Schnell noch ein Selfie... Nie waren Bilder so wichtig und verfügbar wie heute. Doch es gab in der Geschichte auch Perioden einer geharnischten Bilderfeindschaft. Geführt wurde der Streit um Bilder nicht zuletzt mit Bildern selbst.

Zerstörte Götzenbilder

Es ist eine doppelte Szene der Zerstörung: einmal leuchtend farbig, und einmal Grau in Braun sowie Schwarz. Niklaus Manuels Feder- und Pinselzeichnung „König Josua, der die Götzenbilder zerstören lässt“ stammt aus dem Jahr 1527. Die Bibelstelle, auf die sie sich bezieht, handelt von einem Bildersturm. Ein Jahr später fand in Bern selbst, wo Manuel lebte und arbeitete, ein Bildersturm statt – an dem der Künstler sogar aktiv beteiligt war. 1527 hatten die Befürworter der Reformation im Großen Rat der Stadt die Mehrheit erlangt. Im Januar 1528 fielen der reformatorischen Bilderfeindschaft erstmals Gemälde und Skulpturen religiösen Inhalts zum Opfer.

Glasbilder schmückten auch Zunfthäuser. Hier eine Darstellung des Bannerträger der Basler Himmelszunft, geschaffen von Balthasar Han (1554).
Glasbilder schmückten auch Zunfthäuser. Hier eine Darstellung des Bannerträger der Basler Himmelszunft, geschaffen von Balthasar Han (1554). | Bild: Historisches Museum Basel, N. Hansen

Ist Manuels Darstellung nun Anklage oder Akklamation? Ein Verdammungsurteil – oder im Gegenteil Propaganda für die Bilderstürmer? Die Antwort lautet: Vermutlich Letzteres, auch wenn es erstaunlich anmutet, dass Manuel, der als Künstler in erheblichem Maß von kirchlichen Aufträgen abhängig war, die Position der Bilderstürmer vertritt. Und gleich noch ein Paradox: Der Kampf gegen religiöse Bilder wurde – nicht nur in diesem Fall – in einem Bildmedium ausgetragen, das sich dank seiner Farbenpracht insbesondere in der Schweiz größter Beliebtheit erfreute. Diente Manuels Zeichnung doch einem Berner Glasmaler 1530 als Vorlage für ein Glasbild.

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Beide Schöpfungen, die Zeichnung und das Glasgemälde, sind in der Ausstellung „Lichtgestalten. Zeichnungen und Glasgemälde von Holbein bis Ringler“ des Kunstmuseums Basel zu sehen. Die Bildgattung Glasgemälde erlebte im 16. Jahrhundert eine Blüte. Nicht von ungefähr ist das Kunstmuseum im Besitz einer größeren Zahl von Glasgemälden neben annähernd 400 Vorzeichnungen – so genannten Scheibenrissen. Die Ausstellung bietet 20 Glasgemälde aus der eigenen sowie aus Sammlungen wie der des Victoria und Albert Museums in London oder des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg; dazu hochkarätige Grafik in Form von 70 Scheibenrissen. Das Museum scheute weder Kosten noch Mühe: 2019 fand eine Fachtagung zum Thema statt, auch wurden einige Glasgemälde an historischen Gebäuden der Stadt eigens für die Schau ausgebaut.

Von Ludwig Ringler stammt auch dieses Glasbild mit dem Bannerträger der Zunft zu Webern (1560).
Von Ludwig Ringler stammt auch dieses Glasbild mit dem Bannerträger der Zunft zu Webern (1560). | Bild: Historisches Museum Basel, P. Portner

Die Begeisterung des Zeitalters für dieses relativ junge Medium versteht man beim Anblick der Glasbilder mit ihren leuchtenden Farben unmittelbar. Auf die Menschen der Renaissance mussten Bilder dieser Art in etwa so stark und faszinierend gewirkt haben wie heute die Leuchtkastenbilder des kanadischen Fotokünstlers Jeff Wall auf uns.

Beziehungspflege mit Glasbildern

Die Schweiz war ein Hotspot und Basel eine Hochburg der Bildgattung Glasgemälde. Allein Hans Holbein d. J. schuf in seinen Basler Jahren 25 Scheibenrisse – durchweg grafische Meisterwerke. Die Motive waren Heilige oder die Passionsgeschichte in einer um 1528 geschaffene Folge von Zeichnungen. Insofern sich 1529/30 auch in Basel die Reformation durchsetzte, ist nicht bekannt, ob die Folge tatsächlich in Glasmalerei umgesetzt wurde.

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Durch die Stiftung eines Glasgemäldes wurden Allianzen zwischen Institutionen und Freundschaften zwischen Personen dokumentiert und bekräftigt. Glasbilder schmückten Klöster und Kirchen, Rats- und Zunfthäuser oder Universitätsgebäude; in Basel sind noch heute bedeutende Ensembles im Rathaus und Schützenhaus am historischen Ort vorhanden – wie eine Folge von Standesscheiben für die vordere Ratsstube von Antoni Glaser, der in der Schau vertreten ist.

Georg Wannewetsch der Ältere schuf dieses Wappen von Gavin de Beaufort und Daniel Peyer (1575).
Georg Wannewetsch der Ältere schuf dieses Wappen von Gavin de Beaufort und Daniel Peyer (1575). | Bild: Schützenhaus Basel, E. E. Gesellschaft der Feuerschützen, © Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Peter Schulthess, 2008

Neben religiösen Motiven stand das Glasgemälde auch für weltliche Inhalte offen. Ein Beispiel in der Ausstellung wäre David Joris‘ zum Schmunzeln Anlass bietende „Ehebrecherfalle“ von 1555. In seiner Zeit am Oberrhein schuf der Niederländer auch eine Folge von Allegorien der vier Kardinaltugenden. Einer der bedeutendsten Glasmaler seiner Zeit war Ludwig Ringler. Die Ausstellung zeigt von ihm eine Reihe von Glasbildern mit Wappen von Privatpersonen oder von Zünften.

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Mehrere Glasbilder schuf Ringler für die Universität Basel. Sein Wappen der Theologischen Fakultät zeigt eine Frauengestalt als Allegorie der triumphierenden evangelischen Kirche, die auf einem Sockel über der Personifikation der katholischen Kirche steht. Auch Tobias Stimmler, der bedeutendste Schweizer Künstler der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist in Basel mit Scheibenrissen vertreten: mit einer ausdrucksvoll gestalteten biblischen Szene „Das Opfer Abrahams“ sowie sechs Standeswappen schweizerischer und deutscher Städte am Oberrhein.

Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben. Bis 26. April, Di bis So 10-18 Uhr, Mi bis 20 Uhr.

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