Herr Steinmann, warum übersetzt man die „Ilias“ neu?

Jedes literarische Kunstwerk muss etwa alle 30 Jahre neu übersetzt werden. Nicht so sehr, weil sich die Sprache so stark wandelt. Sondern vor allem, weil sich die Lesegewohnheiten ändern. Übersetzungen der Ilias gibt es seit der Goethezeit: Für die jungen Stürmer und Dränger war Homer die Personifikation des Originalgenies und zwar gerade auch wegen seiner Sprache. Goethe sprach von einem „außerordentlichen Lakonismus“.

Ganz so lakonisch schlicht war sie doch nun auch wieder nicht: Immerhin ist das ganze Epos durchgehend in Hexametern geschrieben. Ihr Vorgänger Wolfgang Schadewaldt hatte das noch in profane Prosa umgewandelt. Warum entscheiden Sie sich anders?

Ich bin der Überzeugung, dass Gleichmaß zum Wesen der epischen Dichtung gehört. Die äußere Form des homerischen Hexameters ist mit dem Inhalt untrennbar verbunden.

Die alten Griechen glaubten, dass die Seele im Bauch sitzt. Jetzt heißt es bei Ihnen über Hektor: „… und er biss ins Zwerchfell.“ Müsste man da nicht einen völlig anderen Begriff wählen?

Nein. Man kann ja dem Leser mit einer kleinen Anmerkung zum Verständnis verhelfen. Wenngleich diese Möglichkeit natürlich auch begrenzt ist: Ein Kommentarteil, der wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, kann schnell mal tausend Seiten umfassen. Das auf 50 Seiten zu komprimieren, ist nicht ganz einfach.

Gab es Stellen, an denen Sie verzweifelt sind?

Nein. Solche Stellen habe ich dann einfach bis zu einer tauglichen Lösung ruhen lassen.

Das hilft?

Übersetzen ist eine Sache von Inspiration und Transpiration. Ich habe mir schon für die „Odyssee“ fünf Jahre Zeit gelassen, bei der „Ilias“ waren es jetzt zehn Jahre. Allerdings habe ich in dieser Zeit auch an anderen Werken gearbeitet.

Hat Homers Stimme Sie nach einer Weile auch in den Alltag verfolgt?

So weit würde ich nicht gehen. Aber was sich durchaus ergibt: Wir sprechen in manchen Partien auf die Weise Homers. Haben Sie es gemerkt? Dieser Satz war ein Hexameter!

„Wir sprechen in manchen Partien …

… auf die Weise Homers.“ Ja, so leicht kann uns Homers Sprache auch im Alltag begegnen. In der Schweiz gibt es das Bärndütsche, das ist ein besonders bildhafter, uriger Dialekt. Ein Berner, Albert Meyer, hat die „Odyssee“ auf Bärndütsch übersetzt: Das ist ganz prächtig geworden, da spüren Sie die Urkraft des Dialekts!

Kann man heute noch von Homer das Erzählen lernen?

Denken Sie nur an „Troja“, also die Verfilmung der "Ilias" durch Wolfgang Petersen 2004. Auch wenn der Film nicht allein auf der Ilias beruht, sondern auf dem ganzen trojanischen Zyklus: Wir können an ihm durchaus erkennen, dass wir von Homers Vorgehensweise einiges lernen können. Allerdings denke ich da weniger an die Bauart des Epos und vielmehr an seinen ethischen Gehalt.

Ethischer Gehalt? In diesem blutrünstigen Text, der vor brutalen Szenen nur so strotzt und in dem wegen einer Nichtigkeit gleich ein Krieg vom Zaun gebrochen wird?

Zuzugeben ist, dass die "Ilias" über weite Strecken vom Töten und Sterben der Krieger handelt. Wir bekommen den Tod von nicht weniger als 250 Menschen mit. Alle diese Todesfälle werden auf sehr brutale Art geschildert. Da spritzt das Blut und brechen die Knochen. Es gibt aber auch wunderbare Gleichnisse, Exkurse und Einschübe, die unglaublich anrührend sind.

Zum Beispiel?

Thersites ist der erste Empörer der Weltgeschichte: einer, der Zivilcourage zeigt. Er wehrt sich gegen die Führenden, also gegen Agamemnon, Achilles und Odysseus. „Du Agamemnon“, sagt er, „betreibst diesen Krieg doch nur aus Bedürfnis nach Beute und Frauen.“ Er als einziger unter 60 000 Kriegern wagt aufzustehen und die Soldaten zum Desertieren aufzurufen!

Mit welchem Erfolg?

Die Krieger folgen ihm nicht, die anderen Führer halten zu Agamemnon. Thersites wird geschlagen und gezüchtigt. Wer keine Argumente hat, schlägt eben zu. Man muss sich vorstellen: Dieser Mann gilt als der hässlichste unter den Griechen, krummbeinig, lahm an einem Fuß. Ein vollkommenes Gegenbild zum griechischen Helden. Und der wagt es aufzustehen!

Wer heute von den Helden der "Ilias" spricht, hat doch aber Achilles und Hektor im Sinn – und nicht Thersites! Wo sehen Sie da ein ethisches Bewusstsein?

Dann schildere ich Ihnen eine andere Szene: König Priamos kommt ins Zelt des Achilles, um den Leichnam seines Sohnes auszulösen. Nun ist dieser Achilles ja in der Tat ein Berserker, ein blutgeiler Typ. Als er Hektor besiegt hat, schleift er seine Leiche neun Tage lang um das Grabmal seines Freundes Patroklos – furchtbar! Und jetzt kommt Hektors Vater ins Lager der Griechen. Nach all dem Grauen, Hass und Leid gelingt den beiden ein Akt der Versöhnung: Achilles stimmt einem elftägigen Waffenstillstand zu und der Auslösung des toten Hektor, damit dieser bestattet werden kann. Das ist ein Schritt auf dem nie enden wollenden Weg zur Menschlichkeit!

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Diese Szene findet sich auch in Wolfgang Petersens „Troja“. Was halten Sie von seiner Verfilmung?

Ich zolle seinem Werk Respekt. Nur hat er sich leider einen groben Fehlgriff geleistet.

Welchen?

Agamemnon kehrt nach dem Fall Trojas ja eigentlich in seine Heimat nach Mykene zurück, wo er dann von seiner Frau Klytaimestra und deren Geliebten Aigisthos ermordet wird. Der gemeinsame Sohn Orest rächt seinen Vater, indem er die Täter umbringt – und wird genau dadurch zum Muttermörder: Was für eine Geschichte! Petersen dagegen lässt Agamemnon in der Schlacht um Troja fallen und macht dadurch die ganze "Orestie" unmöglich. Was soll das? Das hätte er nicht machen sollen!

Homer hat bekanntlich die „Ilias“ geschrieben und angeblich auch die „Odyssee“. Stammen diese beiden so unterschiedlichen Werke wirklich aus derselben Feder?

Nein. Der Geist dieser beiden Epen ist so verschieden: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass beide Texte tatsächlich vom selben Autor verfasst wurden.

Worin unterscheiden sie sich?

Die "Odyssee" ist ein herrliches Werk voller Seemannsgarn, das erinnert an Sindbad den Seefahrer! Es ist viel bewusster komponiert als die „Ilias“. Dafür besitzt die „Ilias“ eine Härte, eine Unerbittlichkeit, eine archaische Wucht, die näher an den unverstellten Wurzeln des Menschseins ist.

Homer: "Ilias", übers. v. Kurt Steinmann, Manesse Verlag: München 2017; 676 Seiten, 99 Euro.