Für sein Bedürfnis nach Zerstreuung hat sich der Mensch Maschinen erschaffen: Achterbahnen, Rennautos, Smartphones. Die Frage ist, ob diese Erfindungen unser Vergnügen auch wirklich zu steigern vermögen.

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Es hat zunehmend den Anschein, als kehre sich das Machtverhältnis zwischen Mensch und Maschine um: Nicht die Maschine unterhält den Menschen, sondern der Mensch dient der Maschine, passt sich ihrer Logik an. Er lässt sich von der Digitalisierung sein Privatleben aushöhlen, arbeitet klaglos auch nach Feierabend, und achtet darauf, jederzeit erreichbar zu sein.

Spielautomat als Sinnbild für Sucht

Wie bei so vielen Phänomenen unserer Zeit hat auch für dieses bereits vor fast hundert Jahren der Bühnenautor Ödon von Horváth ein plastisches Bild gefunden. Es ist das Oktoberfest, dessen Fahrgeschäfte in seinem Stück „Kasimir und Karoline“ die groteske Kulisse bilden für eine getriebene, verunsicherte, haltlose Gesellschaft.

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Horváths Dramatik schließt auf so verblüffende Weise an unsere Gegenwart an, dass man glauben könnte, es sei nichts leichter, als sie heute auf die Bühne zu bringen. Doch das stimmt nicht: Gelungene Horváth-Abende muss man mit der Lupe suchen (wenngleich in Stuttgart gerade einer zu erleben ist) – vielleicht, weil die so offensichtliche Aktualität kaum noch Spielraum lässt für eine autonome Regiehandschrift.

Schlüssiges Setting

Am Theater Konstanz hat sich nun der Hausherr persönlich dieser Aufgabe angenommen. Gemeinsam mit Regiekollegin und Tanzchoreografin Zenta Haerter hat Intendant Christoph Nix ein Setting erschaffen, das bemerkenswert schlüssig erscheint. Als zentrales Fahrgeschäft sehen wir kein Riesenrad und keine Achterbahn, sondern: einen Spielautomaten, Sinnbild für die Herrschaft des Apparats über den Menschen, für Sucht und Abhängigkeit statt Lust und Vergnügen.

Links steht außerdem ein Autoscooter bereit, in den sich gelangweilt, desillusioniert dreinblickend, ein Spießbürger gehobenen Alters (Odo Jergitsch) mümmelt. Es dauert ein wenig, bis wir verstehen: Der Mann hat sich den Autoscooter nicht umsonst ausgesucht, er war nämlich mal Chauffeur.

Odo Jergitsch als desillusionierter Spießbürger gehobenen Alters – als gealterter Kasimir.
Odo Jergitsch als desillusionierter Spießbürger gehobenen Alters – als gealterter Kasimir. | Bild: Ilja Mess

Wir sehen in ihm Kasimir, oder besser: einen Teil von ihm. Es ist der gealterte, vom Leben abgeschliffene Charakter, der hier mit sonorer Stimme die Aufgeregtheiten der jungen Leute kommentiert. Dazu zählt auch sein zweites Ich, Kasimir als junger Mann (Julian Härtner), der verzweifelt und aufbrausend nicht wahrhaben will, dass seine Verlobte Karoline (Antonia Jungwirth) sich heute amüsieren will. Dabei hat er doch gerade seinen Arbeitsplatz verloren!

Wie sie heutigen Streithähnen gleichen!

Während ein Duo mit Hackbrett und Geige (Noldi Alder und Töbi Tobler) zum düsteren Dance Macabre aufspielt, kriegen sich die vergnügungssüchtigen Oktoberfestbesucher in die Haare. Und es ist bemerkenswert, wie sehr sie dabei heutigen Streithähnen gleichen, etwa wenn es ums Moralisieren geht. Da wirft der Kasimir seiner Karoline vor, ihn bloß deshalb zu Gunsten des feschen Zuschneiders Schürzinger (André Rohde) sitzen zu lassen, weil er ja gerade seinen Job verloren hat. Und die Gauner-Freundin Erna (Sylvana Schneider) beschwert sich gegenüber ihrem Franz (Florian Rummel), dass er immer „so wegwerfend über uns Frauen“ redet. Sie werfen einander moralisches Fehlverhalten vor, und merken gar nicht, wie sie alle längst jede Moral gegen ein bloßes Funktionieren nach Vorbild der Automaten eingetauscht haben.

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Ja, so kann man diese traurig komische Ballade zeigen, denkt man sich. Diese Setzung trägt über einen ganzen Abend! Doch es ist wie verhext mit diesem Horváth: Kaum kriegt man ihn zu fassen, flutscht der Text wie ein Stück Seife auch wieder davon. Etwa zur Hälfte beginnt der Abend, sich im Kreis zu drehen. Es scheint, als sei dem Stück über seine automatenhafte Tristesse hinaus nicht mehr viel abzugewinnen.

Schöne und ironische Bilder

Dabei erfinden Nix und Haerter durchaus schöne, ironische Bilder, etwa wenn der Herr Kommerzienrat Rauch (Harald Schröpfer) und Landgerichtsdirektor Speer (Peter Cieslinski) als Vergnügungssport der feinen Leute eine Art Schach zelebrieren – allerdings mit Gummisaugern für verstopfte Toiletten. Neue Einblicke in die Motive der Figuren aber vermitteln diese Ideen nicht.

Witzige Idee: Schachspielen mit Gummisaugern.
Witzige Idee: Schachspielen mit Gummisaugern. | Bild: Ilja Mess

Die lichtesten Momente in dieser so düsteren wie ambivalenten Inszenierung sind den Schauspielern vorbehalten. Das gilt vor allem für Antonia Jungwirth, die als Karoline mit ihrem naiven Aufstiegswillen (indem sie wechselnde Männerfreundschaften eingeht, erhofft sie sich „eine höhere gesellschaftliche Stufe und so“) herrlich rustikal auftritt. Überzeugend auch Julian Härtner und Odo Jergitsch, die sich freilich ganz auf jeweils eine Charakterebene ihrer Figur konzentrieren können. André Rohde gefällt als schmieriger Schürzenjäger mit dem dazu passenden Namen Schürzinger. Schön auch, wie Peter Cieslinski als moderner Arthur Schopenhauer die Karikatur eines Bildungsbürgers gibt.

Für den gesellschaftlichen Aufstieg ist ein Oktoberfest der falsche Ort. Und so kehrt Karoline am Ende zu Kasimir zurück. Ob er sich erinnere, fragt sie ihn: Er habe doch gesagt, sie sei ihm automatisch davongelaufen, sobald er arbeitslos wurde. „Automatisch hast du gesagt!“ Hat er gar nicht: Das Automatenhafte seines Handelns offenbart sich dem Menschen ganz von selbst.

Weitere Termine: 15., 16., 17., 19., 22., 23., 25., 31. Oktober; 2., 3. und 15. November; 4. Dezember. http://www.theaterkonstanz.de

Drei Fragen an Odo Jergitsch

Odo Jergitsch ist einer der beiden Schauspieler, die den Kasimir darstellen.

Was ging Ihnen bei der ersten Lektüre durch den Kopf?

Horváth beherrscht die besondere Kunst, das Feige, oder das, was uns klein macht, aufzudecken. Er deckt den Text hinter dem Text auf, durch den Einsatz von „Stille“-Momenten. Das ist schon besonders.

Was war die größte Schwierigkeit?

Die Figuren so zu erarbeiten, dass klar wird: Diese Menschen sind keine Ungeheuer oder Monster, auch wenn jeder an sich denkt. Sie bleiben trotz Desillusionierung liebenswürdig.

Der stärkste Satz des Abends?

„Was sind denn das schon für Ideale von wegen dem seelischen Ineinanderhineinfließen zweier Menschen?“

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