Macht Ihnen das Schminken Spaß? Oder ist es ein notwendiges Übel?

In der Zeit, in der man sich auf eine Show vorbereitet, ist das Make-up für mich zu einem Teil des Rituals geworden. Manchmal macht es Spaß, manchmal ist es einfach der Moment, in dem ich meine Persönlichkeit unter ein Vergrößerungsglas lege und sie übertreibe. Und manchmal fühlt es sich an wie Kriegsbemalung. Es fühlt sich an wie der Moment, in dem Clark Kent seinen Superman-Anzug anzieht. Dann wird die Schminke eine Extra-Schutzschicht. Das ist nicht bei allen Performances der Fall, aber in unbekannten Szenarios fühlt es sich schon so an, als baue man sich einen Panzer.

Ist das in Bayreuth so?

Es ist eine Kombination. Meine Rolle hier ist es ja nicht nur, den alternativen Lebensentwurf für Tannhäuser zu verkörpern mit Genusssucht, Freude und Vergnügen. Meine Rolle ist es auch, eine Realität zu präsentieren, die für eine sehr lange Zeit nicht Teil dieses Hauses war. Weil viele Leute sich darauf nicht einlassen, wird sogar im Jahr 2019 etwas noch als Provokation wahrgenommen, das wirklich keine sein sollte. Es geht ja nur darum zu sagen: „Mich gibt es auch.“ Aber das ist für viele Menschen ein Schlag ins Gesicht. Das ist eine merkwürdige Sache.

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So haben Sie das erlebt?

Also, das Haus, die Institution der Festspiele selbst, ist bereit zu sagen: Wir wollen, dass die Oper und Wagner noch 400 Jahre überleben. Wir wollen sie nicht den Rückständigen überlassen und den Annalen der Geschichte. Das spüre ich bei Katharina (Festspielleiterin Katharina Wagner, Anm. d. Red.). Aber das Publikum hier ist eine völlig andere Sache. Wir sind nicht hier, damit die Leute es bequem haben. Kunst sollte aufregen, hinterfragen, provozieren. Es ist nur manchmal ein bisschen ermüdend, der Katalysator und das Vehikel zu sein, das diese Dinge einfordert.

Wie haben Sie die Reaktionen auf „Tannhäuser“ erlebt?

Die überwiegenden Reaktionen waren ermutigend positiv. Aber bei der Premiere hat das Regie-Team neben dem Applaus auch eine Kakofonie an Buhs bekommen und – wenn auch nicht so laut wie bei ihnen – ich auch. Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Regie-Team Buhs abbekommt. Wenn es aber mich als Darsteller trifft, ist das vielsagend. Denn ich singe in der Show ja gar nicht. Ich singe in der Pause am Teich. Ich repräsentiere lediglich eine Alternative, die den Zuschauern nicht so geläufig ist. Meine Frage an sie ist also: Was buht ihr da konkret aus? Ich habe keinerlei Fähigkeiten zur Schau gestellt außer meinem wirklich vorzüglich dargebotenem High Kick in diesem orangefarbenen Kostüm auf diesen außergewöhnlichen High Heels – was einen Applaus wert ist. Abgesehen davon habe ich nichts dargestellt als einen Lifestyle. Ich habe nur gezeigt, dass es Menschen wie mich gibt. Menschen wie mich, die eure Ideen von Sexualität und Geschlecht infrage stellen. Oder schwarze Menschen. Und wenn man dann anfängt, ergründen zu wollen, warum sie buhen – dann ist es nicht schön. Aber es tut gut zu wissen, dass das Haus mich unterstützt. Dadurch kann ich stolz dort stehen.

Travestiekünstler Le Gateau Chocolat singt am Weiher vor dem Bayreuther Festspielhaus.
Travestiekünstler Le Gateau Chocolat singt am Weiher vor dem Bayreuther Festspielhaus. | Bild: Tobias Hase / dpa

Ist diese Situation neu für Sie?

Ich habe am Globe Theatre in London in der „Was Ihr wollt“-Inszenierung der Visionärin Emma Rice den Feste gespielt. Wenn die Wächter denken, die Kunst gehöre ihnen und jede Interpretation müsse sich im Bereich ihrer Vorstellungskraft abspielen – dann ist das nicht völlig ungewohnt für mich.

Sie hissen auf der Bayreuther Bühne die Regenbogenflagge …

Das ist ein kleiner Moment – aber hier ist das ein gewaltiges Statement, obwohl es 2019 keins mehr sein sollte.

Auf Instagram sagen Sie zu Ihren Nichten: „Tut mir leid, ich muss gehen und tun, was ich kann, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Führt es zu diesem großen Ziel, in Bayreuth die Regenbogenflagge zu hissen?

Es geht um all die Ereignisse, die zu diesem Moment geführt haben. Hier wird die Debatte um Diversity gewaltig und verändert Leben. Meine Nichten könnten sich ja für Wagner interessieren. Und wenn sie mich dann auf der Bühne sehen sollten, dann wird Entertainment zu einer Möglichkeit für sie. Wenn man zeigen kann, dass Kunst nicht nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich ist, dann schreibt man Geschichte neu. Es ist ein bisschen so wie mit Barack Obama als Präsident der USA. Es wird wahrscheinlich in nächster Zeit keinen zweiten schwarzen Präsidenten geben. Aber ich habe in einer Zeit gelebt, in der ein schwarzer Mann der Anführer der freien Welt war. Wir können träumen und gläserne Decken durchbrechen. Diese Dinge und diese Freiheiten hält man für selbstverständlich, wenn man nie der Einzige war.

Auch ein Einhorn ist bei der Performance am Weiher vor dem Festspielhaus in Bayreuth dabei.
Auch ein Einhorn ist bei der Performance am Weiher vor dem Festspielhaus in Bayreuth dabei. | Bild: Tobias Hase / dpa

Wie sind Sie mit den Reaktionen nach der Premiere umgegangen?

Ich bin mit meinem Lebensgefährten nach Berlin gefahren, um mal ein paar Tage wegzukommen von allem. Und – Überraschung: Es war Christopher Street Day. Ich war in meiner Karriere so oft in der Situation, dass ich der einzige … was auch immer war. Wenn man dann die Gelegenheit bekommt, nicht der Einzige zu sein, dann bekommt man damit auch die Chance – ich habe keine bessere Metapher – sich anzustöpseln und die Batterie aufzuladen.

Werden Sie auch 2020 in Bayreuth sein?

Ja, ich nehme es an.

Wollen Sie denn wieder hier sein?

Die Antwort auf diese Frage zielt jetzt in die Realität dessen, was ich hier tue. Und die Antwort ist: Ob ich wiederkommen will, ist eine andere Sache. Ob ich wiederkommen muss: Ja, auf jeden Fall!