„Kraniche basteln ist nicht mein Ding!“ Auch wenn jeder sofort an Origami denkt – es sind andere Vorbilder, auf die sich Jule Waibel mit ihren markant gefalteten Kleidern und Alltagsobjekten beruft. „Mein heimlicher Lehrmeister“, verrät die Mode- und Produktdesignerin, „war Oskar Schlemmer.“ Besonders das Triadische Ballett aus der Stuttgarter Staatsgalerie fasziniere sie durch seine Verbindung von Figur und Geometrie. So kommt die Wahlberlinerin denn auch wie gerufen für die Architekturgalerie am Weißenhof, die Waibels Schaffen jetzt im Rahmen einer Ausstellungsreihe zum Bauhaus-Jubiläum vorstellt.

Sessel, Schirme und Teppiche hat die Designerin von der Spree mitgebracht. Und eine Vase, die zur Kugel anschwillt, je mehr Wasser man einfüllt. Allen Objekten ist eines gemeinsam: das Zacken- und Rautenmuster, durch Faltung in die Oberflächen gepresst. Besonders die Kleiderentwürfe haben die 32-Jährige bekannt gemacht. Schon die Teilnehmerinnen von Heidi Klums Show „Germany‘s next topmodel“ trugen Kreationen der jungen Entwerferin.

Jule Waibels Bruder ist der Raper Cro. Ihr Verhältnis zueinander ist gut, sagt sie.
Jule Waibels Bruder ist der Raper Cro. Ihr Verhältnis zueinander ist gut, sagt sie. | Bild: Jule Waibel

Waibel selbst scheint sich dagegen in alten Jeans und Sneakers wohler zu fühlen als in Haute Couture. Jedenfalls gibt sie sich betont locker, wie sie draußen auf der Treppenstufe vor der Weißenhofgalerie sitzt. Auch als das Gespräch auf ihren berühmten kleinen Bruder, den Rapper Cro (bürgerlich Carlo Waibel) kommt, scheint sie nicht genervt. Dabei ist die Frage nach der Beziehung der beiden meist die erste, die Journalisten ihr stellen. „Wir verstehen uns prima und er bewundert meine Sachen.“ Jule Waibel entwarf nicht nur die Akustikpaneele für Cros Studio, sondern kleidete auch eine Akteurin aus einem seiner Videos ein. Einen Türöffner zur eigenen Karriere sieht Waibel in ihrem Bruder indes nicht: „Als ich anfing, mich selbstständig zu machen, lebte ich noch in London.“

Dort ist der Pandamasken-Mann kaum bekannt. Beim Umzug nach Berlin war es eher die praktische Hilfe, die sie von ihm bekam. „Er hat mir immer sein Auto geliehen.“ Gemeinsam mit Cro und zwei weiteren Geschwistern wuchs die Designerin in Böbingen auf. „Bei uns zu Hause“, erzählt sie, „wurde sehr viel gemalt, gewerkelt und gebastelt.“ Lebhafte Erinnerungen verbindet sie mit der orangefarbenen Toyota-Nähmaschine ihrer Mutter. So entstand schon früh der Wunsch, Modedesignerin zu werden, auch wenn Jule Waibel sich dann für das vielseitigere Fach des Produktdesigns entschied.

Mit Wasserdampf lässt sich alles knicken

Ihr Markenzeichen, die Falte, kam allerdings unabhängig von fremden Einflüssen zustande. Selbst wenn sie spricht, scheint sie noch bei der Arbeit. Ihre Hände sind ständig in gestikulierender Bewegung, als wäre ihnen das Schneiden, Falten und Knicken schon in Fleisch und Blut übergegangen. Und das ist es wohl auch. Die Entwerferin weiß sogar, Stoffe in Falten zu legen, die dafür eigentlich nicht gemacht sind. Lastwagenplanen etwa, Messing, Neopren oder Holz. Das Geheimnis, um all das knicken zu können, liegt im Wasserdampf. Der macht noch das störrischste Material für die weitere Gestaltung gefügig. Mittlerweile besitzt Waibel einen eigens für sie angefertigten Dampfofen, der auch die Verarbeitung großer Stoffmengen erlaubt.

Klassische Form, eigenwillige Falttechnik: ein Stuhl von Jule Waibel.
Klassische Form, eigenwillige Falttechnik: ein Stuhl von Jule Waibel. | Bild: Jule Waibel

Im Laufe ihrer Ausbildung kam die Knickkünstlerin mit ganz unterschiedlichen Gestaltungstheorien in Berührung. „An der Hochschule in Schwäbisch Gmünd wurde uns vor allem das pragmatische form-follows-function-Prinzip eingebläut.“ Beim Masterstudium am renommierten Royal College of Art in London hätten ihr die Dozenten dagegen gesagt: „Jule, es muss keine Funktion haben.“

Faltbar, praktisch, gut!

Heute hat Waibel für sich einen Kompromiss zwischen diesen beiden Schulen gefunden: „Wenn jemand meine Arbeit nur der Ästhetik wegen bewundert, ist das in Ordnung.“ Grundsätzlich aber, betont sie, seien die Entwürfe alle auf Benutzbarkeit angelegt. Und dank der Falttechnik nehmen die Sachen auch kaum Platz weg. Das erfuhr Waibel, als sie mit ihren Plissee-Kleidern zu einer Modenschau nach Hongkong eingeladen wurde. „Die gesamte Kollektion passte in zwei Koffer.“ Faltbar, praktisch, gut!

Bis 6. Oktober, Stuttgart, Am Weißenhof 30, Di-Fr 14-18, Sa, So 12-18 Uhr.