Herr Fehlmann, Sie haben sich 2012 in Konstanz bei der Südwestdeutschen Philharmonie beworben, mit dem Argument, wieder näher an die schweizerische Heimat rücken zu wollen. Jetzt gehen Sie nach Ludwigshafen. Hat es Ihnen doch nicht gefallen in Konstanz?

Diese Positionen sind ja auf Wechsel angelegt. Deshalb gibt es die Logik der Fünf-Jahres-Verträge. Man will ab und zu einen frischen Wind oder anderen Blickwinkel haben. Es hätte für mich zwar die Möglichkeit gegeben, weitere fünf Jahre zu bleiben, aber es war auch immer klar, dass ich anstreben muss, in Bewegung zu bleiben und irgendwann wieder wegzugehen. Und die Stellen sind sehr rar gesät. Seit meiner Bewerbung gab es ansonsten keine weitere öffentliche Ausschreibung einer vergleichbaren Position in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich. Wenn sich also eine Chance auftut, dann ist man fast gezwungen mitzuspielen.

Ich glaube, viele hier in Konstanz hätten Ihnen zugetraut, auch weitere fünf Jahre für ordentlichen Wirbel zu sorgen.

Die Entscheidung war nicht einfach. Ich verlasse das, was ich mir hier aufbauen konnte, und ein sehr gutes Team im Haus. Auch die Zusammenarbeit mit dem Orchester ist konstruktiv und inspirierend. Und die Bundesförderung, die wir nun bekommen, ist ebenfalls ein Ergebnis und auch eine Bestätigung der Arbeit der letzten Jahre.

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Das erste Problem, das Sie als Intendant in Konstanz lösen mussten, war das riesige Defizit im Orchester-Haushalt, das ihr Vorgänger hinterlassen hatte. Wie haben Sie das in Angriff genommen?

Da sind die Stichworte Vertrauen und Transparenz zentral. Es ist ja so, dass bereits nach einem Jahr so etwas wie ein Schuldenerlass stattgefunden hat. Ursprünglich gab es die Vereinbarung, dass das Orchester die Hälfte des angefallenen Defizits in den nächsten Jahren durch Überschüsse zurückzahlen soll. Wir haben dann das, was wir tun, so transparent gemacht, dass nachvollziehbar wurde, wo wir Kosten senken und effizienter arbeiten als früher. Es war für uns ein wichtiges Resultat, dass die Politik nach einem Jahr so viel Vertrauen in den Betrieb hatte, dass man an unseren Weg geglaubt hat.

Müssen Ihre Musiker denn heute mehr leisten als noch vor fünf Jahren?

Ja, die leisten tatsächlich mehr. Wir machen mehr Konzerte und spielen Programme häufiger mehrfach, was zu einer größeren Effizienz führt. Da hat also jeder Musiker seinen Beitrag dazu geleistet, dass wir wieder ein balanciertes Budget haben. 

SÜDKURIER-Kulturredakteurin Elisabeth Schwind (links) und SÜDKURIER-Regionalleiter Jörg-Peter Rau (rechts) sprachen mit Beat Fehlmann, Intendant des Südwestdeutschen Philharmonie (Mitte), über sein Wirken in Konstanz und seinen bevorstehenden Abschied. Bild: Aurelia Scherrer
SÜDKURIER-Kulturredakteurin Elisabeth Schwind (links) und SÜDKURIER-Regionalleiter Jörg-Peter Rau (rechts) sprachen mit Beat Fehlmann, Intendant des Südwestdeutschen Philharmonie (Mitte), über sein Wirken in Konstanz und seinen bevorstehenden Abschied. | Bild: Scherrer, Aurelia

Trotz des zurückgewonnen Vertrauens haben Sie sich zuletzt von der Stadt nicht genügend unterstützt gefühlt und verzichten deswegen sogar auf eine offizielle Verabschiedung…

Es gab tatsächlich eine Situation, in der ich mich ungerecht behandelt fühlte, weil mir da aus einem politischen Kalkül heraus, sich von der Führungsspitze des Rathauses abzusetzen, ans Bein
gepinkelt wurde. Da brach etwas zusammen, an das ich sehr glaube, nämlich an einen konstruktiven, offenen Dialog, der mit Problemen umgeht und nicht Stellvertreterdebatten führt. Und durch den Verzicht auf die Verabschiedung fand ich die Möglichkeit, das zurück zu spiegeln. Mag sein, dass das eine Etepetete-Nummer von mir war, so nach dem Motto, jetzt bin ich die beleidigte Leberwurst, aber es gibt wirklich Werte, für die ich die letzten fünf Jahre gekämpft habe – und das schien in diesem Moment plötzlich alles weg zu sein. Das hat mich fassungslos gemacht.

Und zu Ihrer Entscheidung stehen Sie nach wie vor – auch wenn sie eher aus dem Moment heraus getroffen wurde?

Dazu stehe ich. Viele Leute fanden es natürlich schade. Aber wir haben einen schönen Weg gefunden, das auf eine gute Art und Weise zu lösen. Das Konzert Klassik am See am Sonntag ist in diesem Jahr ein besonderes Projekt, weil Amateure mit unserer Philharmonie gemeinsam spielen werden. Das ist ein schönes Symbol für das, woran ich in den letzten fünf Jahren gearbeitet habe, nämlich Menschen an die Musik heranzuführen und das Orchester mitten in die Gesellschaft zu bringen. Zwischen dem Konzert und dem folgenden Programmpunkt gibt es eine lange Pause mit genügend Möglichkeit, sich noch einmal zu begegnen und sich zu verabschieden.

Um Menschen für das Orchester zu begeistern, haben Sie auch nicht davor zurückgescheut, auf dem Oktoberfest zu spielen. Diesen Versuch hielten Sie hinterher allerdings für gescheitert. Wo sehen Sie da die Grenze? Wann ist ein Projekt noch eine Umarmung und wann ist es Prostitution?

Diese Grenze lässt sich nicht trennscharf definieren. Ich habe immer versucht, die Projekte inhaltlich zu denken. Ich habe mir einen künstlerischen Inhalt vorgenommen und versucht, den möglichst konsequent weiterzudenken. Und das hat teilweise zu Formaten und Konzertorten geführt, die nicht gewöhnlich sind. Mein Ansatz war aber nie der zu fragen, wo könnten wir jetzt etwas besonders Hippes machen, nur damit alle sagen: Wow! Wichtig ist aber auch die Selbstreflexion im Nachhinein, um zu lernen, ob diese Grenze überschritten wurde. Im Falle des Oktoberfestes muss ich sagen, dass dieses Projekt nicht funktioniert hat.

Warum eigentlich nicht?

Weil ich fand, dass es die Musik nicht geschafft hat, sich durchzusetzen. Mir war es schon auch wichtig, dass die Leute auf den Tischen stehen und schunkeln, aber es wäre mir auch wichtig gewesen, dass es mal einen Moment gibt, wo die Leute ruhig sind und zuhören.

Die Philharmonie hat sich bewegt. Inwieweit muss man denn auch von den Zuhörern erwarten, dass sie sich bewegen und sich darauf einlassen, mal zwanzig Minuten still zu sitzen und sich der Musik auszuliefern?

Ich glaube, dass das sehr wichtig ist. Aber es ist ein Unterschied, ob man sagt, sie müssen sich einlassen können und wenn nicht, sind sie halt doof, oder ob man sagt, sie können das und wissen es bloß noch nicht. Ich glaube ganz stark an die Kraft der Musik und daran, dass wenn man sie erlebt, so berührt davon ist, dass man für einen Moment gar nicht anders kann, als sich darauf einzulassen. Und diesen Moment der Verführung müssen wir finden.

Muss Kunst nicht aber auch verstörend und aufwühlend sein? Wenn sie immer nur schön ist, hat man doch irgendwann nur langweilige Konzertprogramme.

Das sehe ich auch so. Aber mit "berührend" meine ich nicht zwingend eine Wohlfühlsituation. Eine Intensität entsteht ja nicht nur dadurch, dass ich mich wohlfühle. Es kann auch eine beklemmende Situation sein. Es geht nicht darum, das zu erfüllen oder gar überzuerfüllen, was die Leute erwarten, sondern darum, die Menschen zu etwas zu kriegen, von dem sie noch nicht wussten, dass es auch etwas mit ihnen zu tun hat.

Niemand wird abstreiten, dass vieles, von dem, was Sie gemacht haben, populär war, aber es gibt auch Leute, die sagen, es war populistisch. Wie gefährlich ist denn die Haltung einer solchen elitären Kulturauffassung, die im Grunde von dem Wunsch kündet, unter sich bleiben zu können?

Die halte ich für ein absolutes Auslaufmodell unserer Gesellschaft, denn ich bin mir sicher, dass ein Großteil der Kulturlandschaft so relativ zügig verschwinden würde. Diese Haltung trägt nicht dazu bei, Antworten zu liefern auf Bedürfnisse und veränderte Kontexte einer Gesellschaft. Sie kultiviert einen bestimmten Blick auf Kunst und deren Rezeption, die primär aus den Sechziger- und Siebzigerjahren stammt. Wenn man sich auch nur anschaut wie das Publikum im 18. oder 19. Jahrhundert in den Konzertsälen saß – nämlich einander gegenüber, während die Musik abseits stand –, erkennt man, wie viel sich in relativ kurzer Zeit bewegt hat. Wir tun nur immer so, als sei es schon immer so gewesen wie heute. Kunst und Kultur sind nicht statisch, sondern immer in Bewegung. Das Ziel ist also, auch andere Wahrnehmungen zu ermöglichen.

Die Suche nach neuen Orten hat in Konstanz natürlich auch einen speziellen Hintergrund, weil ein Raum für das Orchester fehlt. Die Hoffnung, das Bodenseeforum könnte zu einer brauchbaren Spielstätte für das Orchester werden, hat sich schnell zerschlagen. Wie schätzen Sie die Chancen für ein Konzerthaus in Konstanz ein?

Ich hoffe es natürlich sehr. Ich glaube, ein Ort, an dem man Musik adäquat erleben kann, ist wichtig für diese Stadt. Und da geht es auch, aber nicht nur um das Orchester. Ich glaube, dass das zu einer großen Attraktion führen würde und eine sehr positive Entwicklung damit einhergehen würde. Daher hoffe ich, dass es möglich wird, einen Ort für Musik zu schaffen, wo auch das Orchester eine Spielstätte findet, die dem gerecht wird, was es zu leisten vermag.

Was müsste denn in dieser Stadt passieren, damit das möglich wird?

Ein Mentalitätswandel. Es ist ja keine Frage des Geldes. Ich weiß, da werden jetzt viele aufschreien und sagen, der hat ja keine Ahnung! Aber es ist auch so, dass die Stadt, seit ich hier bin, in jedem Jahr Schulden abgebaut hat und gleichzeitig auch einen Überschuss erwirtschaftet hat. Wenn man es möchte, könnte man es auch tun. All das Schöne, das Konstanz hat, führt dazu, dass man eine große Scheu vor Veränderungen hat. Ich empfinde Konstanz als eine Stadt mit wenig gestalterischen Ambitionen. Man setzt sehr stark auf das, was vorhanden ist und kultiviert das. Das ist manchmal schade, denn man verbaut sich damit auch Dinge.

Eine weitere große Aufgabe Ihrer Amtszeit war die Suche nach einem neuen Chefdirigenten. Nun ist mit Ari Rasilainen ein Dirigent gefunden, der nicht sonderlich präsent ist in der Stadt. Wäre das aber nicht nötig, damit er sich stärker mit dem Orchester identifiziert und umgekehrt das Orchester mit ihm?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Ich glaube, dass man in diesem Fall mit einer ganz anderen Erwartungshaltung an die Suche gegangen ist. Man hatte nicht den Wunsch, wieder jemanden zu haben, der immer hier ist und sich jeden Schritt des Orchesters anschaut, begleitet und kommentiert. Es ist ein anderes Modell. Es geht um eine punktuelle Zusammenarbeit. Und wenn diese die entsprechende Qualität hat, dann ist es auch richtig so.

Das Exzellenzprogramm hinterlassen Sie ja jetzt halb fertig. Was ist das für ein Gefühl, wenn man von einer solch offenen Baustelle weggeht?

Es gibt da ja verschiedene Projekte. Die einen laufen und werden von den verantwortlichen Mitarbeitern des Hauses fortgeführt. Andere Projekte sind so weit gediehen, dass ich sie noch abschließen kann oder darüber hinaus noch fertig betreue. Und dann gibt es noch den Großteil der Projekte, die ich in Absprache mit Berlin geschoben habe, so dass Frau Pijanka noch die Möglichkeit hat, diese Projekte zu ihren eigenen zu machen. Ich hoffe, dass sie sich frei fühlt. diesen Gestaltungsspielraum zu nutzen und der Fehlmann dabei nicht zu oft um die Ecke guckt.

Welchen guten Ratschlag möchten Sie Ihrer Nachfolgerin mitgeben?

Keinen. Für Ratschläge bin ich ungeeignet. Ich würde es auch für anmaßend halten. Ich kann nur hoffen, dass Frau Pijanka diese Offenheit, die ich hier erlebt habe, ebenfalls findet und die Menschen bereit sind, sich auf ihre Ideen und ihre Sichtweise einzulassen. Denn genau dieses Glück hatte ich. Das war für mich eine enorme Hilfe.

Fragen: Jörg-Peter Rau und Elisabeth Schwind