Es ist ein bisschen wie im Louvre, vor dem berühmtesten aller Gemälde – der „Mona Lisa“, diesem Publikumsmagneten. Wer dieser Tage im Museum Frieder Burda in Baden-Baden das Kabinett im zweiten Obergeschoss betritt, erblickt eine Menschentraube.

Beispielloser Hype

Viele der Besucher haben ihr Smartphone gezückt. Doch nicht, um vor dem Banksy-Bild ein Selfie zu machen. Sie filmen. Denn dort an der Wand hängt gerade nicht das Gemälde, um das ein beispielloser Hype entstanden ist. Dieses Gemälde ist an der Wand gegenüber platziert, eine deutlich geringere Zahl von Menschen interessiert sich dafür.

Bild: Uli Deck

Vor der Menschentraube dagegen spult eine filmische Projektion die beiden Videos ab, die Banksy selbst von seiner Schredder-Aktion fabriziert hat. Unmittelbar nach der Versteigerung seines Bilds „Girl With Balloon“ für über eine Million Euro bei Sotheby’s in London am 5. Oktober 2018 hatte der Künstler per Fernbedienung sein eigenes Gemälde geschreddert, wenngleich der Schredder nach zwei Dritteln den Dienst versagte. Zwei Videos zu der Aktion – eine Kurz- und eine Langversion – hat Banksy zu Dokumentationszwecken ins Internet gestellt. „Director’s Cut“ nennt er die Langfassung. Die beißende Ironie ist nicht zu überhören.

Ein kurzer Blick genügt

Die ungleiche Verteilung der Aufmerksamkeit der Besucher des Burda-Museums ist leicht erklärbar. Die beiden Videos anzuschauen, dauert mehrere Minuten. Bei dem geschredderten Banksy-Bild reicht dagegen ein kurzer Blick, denn jeder kennt das beschädigte Gemälde. Die spektakulären Bilder der Zerstörungsaktion im Auktionshaus gingen als Foto oder Film in Zeitung, Fernsehen und sozialen Netzwerken um die Welt. Der medialen Aufmerksamkeit, auf die die Aktion stieß, konnte man sich nicht entziehen.

Bild: Banksy/Press Association Images/dpa

Es war ein Ereignis, das die Gesetzmäßigkeiten des heutigen Kunstmarkts offenbart hat. Denn nicht, dass da ein Bild zerstört wurde, ist der eigentliche Eklat. Zerstörung war in der Gegenwartskunst oftmals ein Thema, seit Robert Rauschenberg 1953 eine Zeichnung von Willem de Kooning ausradierte. Und selbstverständlich wurde jede Zerstörungsaktion von Kunst ihrerseits zu Kunst erklärt.

Ort ist entscheidend

Im Fall des geschredderten Gemäldes war also nicht das Ereignis als solches Ursache für das gewaltige Interesse – vielmehr Ort und Zeitpunkt sowie die Botschaft der Zerstörungsaktion.

Die ereignete sich in einem Auktionshaus, also auf dem Hoheitsgebiet des Kunstmarkts selbst. Der aber beansprucht stillschweigend die Definitionsmacht zu der Frage, was gegenwärtig als essenzielle Kunst gelten kann.

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Längst muss Kunst nicht mehr den Umweg über ein Museum gehen, um sich ihre Bedeutung und gleichzeitig ihren finanziellen Wert bescheinigen zu lassen. Die Deutungshoheit darüber, was wertvolle Kunst ist, ist in den vergangenen Jahrzehnten von der kunsthistorischen Expertise auf eine finanzstarke Käuferschaft übergegangen, deren Wohnzimmer gleichsam die großen Auktionshäuser sind. Die Gleichung zwischen Auktionspreis und Bedeutung eines Kunstwerks ist auch ein Indiz seiner Degradierung zum handfest materiellen, käuflichen Objekt.

Zerstörungsakt ist Teil des Kunstwerks

Eben dagegen wollte Banksy ein Zeichen setzen – mit der öffentlichen Zerstörung seines Werks exakt in dem Augenblick, als der Zuschlag dafür erteilt wurde. Doch dieser Zerstörungsakt ist mittlerweile selbst zum Bestandteil des Kunstwerks geworden. Das lässt sich bereits an der Änderung des Titels durch den Künstler ablesen: Aus „Girl With Balloon“ wurde „Love Is In The Bin“ – die Liebe ist im Eimer. Und das bedeutet gerade in diesem Zustand eine Wertsteigerung des Kunstwerks.

Betriebsamkeit angefacht

Anstatt dem Kunstmarkt ein Bein zu stellen, hat Banksys Aktion seine Betriebsamkeit nur noch angefacht. Analog zur medialen Aufmerksamkeit hat sich durch die Schredder-Aktion der Marktwert des Werks vermutlicht vervielfacht. Denn es ist gerade die Geste des Entzugs, nach der der Kunstmarkt giert. Für ihn ist sie nichts anderes als der Probierstein seiner triumphalen Macht – und Widerstand gegen diese ist, wie es scheint, vorab sinnlos. Die Kunst steht dem Kunstmarkt gegenüber heute auf verlorenem Posten.

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt „Love Is In The Bin“ bis 3. März (Di.-So. 10 bis 18 Uhr). Weitere Informationen unter: http://www.museum-frieder-burda.de