Frau Jerger, Roman-Autoren schreiben in ihren Debüts zumeist über ihre grässliche Jugend oder Familie. Sie haben sich an einen historischen Stoff gewagt, eine Begegnung zwischen Karl Marx und Charles Darwin.

(lacht) Ich fand die Malaisen und Geschichten von Darwin und Marx weit aufregender als meine eigenen … Aber wenn wir schon einen Blick Richtung Jugend werfen: Ich habe mein journalistisches Handwerk übrigens beim SÜDKURIER gelernt. Als Studentin in den 1980er-Jahren war ich in den Semesterferien mehrfach in der Konstanzer Lokalredaktion.

Ja, die Zeitung ist eine gute Schule. Aber meine Frage: Marx und Darwin haben zwar zeitgleich in London gewohnt, sich jedoch nie getroffen. Sie kannten sich, eine Buchwidmung ist überliefert, viel mehr war da aber nicht. Trotzdem gingen Sie mit der Idee ans Werk. Worin lag der Reiz?

Schon die Tatsache, dass diese großen Denker nur wenige Kilometer voneinander entfernt gelebt haben und zur gleichen Zeit Werke geschrieben haben, die die Menschheit nie wieder loslassen sollten, hat mich elektrisiert. Ich wollte herausfinden, was die beiden verbindet, was sie übereinander dachten und was Evolution und Revolution miteinander zu tun haben. Schnell ist mir klar geworden, dass das Thema Gott eine Brücke ist. Darwin hat ja durch seine Evolutionstheorie den Schöpfer ersetzt. Und Marx war dieser Tritt gegen die Kirche willkommen, denn nur Menschen, die nicht mehr auf den Lohn im Jenseits warten, kämpfen für eine gerechte Existenz im Diesseits. Er nannte Darwins Evolutionstheorie „die naturwissenschaftliche Grundlage seiner Theorie“. Das wiederum war Darwin zuwider, er wollte Naturforscher sein.

Der Vorarlberger Schriftsteller Michel Köhlmeier hat in seinem Buch „Zwei Männer am Strand“ auch die Begegnung zweier bedeutender Männer beschrieben. Da treffen der Komiker Charlie Chaplin und der britische Premier Winston Churchill aufeinander. Sie kannten sich wirklich. Das Köhlmeier-Buch erschien 2014, da waren Sie vermutlich auf den letzten Seiten Ihres Romans …

Genau so war es. Zu der Zeit war ich gerade mit dem ersten Durchgang fertig. Ich wusste aber, dass die Geschichte noch an manchen Stellen wackelte, vor allem der Anfang gefiel mir nicht. Ich habe mein Manuskript dann ein paar Wochen zur Seite gelegt, um es schmoren zu lassen, und habe viel gelesen, auch das Köhlmeier-Buch übrigens, um dann frisch wieder dran zu gehen. Durch den Abstand habe ich gemerkt, dass ich zu oft vom Hölzchen aufs Stöckchen gekommen war, und habe viel gekürzt.

Wie muss man sich die Recherche zu Ihrem Buch vorstellen, in dem Sie Dichtung und Wahrheit zusammenbringen?

Wichtig war mir, die historische Wahrheit nicht zu verfälschen. Also habe ich zunächst Jahre mit Lesen und Verstehen zugebracht. Und weil mich vor allem auch die Personen hinter ihren Theorien interessierten, habe ich mit großem Gewinn Briefe und Notizen gelesen. Darwin hat über 15.000 Briefe hinterlassen, die man alle im Internet findet. Genau wie seine berühmten Notizbücher. Auch an Karl Marx hat mich die Person, sein Leben als staatenloser Exilant mehr interessiert als das Theoriegebäude. Der Briefwechsel zwischen Marx und Engels war eine Fundgrube!

Sie sind von Haus aus Journalistin und haben bisher Sachbücher publiziert. War das ein Vorteil oder Nachteil beim Verfassen dieses Romans?

Beides. Man hat gut zu recherchieren gelernt und sucht nach der Wahrheit – aber genau das steht einem im Weg, wenn man einen Roman schreiben möchte. Die Freiheit zu fabulieren, musste ich mir erst erkämpfen. Ich hatte ja das Ziel, so leichtfüßig wie möglich zu erzählen, gerade weil meine Helden theorielastig sind. Ich wollte nicht, dass die Leser das Gefühl haben, auf der Schulbank zu sitzen. Dann kam da noch der große Respekt vor den beiden Ikonen dazu. Mir war bewusst, dass quasi jeder eine Vorstellung von ihnen hat. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich durch meine Vorsicht nicht mehr allzu sehr bremsen ließ, bis ich mich traute, sie reden zu lassen, ihr Inneres zu zeigen.

Ich habe während meines Politik-Studiums an der Universität Konstanz ein „Kapital“-Seminar besucht. Um ehrlich zu sein: Über die ersten 200 Seiten bin ich nicht hinausgekommen. Wie viele der blauen Bände der Marx-Engels-Ausgabe haben Sie gelesen?

„Das Kapital“ habe ich tatsächlich weitgehend gelesen, ich fand das aber auch Schwerstarbeit. Mit diesem Gefühl der Plackerei sind wir nicht allein. Fidel Castros Bruder Raúl hat gestanden, dass sie über die ersten Kapitel nicht hinausgekommen seien, „dann haben wir es weggeschmissen“. So weit bin ich nicht gegangen, es steht noch immer neben meinem Schreibtisch in direkter Nachbarschaft zu Darwins Arten-Buch. Viel leichter zu lesen ist etwa das „Kommunistische Manifest“ und vor allem Texte von Friedrich Engels.

In diesem Jahr wird der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert. Etliche Biografien sind bereits erschienen. Hat denn Ihrer Meinung nach sein Denken heute noch Relevanz?

Hat es unbedingt. Weniger als Revolutionär, sondern als kluger Analytiker des Kapitalismus und als Begründer und Verbreiter von Begriffen, die unglaublich treffend und schlagkräftig sind. Dazu gehören Entfremdung und Ausbeutung. Ausbeutung ist vor Marx ein Fachbegriff in der Welt des Bergbaus gewesen: Ausgeräumte, leere Stollen waren ausgebeutet. Welcher Trick, diesen Zustand auf die leeren, ausgelaugten Arbeiter zu übertragen! Außerdem ist der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks nun schon lange genug her, dass man Marx wieder unvoreingenommen lesen kann.

Die gleiche Frage, die nach der Relevanz, in der "Causa Darwin". Unter dem Atheismus des Evolutionstheoretiker litt vor allem seine gläubige Gefährtin.

Atheist würde ich ihn nicht nennen. Er konnte nur an keinen christlichen Gott und Schöpfer mehr glauben, obwohl er ursprünglich Theologie studiert hat. Er bezeichnete sich als Agnostiker und ließ die Frage nach dem allerersten Anfang lieber offen. Wie brandaktuell der Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft, den Darwin mit gläubigen Menschen wie seiner Frau Emma auszuhalten hatte, noch immer ist, zeigt sich darin, dass die türkische Regierung Darwin unlängst aus den Lehrplänen gekippt hat. Oder dass ein Mann wie Mike Pence es zum Vize-Präsidenten der USA geschafft hat. Pence verunglimpft im Namen der Bibel die Evolutionslehre als wissenschaftlichen Betrug, und ein beträchtlicher Teil der amerikanischen Bevölkerung glaubt statt an die Evolution an einen Schöpfergott – mit steigender Tendenz.

Ich habe bei der Lektüre Ihres Romans auch einiges über das erstaunliche Liebesleben von Regenwürmern gelernt. Aber ebenso erstaunlich war für mich zu lesen, mit welchen einfachen Mitteln Darwin seine Forschung betrieb und wie viel Ablehnung der „Gottesmörder“ zu verkraften hatte.

Eigentlich hat er diese Ablehnung nicht verkraftet. Ich sehe einen deutlichen Zusammenhang zwischen seinen Krankheiten, den Übelkeiten, seiner schlimmen Schlaflosigkeit und den Attacken des britischen Establishments, das fest mit der anglikanischen Kirche verbunden war. Da ist vielleicht interessant zu wissen, dass zu der Zeit, als Darwin selbst noch studierte, die meisten Professoren in Oxford und Cambridge geweihte Priester waren, auch wenn sie Geologie oder Botanik lehrten. Nach den ganzen Strapazen seiner Evolutionsforschung waren die Experimente mit den Regenwürmern für ihn geradezu eine Erholung. Und weil Sie das mit den einfachen Mitteln ansprechen: Die Kreativität, mit der er seine Experimente anging, ist wirklich faszinierend. Zum Beispiel, dass er Gewichte an Pflanzenärmchen band, um herauszufinden, wann sie ermattet das Winden und Klettern aufgeben. Man muss sich immer darüber im Klaren sein, dass es noch keine Genetik gab, keine Biochemie, kein Röntgen, nichts! Er brauchte viel Intuition – und er hat mit fast allem Recht behalten.

Sie haben, neben Darwin und Marx, noch eine dritte wichtige Figur eingebracht. Es ist der Arzt der beiden, Dr. Beckett. Ist er eine Erfindung?

So ist es. Dieser gemeinsame Hausarzt ist mein Kniff, dem „echten“ Marx und dem „echten“ Darwin so nah wie möglich zu kommen. Er kann seinen berühmten Patienten Fragen stellen, die der Leser vielleicht auch gerne stellen würde. Durch ihn sehen wir ihre Nöte und blicken auf ihr Nachtkästchen. Was die Krankheiten betrifft, habe ich nichts erfunden, Marx und Darwin haben in Briefen, Tage- und Notizbüchern jede Menge Gesundheits-Bulletins hinterlassen.

Martin Walser liebt alle seine Figuren, auch das Reich-Ranicki-Double in seinem Roman „Tod eines Kritikers“. Welche der Figuren Ihres Romans ist Ihnen die Liebste?

Darwin. Ihm fühle ich mich verbunden. Obwohl es keine Überraschung ist, dass ein Mann, der schon 1882 gestorben ist, auch in meinem Buch am Ende stirbt, bin ich jedes Mal bei dieser Szene wieder ergriffen. Was Marx betrifft, war es eher ein intellektuelles Vergnügen. Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie grob er war, was für ein fluchender, schimpfender Kerl, immer pleite, immer klagend. Und dann verleugnete er auch noch ein Kind, das er mit seiner Hausangestellten gezeugt hatte. Dennoch konnte ich viele Lebensdramen nachempfinden.

Ihr Buch heißt „Und Marx stand still in Darwins Garten“. Sie haben Darwins Haus besucht?

Oh ja! Down House zu besuchen, war ein Erlebnis. Es fühlt sich so an, als sei er nur kurz spazieren gegangen. Wenn man sich so lange mit Darwin beschäftigt hat und dann sein Arbeitszimmer betritt, schlägt das Herz schneller. Ich bin auch mehrere Runden auf seinem berühmten Sandweg gegangen. Ich habe laut vor mich hin geredet vor lauter Begeisterung. Auch an seinem Billardtisch zu stehen, hat meine Fantasie angeregt. All das kommt ja im Buch vor. Da hat man dann sogar Gefühle einem Queue gegenüber! Als ich das Esszimmer der Darwins betrat, in dem eine große Tafel mit wunderschönem Wedgwood-Geschirr eingedeckt ist, wusste ich plötzlich: Hier lasse ich die beiden Helden aufeinandertreffen. Dann habe ich im Stillen Tischkärtchen verteilt, habe mir überlegt, wo Darwin saß, wo seine Frau Emma, und dass unbedingt der Dorfpfarrer mit von der Partie sein sollte.

Sind Sie mit diesem Roman, für den Sie gute Kritiken erhalten haben, auf den Geschmack gekommen? Anders gefragt: Woran arbeiten Sie momentan?

Ich werde auf alle Fälle weiterschreiben. Das Thema kann ich noch nicht verraten, es ist noch zu frisch. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Es wird wieder mit den Wundern der Natur zu tun haben.

Sie leben in München, Sie sind am Bodensee geboren. Ist der See hie und da Ihnen noch einen Besuch wert?

Na klar. Ich kenne keine schönere Region in Deutschland. Fast noch lieber als der Bodensee ist mir der Mindelsee mit seinen geheimnisvollen Welsen. Der Nachbar in meiner Kindheit war der Fischer vom Mindelsee. Und natürlich ist mir mein Zuhause wichtig, einen Steinwurf von der Radolfzeller Vogelwarte entfernt, mit Streuobstwiese, auf der im Sommer Schafe stehen. Ich bin dort tief verwurzelt, meine Mutter lebt da, auch meine Schwester wohnt am See und ich habe eine Tante, die als Nonne in Hegne lebt.

Zur Person

Ilona Jerger ist am Bodensee aufgewachsen. Sie studierte Germanistik und Politologie in Freiburg. Von 2001 bis 2011 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „natur“ in München. Seither arbeitet sie dort als freie Journalistin und Publizistin. Als Sachbuch-Autorin hat sie bei C.H. Beck und bei Rowohlt veröffentlicht. „Und Marx stand still in Darwins Garten“ ist ihr erster Roman.

 

So ist Ilona Jergers erster Roman – eine Kurzkritik

Eine seltsame Begegnung: Karl Marx und Charles Darwin treffen am 8. Oktober 1881 bei einem Dinner in London aufeinander. Hier der revolutionäre deutsche Denker, der auf der britischen Insel im Exil lebt, um sein Opus Magnum, "Das Kapital“ zu schreiben; dort der großbürgerliche Naturforscher, der weiter an seiner aufsehenerregenden Evolutionstheorie strickt.

Zwei gesetzte Herren sitzen sich gegenüber, die für ihr Werk brennen. Darwin experimentiert bescheiden im häuslichen Garten, beobachtet die Entwicklung und Fortpflanzung von Regenwürmern, Tauben, Saubohnen und Hopfen. Marx hirnt über die Idee des Kommunismus, der die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse umstürzen und den Menschen das Paradies auf Erden bringen soll.

Am Tisch, an dem es bald hoch her geht, sitzen noch weitere Gäste, so etwa Darwins bigotte Frau Emma und Reverend Thomas Goodwill. Gott und Fragen der Gerechtigkeit sind Themen des Abends. Darwin hat mit seiner Theorie den Schöpfer abgeschafft, im Gespräch gibt er sich als Theist zu erkennen. Der ehemalige Theologie-Student glaubt zwar nicht an den Gott des Alten Testaments, aber er lässt offen, ob hinter dem Ganzen nicht doch der Herr als Mastermind steht.

Marx wischt das alles vom Tisch. Religion ist für ihn Opium fürs Volk, ausgedacht von Kirchenmännern, um die Untertanen ruhig zu halten. Gott ist tot, kontert der Deutsche in seinem erbärmlichen Englisch und feiert das Gespenst, mit dem er sein „Manifest“ begonnen hat: den Kommunismus.

Nein, sie haben nie wirklich gemeinsam am Tisch gesessen, Darwin und Marx, obwohl die beiden Männer in London 20 Meilen von einander gewohnt haben. Aber sie kannten ihre Bücher. Marx, dessen 200. Geburtstag 2018 gefeiert wird, schickte Darwin sein „Kapital“ mit einer Widmung.

Die Widmung inspirierte Ilona Jerger zu ihrem wunderbaren, mit vielen Details zum Leben und Werk der beiden großen Denker ausgestatteten Roman, in dem der (novellistische) Höhepunkt das Dinner ist. „Und Marx stand still in Darwins Garten“ besteht aus Fakten und Fiktion. Eine der schönsten Erfindungen ist dabei die Figur Dr. Beckett. Der Arzt ist der elegante Navigator zwischen den beiden Bartträgern, dem als Gottesmörder und Affen-Theoretiker verspotteten Darwin und dem finanziell stets klammen Weltverbesserer Marx.

Man muss kein Vorwissen über Biologie und Marxismus haben, um Jergers Roman zu verstehen. Dieses Wissen liefert das gründlich recherchierte Buch, ein toller Mehrwert. „Und Marx stand still in Darwins Garten“ ist im Übrigen nicht nur lesbar, die Lektüre des Romans, der auch humorvolle Passagen kennt, bereitet ein großes Vergnügen. Im Marx-Jahr ein Muss!

Ilona Jerger: „Und Marx stand still in Darwins Garten.“ Ullstein-Verlag, Berlin. 288 Seiten, 20 Euro