Was für ein Blau! Wer Sabine Beckers Atelier besucht, wird eine andere Farbe kaum zu sehen bekommen. Nicht umsonst lautet der Name ihrer Homepage „Beckerblau“. Was ist bloß dran an diesem Blau? Warum nicht Rot, Gelb oder Grün?

Zunächst: Blau ist nicht blau. Sabine Becker, 59, arbeitet mit Kobaltblau, einem Farbstoff, der aus Erzen im Kongo gewonnen wird. Schon sein Name erzählt Geschichten: Bergleute, die in den Erzen Silber vermuteten, glaubten sich bei ihrer Entdeckung des tatsächlichen Sachverhalts von Kobolden genarrt. Dabei dürften sie inzwischen den Wert von Silber übersteigen. Kobalt findet sich vor allem in Batterien, wie sie für Smartphones oder Elektroautos genutzt werden. Die Nutzung seiner Pigmente hat in der Kunstgeschichte eine lange Tradition, die Chinesen setzten sie schon im 7. Jahrhundert für keramische Glasuren ein, im Mittelalter waren sie in venezianischem Glas zu finden. Und jetzt also Sabine Becker.

Auf ihren Bildern wirkt das Blau so unergründlich und geheimnisvoll, als hätten es jene Kobolde aufgetragen, die einst die Bergleute narrten. Das liegt zum einen natürlich an den Pigmenten selbst, die eimerweise neben der Werkbank bereit liegen. Das liegt aber auch am Untergrund. Denn Becker trägt die Farbe auf grundierte Holzplatten auf, die stabile Fläche strahlt das Blau nach vorne ab statt es in sich aufzusaugen. So paradox es scheint, gerade dieser Effekt verleiht dem Blau seine Tiefe. Man verliert sich geradezu darin, als öffnete sich hinter dem Bild die Galeriewand. „Das können Sie in der Zeitung gar nicht abbilden“, sagt Becker. Und tatsächlich: Diese Leuchtkraft vermag wohl kein Druck und auch kein Bildschirm dieser Welt auch nur annähernd abzubilden. Allenfalls eine Ahnung von dieser Wirkung lässt sich vielleicht vermitteln.

Farbe und Untergrund: Genügt das tatsächlich, um einen solchen imaginären Tunnel zu erschaffen? Sabine Becker greift zu einem ihrer Bilder und hängt es von der Wand. „Schauen Sie sich diesen Rahmen an“, sagt sie und zeigt auf die schwarze Stahlkonstruktion, die das Werk umschließt. „Ich habe lange gebraucht, bis ich jemanden gefunden habe, der mir das so herstellen kann.“ Tatsächlich: Der Rahmen fällt dem Betrachter gar nicht auf. Dabei ist er es, der seinen Blick unerbittlich in die Tiefe der Farbe zwingt – eine unscheinbare, aber massive Fassung um einen blauen Ozean.

Und so naheliegend die Assoziation zum Meer erscheinen mag, sie ist auch biografisch begründet. Denn in Lübeck geboren vermisst die 1981 an den Bodensee gezogene Künstlerin den Blick auf die Weite des Wassers. „Ich muss im Urlaub immer an die Küste“, sagt sie: „Auf das Meer kann ich stundenlang schauen.“ Wie das Meer hat auch ihre Kunst bei allem Blau doch ihre Schattierungen. Am deutlichsten zeigen sie sich in jenen Strukturen, die ausnahmsweise nicht in Kobaltblau aufgetragen werden. Mal sind es gerade Linien, mal großflächige Muster, die an organisches Gewebe erinnern. Die dunkle Tönung und der eigentümliche Glanzeffekt verraten die Herkunft dieses Farbstoffs: Miloriblau nennt er sich, es handelt sich um ein Nebenprodukt aus der Eisenproduktion.

Sie könne sich auch nicht erklären, wie es immer wieder zu den gewebeartigen Strukturen komme, sagt Becker. „Ich fange an, mit dem Spachtel die Linie zu ziehen, und am Ende kommt eine bestimmte Form heraus.“ Ein meditativer Prozess sei das, keine strategische Planung. Das Miloriblau jedenfalls hält der Tiefe des Kobaltblaus eine Vordergründigkeit entgegen. Es ist, als habe jemand vor dem Tunnel ein Netz ausgeworfen, ein Hindernis, das den in die Ferne strebenden Blick des Betrachters abfängt.

Das Blau hat Sabine Becker über Jahrzehnte hinweg begleitet. Doch wer in den vergangenen Wochen ihr Atelier betrat, der konnte Erstaunliches erspähen. Ein Bild, blau zwar, aber nicht im gewohnt großflächigen Farbauftrag, sondern wie von Kreide gezeichnet. Und zwischen all dem Blau: Rot! Was ist da los?

Vielleicht, sagt die Künstlerin, stehe sie zurzeit tatsächlich vor einer ganz neuen Phase. Auslöser sei eine Entdeckung gewesen. Nach der Fertigstellung eines Werks hatte sie die von blauen Pigmenten getränkte Emulsion verdunsten lassen. Übrig blieb ein blauer Klotz, nicht mehr als ein Abfallprodukt. Doch dann war eines Tages ihr Galerist zu Besuch, nahm das Ding und fuhr damit über ein Papier. Siehe da: Man kann damit malen!

Die Kreideanmutung stellt eine völlig neue Ästhetik dar, nicht zuletzt auch deshalb, weil statt einer Holzplatte hier nun Packpapier als Untergrund dient. So ungewohnt es auch erscheint: Allein der kobaltblaue Farbton lässt keinen Zweifel an der Urheberschaft aufkommen, sogar der – freilich noch sehr dezent auftretende – Roteinsatz wirkt erstaunlich schlüssig.

Was lässt sich über eine reizvolle Ästhetik hinaus mitnehmen aus der Kunst von Sabine Becker? Bildern von derart reduzierter Formensprache bis hin zu vollständiger Monochromie eine konkret fassbare Interpretationslinie oder gar politische Dimension abzuringen, mag mitunter bemüht wirken. Und doch würde man dieser Kunst nicht gerecht, wollte man sie auf einen reinen Wellnessfaktor reduzieren. Blau, sagt sie, bedeute für sie immer auch Freiheit. Und Freiheit wiederum die Gewissheit, „nicht manipuliert zu werden“. Eine Farbe als Ausweg aus den Manipulationserfahrungen unserer Zeit: Mit dieser Aussage im Kopf lässt sich die Malerei von Sabine Becker sogar doch noch politisch verstehen.

Zur Person

Sabine Becker, 1958 geboren in Lübeck, lebt seit 1981 am Bodensee. Nach Tätigkeit in einer Pflanzenfärberei unterrichtete sie von 1991 bis 1995 an der Pädagogischen Hochschule Weingarten Textiles Gestalten. Seit Anfang der Neunzigerjahre ist sie als Malerin tätig. Ausstellungen unter anderem in der „Neue Kunst Gallery“ Karlsruhe, im Museum Art&Cars Singen sowie im Schloss Blumenfeld. Ihre Werke sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen zu finden, so etwa in der Kunstsammlung des Landkreises Konstanz sowie der Kunstsammlung des Bodenseekreises. (brg)