Jetzt haben Chris Dercons schärfste Gegner geschafft, was dem neuen Berliner Volksbühnen-Intendanten nicht so recht gelingen wollte: Eine Eröffnungsinszenierung in dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz, von der die ganze Stadt spricht. „Doch Kunst“ steht trotzig über dem Eingang. Denn seit Monaten wird in Berlin gestritten, ob das, was der belgische Museumsmann Dercon mit der Volksbühne vorhabe, Kunst sei, oder ob das besser weg könne. Und jetzt ist plötzlich Leben in dem Theater, das eigentlich noch bis Mitte November verschlossen geblieben wäre.

Das hätten sich die Volksbühnen-Altvorderen Marthaler oder Castorf vielleicht erträumt, aber nie erreicht: Eine auf drei Monate angelegte Inszenierung, mit Hunderten von Mitwirkenden und einer 60-stündigen Party. Mit politischem Anspruch und sogar einmalig in der Theatergeschichte der deutschen Nachkriegszeit. Dem Künstlerkollektiv „Staub zu Glitzer“ gelingt die bühnenreife Besetzung einer Bühne, das reizvolle Spiel von Theater im Theater, die Einswerdung von Künstlern und Laien, das lustvolle Agieren zwischen Kunstfreiheit und Hausfriedensbruch, zwischen Chaos und pedantischer WG-Hausordnung. „Wer was beschädigt, fliegt raus“, steht auf einem Schild. Nicht weit davon ein Korb für leere Flaschen. Es herrscht Rauchverbot. Sicherheitsbeauftragte in blauen Security-Jacken sehen nach dem rechten.

Und gäbe es eine Kritik zu dieser Inszenierung, müsste darin unbedingt das Authentische der Veranstaltung hervorgehoben werden. Im Foyer neben der Bar sitzen junge Leute im Kreis auf dem Boden, ein Sprecher hat ein Mikrofon, erteilt das Wort. Über Vorgehensweisen wird diskutiert und abgestimmt, der ewige Hauch von Studentenparlament schwebt über dem Raum. Beifall wird in der Art der Gebärdensprache gespendet, mit in der Luft sich drehenden Händen. Es gibt viel zu besprechen. Denn ein Programm für mindestens drei Monate soll her, wer etwas zu bieten hat, ist herzlich willkommen. Hier hat sich ein Workshop zum Thema „Kunst, was bedeutet das?“, gegründet, dort tagt die Gruppe „Gentrifizierung und Freiräume“. Über „Hochkultur und Subkultur“ wird ebenfalls verhandelt. Notfalls geht es auch ganz ohne. Schließlich ist die Volksbühne auch „ein Parlament der Wohnungslosen“. Vertragsverhandlungen mit dem Senat und „Abstimmung mit der abgelösten Theaterleitung“ wollen vorbereitet sein. Eine erste nächtliche Runde mit Chris Dercon und Kultursenator Lederer wurde bereits ergebnislos vertagt. Wenn es bis Montag keine Einigung gibt, muss der laufende Probenbetrieb abgebrochen werden, teilt Dercon noch mit, der die Besetzer gewähren lässt und auf Räumung vorerst verzichtet.

„Wenn das Plenum tagt, bitte leise spielen oder gar nicht“ steht auf einem Pappschild im Foyer. Doch da steht auch ein prächtiger Flügel. Da kann Nicolas Bamberger, der akademische Straßenmusiker aus der Schweiz, nicht widerstehen. Hochkultur vom Feinsten erfüllt plötzlich den Raum. „Doch Kunst“.