn nämlich „Gauch“. Eine Erklärung lautet: weil er so eintönig ruft wie ein Narr – der früher auch als Gauch bezeichnet wurde. Buchautorin Rita Mielke („Im Wald – Eine Wortwanderung durch die Natur“) sagt: Auch das Wort Gauch bildete den Kuckucksruf nach. Bloß habe unsere Sprachentwicklung den Namen im Laufe der Zeit bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
König des Waldes. Der Name „Hirsch“ stammt aus dem frühen Mittelalter.
König des Waldes. Der Name „Hirsch“ stammt aus dem frühen Mittelalter. | Bild: marc chesneau
  • Der Hirsch: Auch sein Name reicht tief in die Vergangenheit zurück. Dabei ist es doch so einfach: „Hirsch“ kommt von „hiruz“, und das wiederum bedeutete im 8. Jahrhundert „der Gehörnte“. Warum aber ist heute ein Gehörnter, wer von seiner Ehefrau betrogen wird? Die Antwort darauf steht in den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid. Da beobachtet der Jäger Actaeon heimlich die Göttin Artemis beim Nacktbaden. Die Göttin entdeckt den Voyeur, verwandelt ihn zur Strafe in einen Hirsch und lässt ihn als solchen von seinen eigenen Jagdhunden zerfleischen. Artemis hat nur brav gebadet. Ein Ehemann aber, der seine Frau bei noch weitergehenden Vergnügungen ertappt, dürfte zumindest seelisch ganz ähnliche Qualen erleiden wie der arme Jäger Actaeon.

Buchtipp: Rita Mielke, „Im Wald – eine Wortwanderung durch die Natur“, Duden Verlag: Berlin 2019; 160 Seiten, 15 Euro.