Etwas versteckt, im oberen Stockwerk, zeigt das Tinguely-Museum Fotografien von Gauri Gill. Die beiden Werkgruppen „Traces“ und „Birth Series“ der indischen Fotografin, deren Werke zuletzt bei der documenta 14 in Kassel zu sehen waren, ergänzen sich. Denn sie handeln von Werden und Vergehen in einem uns fremden Kulturkreis. Zu sehen sind 17 großformatige Aufnahmen von Grabstätten, die die 48-jährige Künstlerin in der Wüste West-Rajasthans aufgenommen hat, sowie acht kleinere Arbeiten, die die Geburt eines Kindes zeigen. Die Aufnahmen berühren, ja sie betören geradezu durch ihre Einfachheit.

In „Traces“ dokumentiert Gill elementare Orte der Erinnerung. Sie hat die Grabstätten gemeinsam mit Angehörigen oder Freunden der Verstorbenen aufgesucht. Für Außenstehende sind die Gräber in der freien Landschaft kaum erkennbar. Die von Hand aufgeschütteten Erdhügel werden mit Porzellan, Tonscherben, beschrifteten Steinbrocken oder persönlichen Gegenständen eingefasst. Die Gräber auf den Bildern stammen von Nomaden und Sesshaften, die unterschiedlichen Religionen angehören und – wie die Jogis und die Meghwals – sozialer Ächtung und Diskriminierung ausgesetzt sind. Es ist im Übrigen kein Zufall, dass die Erdhaufen, Wind und Wetter ausgesetzt, schnell verschwinden. Auf ihre Art machen die Aufnahmen dieser Begräbnisstätten glauben, dass der Tod eher eine Passage als ein Ende ist.

Bilder voller Respekt

Die zweite Gruppe, die „Birth Series“, steht für das Willkommen und zugleich als Gegenpol zum Abschied. Gill porträtiert die Entbindung der Enkeltochter der Hebamme Kamsui Dai in dem abgelegenen Dorf Ghafan in der indischen Provinz Mosar. Sie wahrt diskret die Intimität der beteiligten Menschen. Ihre Aufnahmen zeugen von Respekt, Empathie und Solidarität. Dais Enkelin gebar ihr Kind nach traditioneller Art, halb sitzend in einer zwischen ihren Beinen aus dem Lehmboden gebuddelten Kuhle, wo das Neugeborene auch abgenabelt wurde. Der erste Kontakt des Kindes mit der Welt ist die sandige Erde der schlichten Behausung. Um diese Aufnahmen zu realisieren, baute Gill ein Vertrauensverhältnis mit der Familie auf, zeitweise lebte sie mit ihr zusammen. So lernte sie ihr hartes Leben und das der Dorfbewohner kennen.

Gill, in der Großstadt Chandigarh geboren, in Neu-Delhi sowie in den USA ausgebildet, begann 1999, den indischen Bundesstaat Rajasthan im Nordwesten des Subkontinents zu bereisen – das Gebiet ist so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Im Lauf der Zeit entstanden viele Aufnahmen, sodass sie ein „Wanderarchiv“ anlegte, das heute mehr als 40 000 Negative enthält. Es besteht aus kollaborativen Projekten mit der lokalen Bevölkerung – und es ist Kunst, die nachdenklich stimmt.

„Gauri Gill. Traces“ im Museum Tinguely Basel, bis 1. November 2018, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.