Frau Walser, Stuttgart spielt demnächst „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Das Stück wurde 2013 in Mannheim uraufgeführt, der damalige Intendant Burkhard C. Kosminski führte Regie, auch in der Neuauflage ist er dabei sowie zwei Schauspieler, denen sie die Komödie auf den Leib geschrieben hatten. Inzwischen leitet Kosminski das Stuttgarter Schauspielhaus. Was erwarten Sie?

Ich habe bereits eine Vorprobe gesehen, die mich sehr freudig stimmt. Es gab zwei Umbesetzungen und die neuen Kolleginnen sind auf andere Weise ebenso wunderbar, wie es die Schauspielerinnen in Mannheim waren.

Der Regisseur Sebastian Hartmann ist damit beauftragt worden, die Uraufführung von „In Stanniolpapier“ zu inszenieren. Er hat vom Ursprungstext nur ein paar Satzfetzen übrig gelassen. Der S. Fischer Verlag, der den Autor Björn SC Deigner vertritt, hat daraufhin das Wort „Uraufführung“ aus der Premierenankündigung streichen lassen… Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit dem „Regietheater“ gemacht?

Ja, aber die liegen ein paar Jahre zurück. Mittlerweile wächst eine Generation von Regisseuren nach, deren Interesse und Lust an der Machart und Musikalität eines Textes größer ist als die fast panische Angst, sie könnten hinter dem Werk eines andern verschwinden. Vor ein paar Monaten haben die Theater in Dortmund und Wuppertal entschieden, bei der Aufführung zweier meiner Stücke die Geschlechterrollen konträr zu besetzen. Über beide Abende höre ich nur Gutes. Man kann derlei Fragen nur von Fall zu Fall entscheiden. Pauschalisierungen bringen nichts.

Noch eine Frage zum Thema Regietheater: Bühnen von Hamburg bis Zürich dramatisieren Romane von Goethe über Kafka bis Thomas Mann und skelettieren sie auf den Plot. Was geht da vor?

Diese Mode hat in den letzten Jahren sehr zugenommen. Romanbearbeitungen befriedigen natürlich mehrer Bedürfnisse des Theaterbetriebs. Nicht nur, dass sich Regisseure und Dramaturgen ein Stück nach ihrem Gusto zusammenbasteln können, meistens müssen sie dafür auch keine Tantiemen an Autoren zahlen. Im Gegenteil, sie verdienen an ihren eigenen Fassungen. Das ist lukrativ. Nur bringt die beste Geschichte auf der Bühne nichts, wenn die Dialoge flau sind. Und das ist bei vielen dieser ambitionierten Bastelarbeiten der Fall.

In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ lassen Sie drei Lady Macbeths auftreten: den barocken philippinischen Drachen Imelda Marcos, die DDR-Betschwester Margot Honecker und das tunesische Modepüppchen Leila (Ben Ali, Mubarak oder auch Assad). Sie gehen mit den Diktatorsgattinnen gnadenlos um, geben sie der Lächerlichkeit preis. Hätten Sie dem Stück angesichts der heutigen MeToo-Debatte eine andere Laufrichtung gegeben?

Diese Debatte in allen Ehren, aber ich wüsste nicht, wie sie in dieses Stück passen sollte. Zumal es kein realistisches Stück ist. Bekanntlich geben die „Bösen“ auf dem Theater oft die besten Rollen ab. Für Männer gibt es die haufenweise. Frauen sieht man auf der Bühne bis heute immer noch am liebsten als hysterische, heulende Opfer, oder sie stehen als rätselhafte, unerreichbare Sehnsuchtsbojen herum. Sprich: Frauen sind vor allem Anlass dafür, damit Männer ins existenzielle Trudeln kommen und dabei die Lacher ernten. Es gibt nicht viele Frauenrollen, bei denen sich Komik und Schrecken treffen. Zudem verbindet man bis heute mit Frauen, die an der Macht sind, nach wie vor etwas angeblich Menschlicheres. Stalin kann man sich nicht wirklich als Frau vorstellen, Hitler auch nicht. In meinem Stück sind es Frauen, denen man einen großen Machtwillen nachgesagt, die aber von außen gesehen in der zweiten Reihe zu stehen schienen. Manchen von ihnen sagt man aber auch nach, sie seien die eigentlichen Drahtzieherinnen gewesen.

Der Titel des Stücks ist einem Zitat des dichtenden lybischen Despoten Mammar al-Gaddafi entnommen. Diktatoren sind, das ist keine neue Erkenntnis, mindestens ebenso gefühlskalt wie ihre Gattinen und vermutlich nicht weniger lächerlich und hilflos, wenn sie ihre Macht verloren haben. Man muss da nur an den gnadenlosen Saddam Hussein denken im Erdloch denken. Aber Sie wollten diese Frauen ...

... nicht dokumentarisch auf die Bühne stellen. Im weitesten Sinne geht es in diesem Stück um Darstellung. Das heißt, wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorinnenfrauen spielen, die sich darüber unterhalten, wie Schauspielerinnen Diktatorinnenfrauen spielen. Es geht immer auch um die Frage der Selbstdarstellung und der Selbstbilder. Und damit natürlich auch ums Theater. Andererseits sind diese Schreckensbilder des „Bösen“ ebenso Vergrößerungsspiegel dessen, was wir in irgendeiner Weise alle kennen. Wir stoßen an ihnen ab, was uns zuinnerst bestens vertraut ist.

Sie veröffentlichen seit mehr als zwanzig Jahren ausschließlich Texte für die Bühne. Warum diese ausschließliche Entscheidung fürs Theater?

Als ich anfing, für mich als Schauspielerin Texte zu schreiben, weil mir bestimmte Rollen fehlten, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass man mich das einmal fragen könnte. Inzwischen merke ich, dass es Ideen gibt, die in der Prosa besser aufgehoben sind. Dem werde ich nachgehen. Allerdings gibt es momentan noch viele Stück-Aufträge von Theatern, die ich machen möchte.

Sie stammen aus einer ziemlich kreativen Familie – der Vater schreibt, zwei ihrer Schwestern ebenfalls, die vierte arbeitet als Schauspielerin und Ihre Mutter hätte auch als Pianistin Karriere machen können. Hatte bzw. hat diese Konstellation Einfluss auf Ihre Arbeit?

Aber ja. Für mich ist als Kind eine Welt aufgegangen, als ich meine Schwester Franziska zum ersten Mal als Maria Magdalena auf der Bühne gesehen habe. Von da an war meine Fantasie szenisch.

Fragen: Siegmund Kopitzki„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ hat 23. November im Stuttgarter Schauspielhaus Premiere.