Wollte heute jemand nach Ufo-Berichten den Spuren von Außerirdischen nachgehen, würde er mitleidig belächelt werden. So ähnlich muss es dem deutschen Pfarrerssohn Heinrich Schliemann (1822-1890) ergangen sein. Er erklärte Homers Sagen der „Ilias“ und „Odyssee“ für historisch nachweisbar und begann in Griechenland mit Ausgrabungen. Die Sensation: Mit seinen Funden entdeckte er Zeugnisse aus viel früherer Zeit – die erste Hochkultur auf europäischem Boden.

Die Große Landesausstellung im Badischen Landesmuseum „Mykene – Die sagenhafte Welt des Agamemnon“ breitet indes nicht nur Schliemanns Schätze aus. Sie lässt auch den griechischen Archäologen Gerechtigkeit widerfahren. Und gewann dafür in enger Partnerschaft eine Fülle von spektakulären Leihgaben, die bisher nie ausgeborgt worden sind.

Die Ausstellung zeigt einen Abguss von 1930 des monumentalen Löwentors in Mykene aus dem 13. Jahrhundert vor Christus. Links ist auf einem Foto Heinrich Schliemann zu sehen.
Die Ausstellung zeigt einen Abguss von 1930 des monumentalen Löwentors in Mykene aus dem 13. Jahrhundert vor Christus. Links ist auf einem Foto Heinrich Schliemann zu sehen. | Bild: Uli Deck / dpa

Teamarbeit war Schliemanns Sache nicht. Als erfolgreicher Unternehmer brachte er viel Geld mit und wollte schnell berühmt werden. Den vom Staat bestellten Beamten Panagiotis Stamatakis (1830-1885) diffamierte er als ahnungslosen, lästigen Aufseher. Nur mit Mühe konnte der Grieche durch seine gewissenhafte Aufzeichnung der Arbeiten die schlimmsten Folgen des hastigen deutschen Vorgehens auffangen. „Hätten sie harmonisch zusammengearbeitet, wären uns verlässlichere Ergebnisse der Mykene-Grabung überliefert“, heißt es im Katalog.

Harmonische Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist das Gütesiegel der jetzigen Ausstellung. Die Chefkuratorin des Badischen Landesmuseums, Katarina Horst, Tochter einer Kreterin und eines Hamburgers, ist daran maßgeblich beteiligt. Schon als Kind begleitete sie ihren Onkel in Athen bei archäologischen Forschungsarbeiten, lernte Griechisch und die Sprache der Wissenschaft. So war sie jüngst bei der Rückgabe unrechtmäßig erlangter Exponate eine Vermittlerin, die Brücken baute.

Ein Blick in die Karlsruher Ausstellung zeigt Funde aus den königlichen Tholosgräbern.
Ein Blick in die Karlsruher Ausstellung zeigt Funde aus den königlichen Tholosgräbern. | Bild: Badisches Landesmuseum / Uli Deck

Mehr als 20 griechische Museen waren bereit, über 400 ihrer schönsten Stücke auszuleihen, zum Teil aus jüngeren Gräberfunden, die auch Touristen vor Ort noch nicht gesehen haben. Dafür ist im Karlsruher Schloss eine Atmosphäre geschaffen worden, die – wie schon bei der Etrusker-Ausstellung – dank moderner Medien alle Sinne in die Antike eintauchen lässt.

Das Achatsiegel aus einem Grabfund aus Pylos zeigt eine Kampf-Szene.
Das Achatsiegel aus einem Grabfund aus Pylos zeigt eine Kampf-Szene. | Bild: Badisches Landesmuseum / Gaul

Handwerkskunst wie Zauberei – aus dem kürzlich in Pylos entdeckten sogenannten Greifenkrieger-Grab (um 1500 vor Christus) ist neben Goldringen und -ketten ein Achatsiegel zu sehen, nicht größer als eine Paranuss: Erst im vergrößernden Dia ist ein junger Held im Kampf mit zwei Kriegern zu erkennen. Es gibt Preziosen aller Art, auch aus Männer-Gräbern, eine Krone, die vermutlich einer Priesterin gehörte, einen Helm aus Eberzähnen und Zierwaffen, aber auch Schmuck aus Elfenbein und sogar Bernstein. Dazu Keramiken wie die typischen Bügelkannen für Olivenöl, die Katarina Horst „sehr praktisch“ findet.

Dieser Helm wurde aus Eberzähnen gefertigt.
Dieser Helm wurde aus Eberzähnen gefertigt. | Bild: Badisches Landesmuseum / Uli Deck

Das in Königtümer aufgeteilte Griechenland im 16. Jahrhundert vor Christus wandelte sich 200 Jahre später zu Machtzentren der sogenannten Palastzeit, die auch Kreta prägten. Diese Epoche endete um 1200 vor Christus mit einer bis heute rätselhaften Katastrophe (zur gleichen Zeit wie im anatolischen Hethiterreich). Die Großfeuer brannten Tontafeln, die zu Wirtschaftszwecken benutzt worden waren, und hinterließen eine Frühform der griechischen Schrift, Linear B. Sie wurde erst 1952 von Michael Ventris (1922-1956) entziffert, einem Schüler des britischen Ausgräbers von Knossos, Arthur Evans.

Eine Goldkette aus Mykene.
Eine Goldkette aus Mykene. | Bild: Badisches Landesmuseum / Uli Deck

Agamemnons Grab hat man, anders als Schliemann dachte, nie gefunden. Aber in einem so prächtig ausgemalten Thronsaal, wie er im Karlsruher Schloss entstanden ist, könnte er residiert haben. Nachwuchs-Kurator Bernhard Steinmann, der die an Knossos erinnernde Rekonstruktion durchsetzte, hofft, die kunstvoll gestalteten Tapeten, Wandbehänge und Decken können nach der Ausstellung vor dem Abriss bewahrt werden. Überdauern wird auf alle Fälle der Katalog, der in vielen Aufsätzen die Fülle heute geltender Erkenntnisse zusammenfasst. Eine Fortsetzung durch künftige Archäologen ist sicher, denn viele mutmaßliche Funde liegen noch verborgen. Dem Laien aber stellt sich eine ganz andere Frage: Wird man in kommenden Jahrtausenden noch Spuren von uns Heutigen finden?

Die Ausstellung "Mykene – Die sagenhafte Welt des Agamemnon" ist bis zum 2. Juni 2019 im Badischen Landesmuseum im Schloss Karlsruhe zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Alle Informationen dazu finden Sie hier.