Gespannte Erwartungen vor diesem Konzert: Ist Bob Geldof, einst Sänger der Punk-Truppe Boomtown Rats, als Musiker überhaupt noch ernstzunehmen? Die große Zeit der Band liegt ja schließlich schon über 30 Jahre zurück, und die Solo-Karriere des gebürtigen Iren, Mitte der 1980er gestartet, kam – rückblickend betrachtet – ohnehin nie so richtig in Schwung.

Vielen ist Geldof ja auch eher als Polit-Aktivist ein Begriff, als Co-Organisator der berühmten „Live Aid“-Konzerte in London und Philadelphia anno 1985 und der Neuauflage des Spektakels 20 Jahre später. Unablässig wirbt der heute 66-Jährige für ein humanitäres Engagement gegen den Hunger auf dem Sorgen-Kontinent Afrika und für einen großzügigen Schuldenerlass für die allerärmsten Länder der Dritten Welt, für den Abbau von EU-Handelsbarrieren gegenüber afrikanischen Staaten und für die globale Kampagne „Make Poverty History“ gegen Armut.

Versierte Band

Nun also ein Konzert im schweizerischen Schaffhausen, im schnuckelig-intimen Kammgarn, dessen Programmgestalter es in der Vergangenheit ja schon oft geschafft haben, klingende Namen in diese vergleichsweise kleine Veranstaltungshalle zu holen. Und obwohl Geldof auch heute noch immer wieder mal mit seiner alten Formation, den Boomtown Rats, auftritt, wurde er dieses Mal begleitet von einer namenlosen Band – die sich aber als musikalisch höchst versiert entpuppte. Besonders vorteilhaft konnte sich dabei Vince Lovepump, der Violinist der sechsköpfigen Truppe in Szene setzen – immer wieder sorgte er mit virtuosen Soli für die Perfektionierung des (ohnehin überdurchschnittlich gut abgestimmten) Sounds der Gruppe.

Gut, zu Beginn des Konzerts hatten die Leute am Mischpult die Sache noch nicht so richtig im Griff, aber nach den ersten zwei, drei Songs gab es diesbezüglich nichts mehr zu mäkeln. Mit der schmissigen Folk-Nummer „The Great Song Of Indifference“ begann der Gig, und schon diese sorgte für Stimmung unter den rund 500 Fans, die sich im Kammgarn eingefunden hatten. Ein erster Höhepunkt war „When The Night Comes“, ein alter Boomtown-Rats-Klassiker – nur rund ein halbes Dutzend Tracks aus dieser Phase seines kreativen Schaffens präsentierte Geldof an diesem Abend, aber auch seine späteren Solo-Kompositionen brauchen sich ja wirklich nicht zu verstecken.

Ein wahrer Animationskünstler: Bob Geldof hat das begeisterte Schaffhauser Publikum im Griff.
Ein wahrer Animationskünstler: Bob Geldof hat das begeisterte Schaffhauser Publikum im Griff. | Bild: Lydia Schymassek

„Walking Back To Happiness“ etwa, ein wahres Juwel von einem Song (von der vorzüglichen LP „Vegetarians Of Love“ aus dem Jahr 1990). Über zehn Minuten lang ist dieses Stück live – und spontan wünscht man sich glatt, es möge doppelt so lange dauern. Und obwohl die Stimme des 66-jährigen Iren im Lauf der Jahrzehnte durchaus etwas gelitten hat – bei diesem Song klang sie so vital wie eh und je.

Selbstverständlich intonierten Geldof und Kollegen auch die zwei Welt-Hits, die die Boomtown Rats seinerzeit hatten: „Banana Republic“ und „I Don’t Like Mondays“. Stürmisch umjubelte da das Publikum die Band – völlig zu Recht. Absolutes Highlight an diesem Abend war jedoch ein Song vom 2001er-Solo-Album „Sex, Age & Death“: „Mudslide“, eine hochdramatische Ballade über die Grausamkeiten des Lebens, mit düster dräuenden Klavierakkorden und irrlichternden Geigenklängen. Im Finale des Stücks schrie der Sänger seinen Schmerz hinaus, über das Verschwinden jeglicher positiven Utopie, über die Flüchtigkeit der Liebe, den Verlust von Menschen, die einem etwas bedeuten – ein ergreifender Moment.

Launen des Schicksals

Denn Geldof kennt schließlich die unwägbaren Launen des Schicksals: 1996 wurde seine Ehe geschieden, seine Gattin Paula Yates hatte ihn zugunsten von Michael Hutchence verlassen, dem Sänger der australischen Band INXS. Ein Jahr später beging dieser offiziellen Angaben zufolge Selbstmord, nach einem erbitterten Streit Geldofs mit Yates über das Sorgerecht für die beiden gemeinsamen Töchter. Yates starb im Herbst 2000 an einer Überdosis Heroin, eine der beiden Töchter, Peaches, 2014 im Alter von nur 25 Jahren.

Nur vage erwähnte Geldof im Kammgarn „personal problems“, ließ sich dafür aber umso ausführlicher über seine Jugend im Irland der 1960er- und 70er-Jahre aus, über eine Zeit, in der „3500 Menschen im Bürgerkrieg im Norden des Landes starben, in der die irische Regierung völlig korrupt war und die katholische Kirche im Wesentlichen damit beschäftigt, kleine Jungs zu missbrauchen“. Mit Religion hat der Sänger auch heute so gut wie nichts am Hut: „No Priests, no Imams“ (keine Priester, keine Imame) rief er ins Publikum.

Nichtsdestotrotz war es ein Abend, bei dem die Musik im Vordergrund stand – und nicht die Politik. Eine ausgesprochen fetzige Version des Punk-Klassikers „Rat Trap“ beschloss den regulären Teil des Gigs – gefolgt von einer Reprise von „The Great Song Of Indifference“. Auch Punk-Veteranen kehren auf ihre alten Tage offenbar gern zur Folk-Musik zurück – wenn es Iren sind.