„Alter ist scheiße. Wenn du so zusammenbröselst, ist das entwürdigend.“ Als Otto Dix, der nicht nur für seine drastische Malerei berühmt war, sondern auch für seine Wortwahl, das sagte, hatte er den ersten Schlaganfall hinter sich. Er kämpfte mit einer Lähmung und sah sich in seiner Arbeit eingeschränkt. Mehr als 100 Selbstbildnisse hat er hinterlassen – nur Max Beckmann, der andere große Selbstmaler der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts, lieferte mehr. In den letzten Dix-Bildern lösen sich die Formen seines Gesichts auf. Ein Jahr vor seinem Tod, 1968, malte er sich noch als „Totenkopf.“ Den zweiten Schlaganfall überlebte er nicht.

Otto Dix war sich seiner Vergänglichkeit bewusst. Das darf auch von Georg Baselitz (80) gesagt werden, zumal nach dem Besuch seiner Ausstellung im Musée Unterlinden in Colmar. Deren Besonderheit ist, dass nur Werke der vergangenen vier Jahre gezeigt werden – 30 Gemälde, 40 Zeichnungen und drei Skulpturen. Und darin beschäftigt er sich mit seinem alternden Körper und dem seiner Frau und Muse Elke, mit der er seit den 1960er-Jahren verheiratet ist.

Georg Baselitz bei der Vernissage seiner Ausstellung in Colmar.
Georg Baselitz bei der Vernissage seiner Ausstellung in Colmar. | Bild: Sebastien Bozon / AFP

Als Alterswerk will er diese Arbeiten, die Kuratorin Frédérique Goerig-Hergott unter dem Titel „Corpus Baselitz“ zusammenfasst, nicht sehen. Er kennt nur gescheiterte Alterswerke berühmter Kollegen, sagt er in Colmar, er habe daher versucht, die Fehler der anderen zu vermeiden. Mit diesen neuen Bildern will Baselitz – sich und uns – beweisen, dass er noch besser ist als alle anderen. Zudem weiß er nicht, was noch kommt. An Selbstbewusstsein hat es dem Künstler noch nie gefehlt. Auch nicht am Willen, mehr als nur eine Fußnote in der Kunstgeschichte zu werden.

Der junge Maler provozierte 1963 mit Kalkül die prüde Adenauer-Republik mit einer rohen Masturbations-Szene. „Die große Nacht im Eimer“, so der Titel des (angeblich) Selbstbilds, das in einer Berliner Galerie ausgestellt war, löste einen Skandal aus. Baselitz geriet unter Porno-Verdacht. Selbst die „Bild“-Zeitung berichtete über ihn. Kein schlechter Start für den Künstler, der anfangs von renommierten Kollegen wie Joseph Beuys belächelt wurde. Das nagt bis heute. Aber er hat’s ihnen gezeigt. Neben Gerhard Richter ist er der teuerste zeitgenössische deutsche Künstler.

Eine Frau betrachtet das Bild "Dystopische Glocken" von Georg Baselitz.
Eine Frau betrachtet das Bild "Dystopische Glocken" von Georg Baselitz. | Bild: Sebastien Bozon / AFP

Es heißt, dass auf Baselitz’ monumentale Serie „Avignon“ von 2014 eine Zeit gesundheitlicher Beschwerden folgte, sodass er verunsichert begann, seine Malerei zu hinterfragen. Im Sinne Beckmanns, der meinte, das größte Geheimnis der Welt sei das Ich, entstanden ambitionierte Arbeiten, Gemälde und Zeichnungen, in denen er den Fokus auf sich und seinen Körper lenkte, im Hinterkopf die ewigen Themen Existenz, Vergänglichkeit, Tod. Und so begann Baselitz, der sich zuvor nackt, frontal, in voller Lebensgröße in mächtigen Formaten und in grellen Farben auf tiefschwarzem Grund dargestellt hatte, Ende 2014/15 einen Zyklus aus sehr intimen, schonungslos kritischen Akten von düsterer Ausstrahlung.

Der Blick geht zurück

Wir sehen, auf dunklem Grund, ein oder zwei Körper, mal kopflos, ein anderes Mal in wandelnder Pose, meist gestürzt oder auf dem Krankenbett liegend. Wir sehen farbverspritzte fragmentarische Gliedmaßen, schlaffe Muskulatur, faltige Haut, das Ganze auch im Querformat, das bei Baselitz eher selten vorkommt. Und es gibt auch den Blick zurück. Der Künstler stellt mit den neuen Bildern Bezüge zu älteren Arbeiten her, etwa zum Gemälde „Nackter Mann“ (1962). Bildausschnitt und Sinn des Motivs haben sich verändert, die Positionierung des Körpers bleibt aber identisch. An die Stelle der Männlichkeit, wie sie auch in der „großen Nacht“ zelebriert wird, ist jetzt Kraftlosigkeit getreten, Vitalität und Energie sind verschwunden, Bewegung wird durch einen Wartezustand ersetzt. Warten auf Godot? Baselitz, der zwar nicht glaubt, aber kniet, kennt seinen Beckett, wie er in Colmar im Gespräch kundtut. Entsprechend titelt er seine Bilder: „Der Anfang ist der Abgang“ (2014) heißt ein Selbstporträt, „Wir gehen ab“ (2017) zeigt eine männliche und eine weibliche Figur.

Eine Frau macht ein Foto von Georg Baselitz' "Fenster in Venedig".
Eine Frau macht ein Foto von Georg Baselitz' "Fenster in Venedig". | Bild: Sebastien Bozon / AFP

Baselitz erforscht mit diesen Bildern nicht nur sein Ich, sondern auch das seiner Frau Elke. Sie war schon früher sein Modell. In den neuen Bildern ist die Jugend dem Alter gewichen. Die einst fein gezimmerten Akte werden jetzt „durch glattrasierte, verfallende und im Nichts verlorene Körper ersetzt“ (Goerig-Hergott). Wir sehen hastig konturierte Körper, verwaschene Farben; die Formen und die in die Farbmassen eingeritzten Falten verweisen ebenso auf den langsam erlöschenden Lebenshauch wie auf die Titel der Werke. Melancholie macht sich breit, dabei ein Gefühl, als werfe Baselitz mit seinen Bildern Gott alles vor, was er falsch gemacht hat.

Aber Baselitz wäre nicht Baselitz, würde er nicht auch an seine Bedeutung für die Kunstgeschichte denken. Über die introspektive Haltung und Herangehensweise hinausgehend, bezieht er sich in den Bildern der vergangenen vier Jahre immer wieder kompositionell auf verehrte Vorbilder, auf Duchamp, Dubuffett, auf Dix, auf Picasso und De Kooning. Man muss allerdings Fantasie entwickeln, um die Bezüge zu erkennen. So etwa in dem dunklen Doppelbildnis eines Paars, das auf einem Sofa sitzt – „Einer sieht dieses, der andere jenes“ (2016) – das Dix-Porträt der Eltern von 1924. Das Bild steht auch für sich.

Ein Mann betrachtet das Gemälde "Einer sieht dieses, der andere jenes" (2016) von Georg Baselitz.
Ein Mann betrachtet das Gemälde "Einer sieht dieses, der andere jenes" (2016) von Georg Baselitz. | Bild: Sebastien Bozon / AFP

Dass das Musée Unterlinden Baselitz nach Colmar eingeladen hat, hat auch mit dem Isenheimer Wandelaltar von Matthias Grünewald zu tun, dem 1515 geschaffenen Prunkstück des Museums. Paul Celan sprach beim Anblick der Kreuzigungs-Szene von der „Gegenwart des Entsetzlichen“. Auch Dix zeigte sich beeindruckt von dem Altar, den er im Detail studierte. Baselitz nimmt auch das Leid Christi in seine Bilder auf, bis hin zu den leichengrünen Blutfüßen – das Leid, wie es Grünewald sah. Ihn in einem Atemzug mit dem Renaissance-Künstler zu nennen, wie es Goerig-Hergott tut, schmeichelt zwar Baselitz, ist aber vielleicht doch etwas überzogen.

Baselitz stellt seit Ende der 1960er-Jahre seine Bilder auf den Kopf. In der Kunstgeschichte war die Figur, die mit dem Kopf nach unten weist, meistens der Leidende. Ob er das damals wusste? Eigentlich, so heißt es, wollte er mit den Kippfiguren nur das Korsett der Sehgewohnheiten lockern. Das ist ihm gelungen. Auch mit dieser Ausstellung.

Georg Baselitz im Interview

Das Gespräch zwischen Georg Baselitz und SÜDKURIER-Mitarbeiter Siegmund Kopitzki fand am 6. Juni 2018 nach der Pressekonferenz im Musée Unterlinden in Colmar (Frankreich) statt. Die Geräusche im Hintergrund sind Handwerkern geschuldet, die noch Feinarbeiten an der Ausstellung vornehmen mussten. Einige Zwischenfragen wurden von anwesenden Journalisten gestellt. Das Video wurde von Waltraut Liebl aufgenommen.