Kaum zu glauben, auch Tränen können Kunst sein. Im Laboratorium von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, eingerichtet im Museum Tinguely, zwischen den Wundermaschinen des Basler Kinetikers Jean Tinguely, kann der Besucher eine Träne für ästhetisch-wissenschaftliche Zwecke vergießen und das Augensekret unter dem Mikroskop begutachten. Wen das Angebot nicht gleich zu Tränen rührt, dem hilft ein freundlicher Assistent im weißen Kittel mit Zwiebelduft etwas nach. Das Ergebnis der Tortur: Tränen bilden wunderbare kristalline Blumenmuster. Und jede hat eine andere Struktur, wie Schneeflocken…

Tränen bilden kristalline Blumenmuster, wie hier im „Tränenbild“. <em>Bild: Tinguely Museum</em>
Tränen bilden kristalline Blumenmuster, wie hier im „Tränenbild“. Bild: Tinguely Museum | Bild: Tinguely Museum

Das Angebot ist nur temporär in dem Museum verfügbar. Es ist Teil der „Too early to panic“ (Zu früh, um in Panik zu geraten) getitelten Ausstellung des Schweizer Künstlerduos Steiner & Lenzlinger. Streng genommen ist die Basler Ausstellung eine Retrospektive. Seit 1997 arbeiten die beiden Künstler zusammen. Sie schaffen Installationen, betörende Universen aus natürlichen Fundstücken oder/und gefertigten Objekten. Wachstum, Transformation, Kristallisation sowie Metamorphosen durch chemische Reaktionen gehören zu ihrem künstlerischen Programm – das allerdings erst dann vollständig ist, wenn die Besucher mitspielen – zum Beispiel, indem sie weinen.

Spielerische Ironie gehört dazu

So lustig diese Station der Ausstellung anmutet, der Ursprung dieser Idee hat einen tragischen Hintergrund. 2012 stellten Steiner & Lenzlinger in der japanischen Stadt Mito aus. Unter anderem sammelten sie 800 Tränen, die in kristallisierter Form fotografiert als Buch erschienen sind. Ein Jahr nach dem Reaktorunfall in Fukushima wollten sie mit Tränen arbeiten, ihre Form der Trauerarbeit. Mito ist ein Gebiet mit erhöhter Radioaktivität und die Katastrophe vom März 2011 war bei den Menschen sehr präsent. Steiner & Lenzlinger waren in der Folge erstaunt, wie tränenfreudig die Japaner waren. In dem Fall flossen jedoch bittere Tränen.

Eine weitere Station des Parcours, der zu Selbstversuchen einlädt, bildet ein pinkfarbener Raum, der als Beauty-Salon durchgehen könnte. Hier werden Besucher eingewiesen, sich mit dem Schönheitsvirus infizieren zu lassen oder aber unter einem aufgehängten Meteoriten zu träumen. In einem Dunkelraum besteht die Möglichkeit, die zur eigenen Stimme passende Blume zu finden. Ob das ernst gemeint ist?

Spielerische Ironie gehört zum Kunstverständnis von Steiner & Lenzlinger. Aber auch ihr Spaß am Spaß ist endlich. Wer sich in ihre vernetzte Fitness-Maschine begibt, um die erlahmende Armmuskulatur zu stärken, der öffnet via Drahtzug links und rechts die Deckel von Tiefkühltruhen, aus denen das Grunzen von Schweinen und das Muhen von Kühen an die wahren Lieferanten der frostigen Ware erinnern. Dass er damit auch die raumgreifende Skulptur, eine Art Kunst-Urwald, in Bewegung bringt, geht beinahe unter.

Das Video „Hühnerhüpfen“ zeigt Hühner beim Spaghetti-Pflücken. <em>Bild: Museum</em>
Das Video „Hühnerhüpfen“ zeigt Hühner beim Spaghetti-Pflücken. Bild: Museum | Bild: Museum Tinguely Basel

Es ist nicht der einzige Fingerzeig auf die Natur. Ein Video zeigt wild hüpfende Hühner beim Spaghetti-Pflücken von tief hängenden Baumästen, ein seltsamer Tanz („Hühnerhüpfen“, 2016); en passant entdeckt man ein totes Vogelnest in goldenen Stöckelschuhen („Goldschatz“, 2013):

"Goldschatz", aus der Ausstellung "too early to panic". Bild: Steiner Lenzlinger
"Goldschatz", aus der Ausstellung "too early to panic". Bild: Steiner Lenzlinger | Bild: STEINER LENZLIMGER

Auf einem Tisch haben Steiner & Lenzlinger eine Sammlung von Samen ausgelegt („Schlafende Samen“, 2002, „Samensammlung aus Mali“, 2003); das Samenkorn ist die Keimzelle aller Dinge, sie steht gleichermaßen für die Fruchtbarkeit wie für die Wurzeln, die uns sowohl mit unserer eigenen Vergangenheit als auch mit der Geschichte der Menschheit verbinden. Kunst kann manchmal so einfach sein.

Die Keimzelle aller Dinge: „Schlafende Samen“ im Tinguely Museum. <em>Bild: Daniel Spehr</em>
Die Keimzelle aller Dinge: „Schlafende Samen“ im Tinguely Museum. Bild: Daniel Spehr | Bild: DANIEL SPEHR

Aus dem (schon immer) spannungsreichen Verhältnis zwischen Mensch und Natur schöpfen Steiner & Lenzlinger ihre hintergründigen Ideen. Berühmt wurden sie übrigens 2003 mit einer Installation für die Biennale in Venedig. Dort ließen sie aus der Kuppel der Kirche San Stae Pflanzen regnen, ein fallender Garten – wie ein angehaltener Atem –, der an gewissen Stellen in farbige Kristallseen überging. Von einem „Fruchtbarkeitsregen“ sprach ein Kunstkritiker. Steiner & Lenzlinger arbeiten überwiegend ortsbezogen und nur in wenigen Ausnahmefällen sind ihre Werke als dauerhafte Installationen konzipiert.

In der Basler Retrospektive, die Séverine Fromaigeat gemeinsam mit den beiden Schweizer Künstlern kuratiert hat, werden Arbeiten gezeigt, die bis zu 25 Jahre alt sind. Die Ausstellung selbst ist als Labyrinth angelegt. Der Besucher hat die Wahl zwischen drei Türen – Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Für alle Fälle gilt: der Weg ist das Ziel.

Wer die Holztüre der Vergangenheit wählt, was zu empfehlen ist, begibt sich auf eine Zeitreise zu den frühesten Arbeiten des Künstler-Duos, das zunächst von der Malerei geprägt war, wobei Steiner schon damals Kristalle wachsen und Ameisen Bilder malen ließ. Aber schon hier wird der Besucher mit den über die Jahre angelegten Sammlungen des Duos konfrontiert, darunter Raritäten und Kuriositäten, die jeder Wunderkammer Ehre erweisen würden. So wird etwa aus entsorgten Prothesen, Herzschrittmachern, künstlichen Gelenken und Hörgeräten ein groteskes Mobile.

Schönheit steckt auch in den herben, nicht perfekten Dingen, sagen Steiner & Lenzlinger, denen Kopflastigkeit nicht vorgeworfen werden muss. Recycling gehört zu ihrer Kunst, ohne dass sie daraus ein Plädoyer für den Umweltschutz anstimmen – it‘s too early to panic. Wiederaufbereitung schließt ihrer Meinung nach das Vergangene an Gegenwart und Zukunft. Es ist der Kreislauf des Lebens und des Sterbens, der sie beschäftigt. Das dreiteilige Türenspiel hat also hierin seinen tieferen Grund.

„To early to panic“. Museum Tinguely Basel. Bis 23. September. Di bis So 11-18 Uhr, http://www.tinguely.ch