Wer den gewohnten Eingang ins Kunsthaus Zürich sucht, vorbei an Auguste Rodins monumentaler Bronze-Skulptur „Das Höllentor“, der sucht vergebens. Die Baumaßnahmen zur Kunsthaus-Erweiterung haben längst schon den Bestand erreicht. Bei laufendem Betrieb werden Treppen und Lifte eingebaut. Der Vortragssaal gegenüber dem Restaurant dient jetzt als temporäre Eingangshalle. Mit diesem Provisorium müssen Kunsthaus-Besucher bis 2018 leben. Der Erweiterungsbau selbst wird im Jahr 2020 eröffnet.

Mit dem Neubau des Star-Architekten David Chipperfield erhält das traditionsreiche Kunsthaus auch mehr Platz für Sonderausstellungen. Wie dann das künftige Programm aussehen könnte, darüber machen sich Christoph Becker, Direktor des Kunsthauses, und sein Team jetzt schon Gedanken. Was sie vermeiden wollen: Mit dem Erweiterungsbau rote Zahlen zu schreiben, wie im Kunstmuseum Basel geschehen.

Mit der Ausstellung „Cantastorie. Ritter, Räuber, Zauberinnen – Volkskunst aus Süditalien“ erprobt nun das Kunsthaus „neue Formen der Präsentation und Vermittlung“, wie es in einer Mitteilung heißt. Man gehe von zwei Seiten auf das Publikum zu, mit einem dezidiert volkstümlichen Ansatz – damit sind die aktuell präsentierten, bis zu 100 Jahre alten Prospekt-Plakate der Puppenspieler-Familien Parisi und Maldera gemeint – und einem musikalisch-theatralischen Begleitprogramm – so spielt im Bührle-Saal täglich eine Drehorgel, im Zentrum der Ausstellung steht eine Bühne für Sänger, Kammermusik-Ensembles und eine Folklore-Gruppe.

Das Ziel, das mit der Idee verbunden ist: Das neue, größere Kunsthaus braucht mehr Publikum, mehr Einnahmen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Mehr Zulauf stärkt den Rückhalt des Hauses sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik. Ob diese freundliche Öffnung das Profil des Hauses als international geachtetes Kunstzentrum am Ende beschädigt, diese berechtigte Frage bleibt zunächst noch unbeantwortet. Allerdings hat sich der Kunstbegriff in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert. Im Zeitalter des „Anything goes“ (Alles ist möglich) verbietet es sich zum Beispiel, von guter oder schlechter Kunst zu sprechen. Das kann man aber auch bedauern …

Was die Ausstellung „Cantastorie“ angeht – dafür müssen sich Gast-Kuratorin Daniele Hardmeier und Co-Kurator Christoph Becker nicht schämen. Hinter dem Begriff verbirgt sich ein Konvolut von 246 mit Leimfarben bemalten, bis zu 1,5 Metern hohen und drei Metern breiten Bildern und Bilderzyklen zu Themen der klassischen italienischen Literatur. Erwähnt seien an dieser Stelle nur Ludovico Ariostos Vers-Epos „Der rasende Roland“ („Orlando furioso“, erstmals 1516 erschienen) oder Torquato Tassos Hauptwerk „Das befreite Jerusalem“ („Gerusalemme liberata“, 1574 vollendet).

Schöne Prinzessinnen, heldenhafte Ritter, Heilige und Teufel, Fabeltiere und andere irreale Erscheinungen à la Hieronymus Bosch bevölkern die farbenfrohen Plakate, die Bühnenersatz waren. Sie enthalten die Handlungsstränge der Epen und Sagen, auf die der Cantastorie (Sänger) während der Vorstellung mit dem Zeigestock hinwies. Den Puppenspielern ging es damals um reine Unterhaltung. „Marionettentheater war wie ein großes Kino, der Bänkellieder-Gesang gleichsam eine Schlagerparade“, sagt dazu Kuratorin Hardmeier. – Kino und Fernsehen waren schließlich der Tod der Cantastorie, das auch als eine Art Gegenentwurf zu den großen Theaterhäusern und Opernbühnen galt, ein Gegenentwurf aus Sperrholz und Pappmaché.

Das Kunsthaus Zürich zeigt etwa 70 dieser originären Meisterwerke der Volkskunst, die auch als frühe Comics gelesen werden können. Dazu gibt es Textbücher, die von den Bänkellieder- und Puppenspieler-Familien Parisi (Neapel) und Maldera (Foggia) als Geheimnisse weitergegeben wurden. Der spektakuläre Bilderfund verdankt sich der deutschen Sammlung Würth. In Künzelsau, Stammsitz des Unternehmens, wurden die empfindlichen Exponate restauriert und erstmalig museal ausgestellt. Ihre Erstbesitzer behandelten die Plakate, die ihnen mitunter auch als Werbematerial dienten, nicht als Kunstwerke. Die Arbeiten auf Papier oder Leinwand wurden nach jeder Vorstellung zusammengefaltet und im Wagen verstaut. Der Faltenwurf ist nach wie vor sichtbar. Er wirkt wie ein Zitat aus jenen Tagen, als die Prospekt-Plakate noch Teil des Theaterbetriebs waren.

Die Zürcher Ausstellung ist, das räumt Becker gerne ein, an der Schnittstelle von Volkskunde und Kunstgeschichte angesiedelt. Damit gibt der Direktor des Kunsthauses auch eine vertraute Arbeitsteilung auf: Kunstmuseen zeigen Kunst, ethnologische Museen zeigen fremde Kulturen und/oder Epochen. Auch dagegen ist nichts einzuwenden. Erst recht nicht im Fall der Ausstellung „Cantastorie“. Hier kommen bildende Kunst, Musik und Literatur zusammen. Der Künzelsauer Sammler Reinhold Würth sprach in diesem Zusammenhang sicher nicht zufällig von einem „universalpoetischen Ansatz“. So ist es.

Cantastorie. Ritter, Räuber, Zauberinnen – Volkskunst aus Süditalien“: Kunsthaus Zürich, bis 8. Oktober 2017. Geöffnet Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Weitere Informationen auf www.kunsthaus.ch

Was steckt dahinter?

Mit Cantastorie sind großformatige Prospekt-Plakate gemeint. Sie waren der über Generationen gehütete Schatz zweier italienischer Familien von Bänkelsängern und Puppenspielern (Parisi/Maldera), die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterwegs waren. Mehr als 250 dieser Meisterwerke der Volkskunst sind erhalten, sie gehören zur Sammlung Würth. Das Kunsthaus Zürich zeigt 70 der farbenfrohen Bilder, die den Menschen zusammen mit Puppenspiel und Gesang große Themen der italienischen Kultur auf unterhaltsame Weise nahe brachten.