Das Corpus Delicti ragt wie ein runder, glänzender Schaft empor. Das ist der BIZ-Turm, der Hauptsitz der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Wer den Hauptbahnhof Basel verlässt, kann den Turm kaum übersehen, 70 Meter hoch. Er hat etwas Obszönes. Obwohl die BIZ, die Bank der Zentralbanken, das älteste global agierende Finanzinstitut ist, weiß auch in Basel kaum einer, was in dem Gebäude vorgeht.

Basels neuer Theaterdirektor Andreas Beck wollte es jetzt wissen. Er beauftrage Theresia Walser mit einem Stück. Ihre Szenenfolge heißt „Im Turm zu Basel“. Im BIZ-Gebäude recherchieren und O-Töne einfangen, das konnte die Dramatikerin nicht. Verschwiegenheit ist das Geschäftsmodell der BIZ. Was also bringt Walsers neues Stück?

Nach der Uraufführung ist man zwar auch nicht viel schlauer – dafür aber klug unterhalten worden und gut gelaunt. Walser ist keine Ideologie-Kritikerin im plumpen Sinn. Sie verhandelt BIZ-Probleme wie Nazigold, Zins- und Machtpolitik auf sarkastische Weise. Besser noch: „Im Turm zu Basel“ herrscht ein Gesprächston, der neugierig macht. Die flotten Dialoge geben Geheimnisse preis und vertuschen sie sogleich. Das ist gut geschrieben.

Walser begnügt sich mit Andeutungen, die gedeutet werden wollen. Am Ende der Uraufführung will man unbedingt mehr über diese Bank wissen, wo sich Leute wie Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, und Banker führender Wirtschaftsnationen treffen. Entschieden wird in der BIZ nichts endgültig. Die Treffen alle zwei Monate sind eher informell. Walser sucht und findet dafür die rechte Zwischentonart – und verlängert sie auf die ihr eigene Weise in die Groteske.

Das Stück beginnt und endet mit der Gründung der Bank am 17. Mai 1930. Zwei Saaltöchter bereiten das Treffen der Großbanker vor. Fine (Liliane Amuat) und Lynn (Carina Braunschmidt) wehen im weißen Trägerkleid wie zarte Geschichts-Gespensterlein durch die Szenen, unsterblich. Herrschaftskritik liegt ihnen fern. Wie alle dienstbaren Geister sind sie letztendlich ihren Herrschaften treu. Im Stück sind sie ein bisschen klüger drauf, als es ihr Beruf erlaubt, dafür lassen sie Sätze raus wie: „Einen Finanz-Vatikan kannst du doch nicht mit einer kleinlichen Demokratie gängeln.“ Eben.

Die vier Finanz-Hoheiten, die sich hier treffen, stehen turmhoch über der Politik:„Demokratie ist Sandkasten für die Armen im Geiste.“ Nummer eins ist Tronje, die Turmherrin. Katja Jung spielt sie als toughe Businessfrau, die Hände in den Hosentaschen. Tränen sind für sie allenfalls Erpressungsmittel. Drunten vorm Tor meutern Senioren, weil ihre Pensionskassengelder durch die Niedrigzinspolitik wegschmelzen. Na und? Bedrohlich? Tronje winkt ab: „Demonstrationskrüppel.“ Dass die BIZ in der Schweiz keine Steuern zahlen muss, ist für sie nur logisch: „Gott zahlt auch keine Steuern.“

Tronjes Interesse gilt dem Fluchen („Herrgottzack!“) und dem Essen („Kalbsgeschnetzeltenglück“). Dieses Mal will Mr. Greeper (Alan Greenspan?) beim gemeinsamen Dinner seinen Stellvertreter bekannt geben. Greeper ist der Mann, der „wie Jesus zu den Märkten redet“. Thomas Reisinger gibt Greeper mit knallhart berechnender Eloquenz und Selbstgefälligkeit: Wall Street ist im Vergleich zur BIZ nur eine „Spekulationsgosse“.

Guston, dritter Vertreter der Hochfinanz, ist gegen das Bargeld und für eine großzügige Zinspolitik: „Pumpt Zaster in den Leichenstaat.“ Dabei setzt Orlando Klaus als Guston ein sardonisches Grinsen auf. Ein schön fieser Messdiener des Kapitals. Der vierte, Ferchl, ist dagegen leicht von der Rolle – seine „Mama“ liegt im Sterben. Wenigstens wartet beim Dinner ein tröstlicher Käsewagen. Simon Zagermann spielt Ferchls Kontrollverlust als Triumph, ja Befreiung. Sehr komisch sind sie, alle vier. Das neue Basler Schauspiel hat vorzügliche Darsteller, Herrgottzack!

Walsers Finanzleute sind nicht böse, sie sind eben so. Die Saaltöchter stehen ihnen in nichts nach. Jüdische Entschädigungsansprüche, Nazigold? Verschwunden halt: „Die Zeit hat's verschlungen, und die Sprache spuckt's leider auch nicht mehr aus.“ Das ist nicht höhnisch gemeint. Man ist eben so. Greeper stirbt, Tronje übernimmt. Das Finanzsystem kreist um sich selbst. Und Sebastian Schug, Walsers Regisseur des Vertrauens, lässt seine 90-minütige Inszenierung immer schneller rotieren.

Keine Bedrohung von außen, nirgends. Die Philippinen haben ihr Kommen von sich aus abgesagt. Dann eben „ein Schwellenlandgedeck weniger“. Gegen Ende will der Argentinier Barbosa (Vincent Glander) partout in den Turm aufgenommen werden. Sein „schwellendes Schwellenland“ ist kaum aufzuhalten. Was tun mit Barbosa? Ganz einfach: erschießen. Man bleibt unter sich. Doch Herrgottzack, da ist noch jemand, der alles sieht. Das ist das Publikum. Es zieht die Bilanz des Banken-Dramas: Viel Applaus.

Weitere Vorstellungen am 17., 24., 26. September sowie am 1., 3., 7. und 22. Oktober. Informationen auf www.theater-basel.ch

Die Autorin

Theresia Walser, 1967 in Friedrichshafen geboren, besuchte von 1990 bis 1994 die Hochschule für Musik und Theater Bern, wo sie eine Schauspiel-Ausbildung absolvierte. Anschließend war sie zwei Jahre lang Ensemble-Mitglied am Jungen Theater Göttingen. Dort schrieb sie ihr erstes Theaterstück "Das Restpaar", das 1997 uraufgeführt wurde; im gleichen Jahr kam auch ihr Stück "Kleine Zweifel" zur Uraufführung. 1998 wurde die Tochter des Autors Martin Walser und seiner Frau Käthe von der Zeitschrift "Theater heute" zur besten Nachwuchsdramatikerin gewählt, 1999 zur besten deutschsprachigen Dramatikerin. Weitere Auszeichnungen folgten. Walser verfasst ihre Stücke als Gegenentwurf zum gängigen Bühnen-Realismus. Einhellig gelobt wird ihre ungewöhnliche, poetische Sprachkunst. Werke von ihr wurden ins Französische, Spanische und Polnische übersetzt. Inzwischen hat sie nahezu 20 Dramen verfasst, die sogar in den USA gespielt werden. Theresia Walser lebt mit ihrem Lebensgefährten Karl-Heinz Ott und der gemeinsamen Tochter in der Nähe von Freiburg/Breisgau. Mit Ott hat sie auch mehrere Theater-Arbeiten verfasst, darunter das Konzil-Stück "Konstanz am Meer" (2014). (opi)