Picassos Werke, die er in den 1930er-Jahren in Paris sah, versetzten Francis Bacon einen Schock – und weckten in ihm zugleich den Wunsch, Maler zu werden: „Warum sollte ich es nicht versuchen, habe ich mir gesagt.“ Pablo Picasso wurde ihm, der vorher nichts mit Kunst zu tun hatte, zur „Obsession“. Bacon entwickelte vielfältige Beziehungen zum Werk des Spaniers, sodass bis in die 40er-Jahre hinein von seiner „Picasso-Periode“ gesprochen werden darf.

Das sollte vielleicht wissen, wer die Ausstellung der Fondation Beyeler besucht, die der Freundschaft von Francis Bacon (1909-1992) und Alberto Giacometti (1901-1966) gewidmet ist. Als die Künstler sich Anfang der 60er-Jahre über die gemeinsame Freundin, Geliebte, Muse und Modell Isabel Rawsthorne kennen lernten, waren sie nicht nur anerkannt, sondern berühmt. Zu Giacomettis Strahlkraft als Künstler trugen das Guggenheim-Museum in New York und das Arts Council in London mit Retrospektiven bei. Die Biennale in Venedig ehrte ihn 1962 mit dem Großen Preis für Skulptur. Und auch seine Heimat setzte ein Zeichen. Das Kunsthaus Zürich widmete ihm, von dem gesagt wird, dass keiner die heutige Lebensangst besser ausgedrückt habe als er, im gleichen Jahr eine Werkschau.

1965 lernten sie sich kennen

Bacon repräsentierte 1954 zusammen mit Lucian Freud und Ben Nicholson Großbritannien in Venedig. Eine erste Retrospektive fand ein Jahr darauf im Londoner Institute Of Contemporary Arts statt. Die 60er-Jahre waren von weiteren Erfolgen geprägt. Einen Höhepunkt markierte die Werkschau in der Tate Gallery in London. Die zweite Retrospektive, die ihm die Tate 1965 ausrichtete, besuchte auch Giacometti. Eine Serie von Fotografien dokumentiert die Begegnung, sie zeigt die Künstler in einen anregenden Dialog vertieft. Die Aufnahmen sind Teil der thematisch strukturierten Ausstellung.

Der 2010 verstorbene Gründer der Fondation, Ernst Beyeler, kannte beide Künstler. Er war entscheidend an der Etablierung der Alberto-Giacometti-Stiftung in Zürich beteiligt. Beyeler zeigte Giacomettis Werk in seiner Basler Galerie in zwei Ausstellungen, 350 Arbeiten hat er vermittelt. Auch Bacon wurde dort zwei Mal präsentiert, 50 Gemälde und Triptychen des Briten gingen durch Beyelers Hände. Außerdem waren Bacon in acht und Giacometti in 38 Gruppen-Ausstellungen vertreten.

Daher verwundert es nicht, dass Arbeiten von Bacon und Giacometti zentrale Bestandteile der Sammlung Beyeler sind. Dazu gehören die Figurengruppe Giacomettis für die Chase Manhatten Plaza (New York) mit dem berühmten „Homme qui marche II“ (1960) und Bacons berührendes Triptychon „In Memory Of George Dyer“ (1971). Über das Porträt „Lying Figure“ (1969) notierte Bacon in einem Brief an Beyeler, er halte es für eines seiner besten Werke.

Werke zeigen erstaunliche Gemeinsamkeiten

100 Werke aus fast allen Schaffensphasen der Künstler haben Catherine Grenier, Direktorin der Fondation Giacometti in Paris, Michael Peppiatt, ein Bacon-Kenner, und Ulf Küster, Kurator an der Fondation Beyeler, auf neun Säle des Museums verteilt. Die Gegenüberstellung der Bilder und Skulpturen bringt Gemeinsamkeiten zu Tage.

Beide Künstler teilten den Glauben an die Bedeutung der menschlichen Figur und des Porträts, wobei der eine (Giacometti) die Einsamkeit unserer Spezies mit ausgedünnten schrundigen Figuren und stummen archaischen Schädeln ins Auge nahm, während der andere (Bacon) das menschliche Drama inszenierte, indem er die Gesichter und Körper seiner Modelle so virtuos wie unheimlich verfremdete, verschleierte, verzerrte und zerknautschte. Beide beschäftigten sich mit der Rolle der Tradition, sie studierten, kopierten und paraphrasierten Werke alter Meister, folgerichtig zeigt die Ausstellung die „schreienden“ Bildnisse von Papst Innozenz X. (1650), die Bacon in den 50er-Jahren nach Diego Velázquez malte, später aber bedauerte. Beide Künstler waren interessiert an der zwei- und dreidimensionalen Darstellung von Raum, der oft als illusionistischer Käfig erscheint und die Figuren isoliert. Und jeder der beiden reklamierte für sich, ein Realist zu sein, wobei sie einen Realismus ohne Illustration und jenseits der Natur anstrebten, Abstraktion inklusive. Ihr Ziel war die Authentizität.

Auch die Unterschiede sind groß

Bacon war ausschließlich Maler. Von ihm gibt es keine Zeichnungen, keine Aquarelle, Gouachen, Lithografien oder Radierungen. Seine Bilder begann er ohne Vorzeichnung oder Entwürfe, er arbeitete in seinem kleinen Londoner Atelier – es wird, wie das Pariser Atelier von Giacometti, in einem Multimedia-Raum rekonstruiert – spontan und nach dem Prinzip Zufall; entsprechend oft vernichtete er seine Arbeiten. Anders Giacometti, der in Skulptur, Malerei und Zeichnung mit Beharrlichkeit nach dem Absoluten im Flüchtigen suchte und dabei um Fülle und Leere, um Figur, Raum und Bewegung kreiste. In Zeichnung und Malerei – im Unterschied zu Bacon, der direkte und leuchtende Farben verwendete, bevorzugte er ein stark differenziertes Grau – löste Giacometti schon fast die Welt auf, streifte den Kubismus als mögliche Formel, wenigstens eine Summe der Wirklichkeit wiederzugeben, die sich der unmittelbaren Darstellung entzog.

Ob sie sich gegenseitig beeinflusst haben? Diese Frage beantwortet die Ausstellung nicht endgültig. Es gibt – wie gesagt – Gemeinsamkeiten, „das fortgesetzte Scheitern“ (Ulf Küster) gehört ebenfalls dazu. Ohne Zweifel hatte Picasso den größten Einfluss auf Bacon. Giacomettis Werk hatte viele Vorbilder, selbst die Kunst der alten Ägypter war ihm Inspiration. Sein Atelier war Anziehungspunkt für eine ganze Generation von Künstlern und Schriftstellern wie Picasso, Jean-Paul Sartre und Samuel Beckett. Unabhängig davon ist das Verdienst der Fondation Beyeler, Bacon und Giacometti erstmalig gemeinsam in einer Ausstellung zu zeigen.

Bacon – Giacometti. Fondation Beyeler in Basel-Riehen, bis 2. September 2018 täglich von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr. Weitere Informationen gibt es hier.

Ein Rundgang durch die aktuelle Ausstellung: