Sie ließen sich wirklich lange Zeit mit ihrem siebten Studioalbum, das am 17. Mai 2019 erscheint und einfach „Rammstein“ heißt. Immer mal wieder musste man sich gar fragen, ob das überhaupt noch etwas werden würde. Oder ob die kreative Wucht der sechs Männer, die bis auf Bassist Oliver Riedel bereits länger als ein halbes Jahrhundert auf Erden wandeln, womöglich nicht mehr ausreicht für ein weiteres Werk.

Die beruhigende Erkenntnis für Rammstein-Freunde: Doch, das tut sie. 24 Jahre nach ihrem Debüt „Herzeleid“ und zehn Jahre nach „Liebe ist für alle da“ feuern Rammstein auf „Rammstein“ aus allen Rohren.

Triumphzug rund um die Welt

Man sollte sich das ja nicht zu einfach vorstellen, nach Liedern wie „Mutter“, „Engel“ oder „Mein Teil“, mit denen die Wahl-Berliner um die Welt gereist sind und Triumphzüge von der US-Westküste bis ins tiefste Sibirien feierten, noch neue Songdiamanten zu schürfen, die es mit dem Frühwerk aufnehmen können.

Wer in erster Linie mit Druck und Härte hantiert, dessen Sound kann das gute Leben, das die Rammsteiner fraglos genießen, auch schon mal etwas weicher spülen. Und wieso auch nicht? Es kommt ja immer noch etwas Vernünftiges dabei heraus, und die Konzerte waren sowieso im Handumdrehen ausverkauft, also kein Stress.

Poetische Liebeserklärung

Um im Bild zu bleiben: Ein Lied mit dem Titel „Diamant“ gibt es auf „Rammstein“. Es ist das mit knapp zwei Minuten Laufzeit kürzeste, und es ist eine schlichte, zärtlich ergreifende und, na ja, einfach nur schön pathetische Liebeserklärung.

Überhaupt, die Burschen waren schon mal böser, rein in musikalischer Hinsicht. Sänger Till Lindemann und seine Kollegen haben ein für ihre Verhältnisse sehr bekömmliches Album eingespielt – mit Betonung auf „für ihre Verhältnisse“. Denn erregungsökonomisch ging es gleich steil nach oben, sobald die ersten Sekunden des neuen Materials veröffentlicht waren.

Skandal um „Deutschland„

Selten wurde ein Kunstwerk in jüngerer Vergangenheit so kontrovers diskutiert wie das Video zur vor einigen Wochen vorab veröffentlichten Single „Deutschland“. Im Trailer zum Clip sah man die Musiker als offenkundig vor der Hinrichtung stehende KZ-Insassen. Die Empörung war gigantisch – doch die Aktion kam nicht unerwartet. Seit jeher werfen Rammstein gerne Stöckchen, über die dann alle springen. Aus Sicht der Band hätte es nicht besser laufen können.

Weitere Kontroversen werden rund um dieses Album nicht mehr folgen. Völlig zahm und praktisch poppig klingt die neue Single „Radio“. Und es fällt auf, dass Rammstein trotz immer wieder einsetzender harter Gitarren wohl noch nie so melodisch und regelrecht freundlich klangen wie auf „Rammstein“.

„Puppe“ ist zum Fürchten gut

So ist „Zeig dich“, harte Gitarrenriffs hin oder her, eine erwartbare Kirchenkritik zum Mitsingen, „Sex“ eine nur ganz leicht perverse Hymne auf selbigen, mit einem Refrain, der auch im Kölner Karneval einsetzbar wäre. Der heimliche Höhepunkt des Albums heißt „Puppe“: In der sich ruhig entfaltenden Ballade über eine abgründige Horror-und-Gewalteskalation ist Till Lindemann zum Fürchten gut.