Frau Jäckle, Tamara Danischewski, die auf Otto Dix "Bildnis der Tänzerin Tamara Danischewski" portraitiert ist, war Ihre Großmutter. Wo liegen die wesentlichen Unterschiede zwischen der Romanfigur und der echten Tamara?

Die echte Tamara hatte einen anderen Duktus als die Literatur-Tamara und zum Beispiel kein Abrechnungsbuch. Die echte Tamara hatte eine Tochter und einen Sohn. Es war mir unmöglich, Tamara Kinder haben zu lassen. Ich denke, ich habe mich somit selbst aus dem Buch herausgeschrieben, ich, Enkelin, wäre ja unter Umständen Personal des Textes geworden. Das hätte mir meine Erzählperspektive unmöglich gemacht.

Woher kam das Material, konnten Sie den Nachlass ihrer Großmutter sichten?

Ich habe ein paar Briefe von Otto Dix und Postkarten von Martha Dix an meine Großmutter. Dazu Briefe meiner Großmutter, die ich in einem Koffer gefunden habe, Briefe an meinen Großvater waren das, die sie ihm wohl nie gegeben hat. Darin habe ich gelesen, dass sie in ein Leben umgetopft worden war, das ihr nicht entsprach. Außerdem habe ich ein Tagebuch meiner Urgroßmutter. Darin hat sie aufgeschrieben, wie die Flucht im ersten Weltkrieg ablief, wie Tamara mit 16 Jahren zu Mary Wigman kam und so weiter. Die Urgroßmutter habe ich als Kind noch kennengelernt. Sie hatte ein tolles goldenes Pillenetui, in das ich ihre Pillen hineinsortiert habe, sie konnte kaum mehr sehen. Ihre Schrift im Tagebuch ist zu Beginn ganz klein und wird auf den letzten Seiten immer größer, weil sie immer schlechter und schlechter sah. Als Tamara mit 82 Jahren starb war ich 28. Die Begegnung mit Otto Dix kam oft zur Sprache zwischen uns. Meine umfangreichste Materialsammlung besteht aus meinen Erinnerungen an diese Gespräche.

Wie reagiert Ihre Familie auf den Roman?

Das Buch ist wohl literarisch genug, dass meine Mutter und meine Schwester es vielmehr als Roman denn als ihre Familiengeschichte lesen können. Meine Mutter war allerdings etwas verwirrt beim ersten Lesen, wann komm ich denn, fragte sie mich mal am Telefon. Meine Schwester rief an, um mir zu sagen, dass auf dem Findling ein anderer Text gestanden habe, als ich ihn in den Buchfindling hineingraviert habe. Die alte Schlaubrille!

Das Leben der Protagonistin Tamara teilt sich in eine kurze Zeit des Rausches mit Tanz und Musik, Verehrer und Chancen, eine kurze gelebte Ehe und ein jahrzehntelanges Dulden. Hätten Sie Tamara dazu nicht wenigstens gekühlten Sekt (statt warmen Piccolo) gönnen können?

Für gekühlten Sekt hätte sie nach unten gehen müssen, der warme Piccolo hingegen steht im Kämmerchen auf ihrem Stockwerk bereit. Unter Umständen bedeutet es aber auch, dass sie sich nichts gönnt, dass sie sich das Gute versagt, das Aushaltbare stattdessen für gut genug befindet.

Der Wendepunkt in Tamaras Leben war der Antrag des sanften Herrn, der ihr Ehemann werden sollte. Kam die Dynamik des Tanzes samt Aufmunterung und Stärkung durch den Maler Otto Dix nicht gegen die Konvention an?

Die junge Tamara verliebt sich intensiv und alles andere wird plötzlich nebensächlich, das ist das eine. Aber das Aufgeben aller Träume ist auch dem 1933 herrschenden Zeitgeist und der Geldnot und der Furcht vor dem, was kommen mag, geschuldet. Auch dem Drängen der Mutter natürlich, die es sehr begrüßt, dass ihre Tochter einen rechtschaffenen Mann kennenlernt, der sie aus den berüchtigten Künstlerkreisen und von Gestalten wie Otto Dix abbringt.

Was nutzt das jahrelange Üben des Ausdruckstanzes, wenn er nicht die Stärke verleiht, sich auszudrücken?

Oh, diese Frage ist großartig! Denn gerade der Ausdruckstanz war ja revolutionäre Selbstbehauptung und Befreiung von der klassischen Ballerina-Welt. Das ist sehr wichtig in dem Buch. Der Ausdruckstanz, den Tamara von Mary Wigman gelehrt bekam, baute ganz und gar darauf auf, dass der Tanz eine eigenständige Form ist, kein Orchester benötigt, dass eben eine Tänzerin allein es vermag, eine Bühne auszufüllen mit dem, was sie in sich ist und aus sich macht. Doch diese Möglichkeit der freien Entfaltung wurde von Tamara verraten. Der moderne Tanz war ihre treibende Kraft, und sie hat sich dies nehmen lassen von ihrem Mann.

Ist das spätere Stillhalten der Loyalität der Mutter gegenüber geschuldet?

Zu dritt sind sie aus Dresden geflüchtet, zu dritt haben sie sich niedergelassen, Ehemann, Ehefrau mit Mutter. Ehefrau mit Mutter im ersten Stock des Hauses, Ehemann im Erdgeschoß. Sorglos und freudlos und weit weg von allen Möglichkeiten. Die Mutter hätte es für Tamara besser wissen müssen, sie hätte es nicht zulassen dürfen, dass Tamara den Tanz aufgibt, nur weil der Ehemann das so wollte. Es war mir wichtig zu zeigen, dass ein Leben fehlgehen kann, weil eine gut meinende Mutter so dominant ist. Sie ist ja kein Monster, nicht bösartig, aber sie hat Macht über die Tochter, aushöhlende Macht. Die Beziehung war intensiv, weil die Mutter mit Tamara schon im ersten Weltkrieg fliehen musste, sie schlugen sich zu zweit durch. Sie hat der 16-jährigen Tamara in Dresden immerhin die Tanzausbildung ermöglicht, die Kostüme für das Kabarett genäht, Tamaras Talent gefördert, sie waren stets zu zweit. So entsteht natürlich ein dickes Band. Als der reiche Mann erschien, war er die bessere Lösung für alle finanziellen Probleme in schwieriger Zeit, besser, als das Wagnis der freien Kunst einzugehen. Es ist fatal, wenn die Tochter ihrer Mutter gegenüber aus Dankbarkeit loyal sein muss, obschon die Mutter ihr im Grunde schadet.

Waren Sie bei der Recherche auf den Spuren von Otto Dix unterwegs? Wenn ja wo?

Zuerst mal habe ich gefühlt 8000 Dix-Briefe gelesen, die in einem dicken Buch erschienen sind. Dann habe ich in Katalogen gelesen, denn Tamara wurde immer gut mit Katalogen über das Dixsche Werk versorgt, die hat meine Mutter jetzt. Außerdem bin ich mit Dixbildern aufgewachsen, sie sind mir vertraut. Meine Großmutter hat mir natürlich viel erzählt von Dix und die Bilder erklärt, die sie mir in den Katalogen zeigte, die waren seltsam, diese Bilder, für ein Kind. Schon während der Recherche habe ich das Kunstmuseum in Stuttgart kontaktiert, welches das Bild besitzt. Ich wollte mehr über das Bild wissen, auch technisch. Die Sammlungskuratorin Sabine Gruber freute sich über den Kontakt, denn bislang ist über die Tänzerin Tamara Danischewski mit Iris nicht viel bekannt. Ich finde interessant, wie gut Tamara wegkommt auf dem Bild, für Dix ja eher untypisch. Und sie ist sehr blond, sehr viel blonder als sie es war, und sie ist sehr züchtig mit dem Samtkleid, fast übertrieben keusch. Ich sehe das Bild als Reaktion auf das, was Dix schon kommen sah, 1933 malte er sie. Vielleicht sogar ist das Bild in gewisser Weise der Übergang in die Landschaftsmalerei. Das überzogen Gezähmte finde ich bemerkenswert.

Sie waren gerade Stipendiatin der Villa Massimo in Rom? Wie war das dort?

Das war großartig, viel zu viel, viel zu beeindruckend. Ein spannendes und irrsinnig anstrengendes Jahr, eine paradiesische Zeit. Man kann finanziell abgesichert in einem riesigen Atelier wohnen. Im ersten halben Jahr habe ich außer den Nymphensittichen im Park der Villa wenig gesehen, da habe ich noch das Buch zu Ende geschrieben. Als es fertig war, hatte ich mehr Zeit, Rom zu erkunden. Das tun leider sehr viele Menschen und immer gleichzeitig. Die spanische Treppe zum Beispiel habe ich erst übersehen, weil zu viele Menschen draufsaßen.

Otto Dix war dort selbst als Stipendiat und schrieb Ihrer Großmutter von dort einen Brief.

Ja, das stimmt, das war für mich ein besonderer Umstand, das Buch dort zu Ende zu schreiben, wo Dix sich auch zum Arbeiten aufgehalten hat, ich habe gewiss während der Zeit dort in dem Atelier gestanden, in dem er den Brief an meine Großmutter schrieb.

Wie geht es bei Ihnen weiter? Was sind Ihre Pläne?

Im Augenblick bin ich froh, dass der Text ein Buch geworden ist. Ich denke noch nicht an das nächste. Aber das kann schon morgen anders sein, wenn es gut läuft...

Fragen: Doris Burger

Zur Autorin

Nina Jäckle wurde 1966 in Schwenningen geboren und wuchs in Stuttgart auf. Sie studierte Sprachen in Neuchâtel und in Paris, wollte zunächst Übersetzerin werden, beschloss dann aber, lieber selbst zu schreiben. Seit 2010 veröffentlichte sie bei Klöpfer & Meyer, zuletzt „Der lange Atem“ (2014) und „Stillhalten“ (2017). 2015 erhielt sie den Italo-Svevo-Preis für ihr Gesamtwerk und das Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo 2016/2017.

Am 29. September findet um 19 Uhr die Buchpremiere Kunstmuseum Stuttgart, Kleiner Schlossplatz 1, 70173 Stuttgart, statt. Das „Bildnis der Tänzerin Tamara Danischewski“ von Otto Dix wird bei der Premiere zu sehen sein. Tickets gibt es für 5 Euro an der Museumskasse oder unter (07 11) 21 61 96 25