„Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt“, sagt Herbert Grönemeyer. „Jeder von uns ist gefragt und gefordert, sich zu engagieren und Gesicht zu zeigen. Wir trommeln jetzt alle so lange, bis wir den Rechten den Atem rauben.“ Album-Vorstellungen mit Deutschands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Die Plattenfirma lädt ein – ziemlich verlässlich alle vier Jahre, dieses Mal in das Berliner Luxushotel „Das Stue“ am Tiergarten.

Es gibt Nahrung in flüssiger wie fester Darreichungsform, gut 100 Journalisten hören (praktisch ausnahmslos sehr konzentriert) die neuen Songs, anschließend federt Grönemeyer aus der Kulisse und lässt sich befragen. An diesem Abend sitzt der 62-Jährige dabei auf einem Barhocker und zischt ein Bierchen aus dem Schwarzwald. Seine Laune ist vorzüglich, die von der Moderatorin zugespielten Bälle zu seinem Tanzverhalten auf der Bühne versenkt er sicher im Netz.

Herbert Grönemeyers Album "Tumult" erscheint am 9. November 2018.
Herbert Grönemeyers Album "Tumult" erscheint am 9. November 2018. | Bild: Vertigo

Dennoch: Etwas ist anders. Der Grundton der Veranstaltung, auch der Grundton des 16 Stücke langen „Tumult“-Albums, ist ernster als üblich. Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundraunens in politische Gefilde vor. „Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wie schaffen wir es, uns zusammenzurotten, egal ob wir von der linksliberalen oder der wertkonservativen Seite kommen? Wir müssen näher zusammenrücken und zusammenstehen, das ist entscheidend.“

Herbert Grönemeyer, ganz in Schwarz und mit Designer-Brille („Die muss ich wirklich tragen!“) einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, will mit seiner Musik ein Hoffnungsträger sein. Die #unteilbar-Demo in Berlin mit 240.000 Teilnehmern, das „Festival für Demokratie und Toleranz“ in Mecklenburg-Vorpommern, bei dem er auftrat, die ehrenamtlichen Flüchtlingskümmerer, all das bewege ihn. „Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die große Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch.“ Er halte den Rechtsschwenk für ein Problem, „das man nicht mit einem Mausklick“ wegbekomme.

Politische Lieder im Mittelpunkt

Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik plötzlich für sich entdeckt hat. „Mit Gott auf unserer Seite“ vom Album „Ö“ (1988) griff damals den Selbstmord Uwe Barschels auf, „Die Härte“ (1993, Album „Chaos“) brillierte mit der Zeile „Hart im Hirn, weich in der Birne“ – schon damals litt das frisch wiedervereinigte Land am Rechtsextremismus. Fakt ist freilich, dass die politischen Lieder auf dem neuen Album einerseits stärker in den Mittelpunkt gerückt sind, aber auch stärker wahrgenommen werden.

So erregt ein Lied wie „Doppelherz / Iki Gönlüm“, in dem Grönemeyer auch auf Türkisch darüber singt, wie gut sich das Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, stärker als in, sagen wir, normalen Zeiten, Internet-Trolle. „Ich finde es völlig in Ordnung, wenn die Leute meine Musik nicht mögen“, so der in zweiter Ehe verheiratete Vater von zwei erwachsenen Kindern, der in Bochum aufwuchs und schon lange nicht mehr in London, sondern in Berlin lebt. „Hass bin ich gewohnt.“ Für ihn sei wichtig: „Ist es ein gutes oder ein schlechtes Lied? Groovt und steppt es?“ Das tut es.

Herbert Grönemeyer (rechts) steht im Oktober 2018 in Berlin zusammen mit dem Sänger Andac Berkan Akbiyik alias BRKN auf der Bühne. Sie singen auf Deutsch und Türkisch „Doppelherz / Iki Gönlüm“.
Herbert Grönemeyer (rechts) steht im Oktober 2018 in Berlin zusammen mit dem Sänger Andac Berkan Akbiyik alias BRKN auf der Bühne. Sie singen auf Deutsch und Türkisch „Doppelherz / Iki Gönlüm“. | Bild: Christoph Soeder / dpa

Überhaupt ist Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen auf „Tumult“ eher „beswingt und leichtfüßig“, wie er es beschreibt, als schwer und düster. Aufrüttelnde Stücke wie „Bist du da“ oder „Fall der Fälle“ drängen musikalisch nach vorn, zählen zu den schmissigsten der Platte, sogar ein Chor kommt zum Einsatz. Das aufmunternde, Mut machende „Taufrisch“ (musikalisch ein klassischer Grönemeyer) taugt auch als Motivations-Song vor der Alpenquerung („Warten bis der Tag bricht / und die Sonne sich regt / uns wiederbelebt / jetzt erst recht“). Das elektronisch und von Keyboards geprägte „Leichtsinn & Liebe“ („Ja, sein wir ehrlich – alles ist gefährlich.“) hebt die Laune mit großem und melodisch höchst eingängigem Pop.

Dass „Tumult“ trotz der heiteren Momente, zu denen auch die Liebes- und Glückslieder „Sekundenglück“ und „Mein Lebensstrahlen“ zählen, einen für Grönemeyer-Verhältnisse melancholischen Eindruck hinterlässt, liegt nicht so sehr an den politischen, sondern an den persönlichen Songs, von denen es mehrere gibt. Auf „Warum“ thematisiert der Künstler, der in Deutschland alle zehn Alben seit „4630 Bochum“ auf Platz eins platzieren konnte, Angst und Selbstzweifel. „Manchmal ist der Druck fast unerträglich“, sagt er.

Ein würdiges Mittelspätwerk

Auch „Verwandt“, ein Lied über eine Liebe, die nicht sein soll, berührt, bevor es am Ende mitreißt. Die Klavierballade „Wartezimmer der Welt“ ist intensiv und hinterlässt den Hörer traurig, bevor Grönemeyer mit dem festlichen „Und immer“ („Und immer / wenn dich der Kummer bricht / leg ich beide Arme / einfach stark um dich“) der Schwermut den Garaus macht. Grönemeyer, der das Album an diesem Abend selbst zum ersten Mal „halbwegs entspannt“ angehört haben will, habe zu den Liedern ein „vorsichtiges Verhältnis“. Er sei noch „etwas verkrampft“ – muss er aber nicht. „Tumult“ ist ein würdiges Mittelspätwerk, die Melodien solide bis richtig stark, die Texte tiefgründig, der Politik-Aspekt wird mit Zuversicht, aber ohne Blauäugigkeit behandelt.

Musik als Glücksgefühl

Dieser Mann, ganz mit sich im Reinen, wie er mit seinem Bier an der Theke steht, ist längst nicht am Ende seiner Kunst. Mit dem Liederschreiben, sagt Grönemeyer und setzt seinen verschmitztesten Gesichtsausdruck auf, sei es im Grunde ja sowieso wie mit dem Austausch zwischenmenschlicher Zärtlichkeiten. „Auch, wenn du vielleicht schon 60 Jahre lang geküsst hast, hörst du ja nicht einfach auf mit dem Küssen.“ Er zumindest nicht.

„Was das Küssen angeht, so bleibe ich dran.“ Was die Musik angeht auch. „Es treibt mich einfach weiter an, weil ich Musik machen will und muss. Ich werde weitermachen, bis ich das Gefühl habe, jetzt bin ich nur noch peinlich. Ich stehe sehr gerne auf der Bühne und singe. Das ist das ultimative Glücksgefühl.“ Und außerdem: Wo gebe es das schon, dass die Leute klatschen, wenn man zur Arbeit kommt? Unter Beifall trinkt er sein Bier aus und lächelt.