Willkommen im Klub – feiern Sie mit uns ihre ganz persönliche Doppel-Krise! Dazu lädt das Theater Konstanz in seiner ersten Werkstatt-Premiere der Saison ein. Und startet mit fetzigem Techno-Beat und wummerndem Herzschlag-Rhythmus (Musik: Saga Björklund Jönsson) in einer Bar zwischen Glitzervorhängen, die „Triple Crisis“ und „Double Decker“ – Cocktails anbietet, mit Stehtischen und einer leeren Bühne, deren Rand allenfalls zum Sitzen einlädt. Unbequem soll es das Publikum haben (unter das sich auch einige der Schauspieler gemischt haben), denn unbequem ist das, was das Stück „Your Very Own Double Crisis Club“ zu sagen hat (Ausstattung: Steffi Rehberg). Es geht um Kriegselend, Vertreibung, Flucht und Ankommen in einem neuen Land. Verträgt sich diese Thematik mit hämmernden Beats und rotierenden Discokugeln? Oder soll die überdrehte Partystimmung im Strobo-Licht nur vom Unbegreifbaren ablenken? Oder dient sie einzig als Köder für junges Publikum?

Hebräisch ist die Muttersprache der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai (Jahrgang 1978). Das Stück schrieb sie auf Englisch, Henning Borchert hat es ins Deutsche übersetzt. Und doch wohnt der Sprache eine Kraft inne, die ankommt – fernab von der zitierten „subventionierten Immigrantenpoesie“. Ein Klagelied stimmen die drei Protagonisten Sarah Siri Lee König, Johanna Link und Tomasz Robak im fesselnden Spiel auf ihre zerstörte Stadt an, in der „Menschen wie Bonbons aus zerbrochenem Glas rollen“ mit Feuer, das ihren Rücken tätowiert.

Starke Bilder gelingen dem Regisseur Nicola Bremer, wenn Sarah Siri Lee König ihren Kollegen Tomasz Robak stützen, auffangen, aufrichten will und dabei an die Grenzen ihrer Kraft stößt. Die Projektionen auf dem Bühnen-Hintergrund mit neun Bildern unterstreichen Handlungen, zeigen Gesichter, lassen Münder stumme Sprache sprechen. „Steckt die Hände direkt in die Unterwäsche, spürt die Wärme“, empfiehlt Schauspielerin Link. Denn eiskalt kann einem werden bei dem, was folgt. Es sei die Krise zwischen dem „Wir“, also Menschen, die aus der zerbombten Stadt fliehen und dem „Ihr“, dem Publikum, das im demokratisch-sicheren Land zu verstehen versucht. Immer wieder übertönen die elektronischen Beats die Szene, immer wieder taucht das sehr junge Publikum ab in die betäubende Musik. Kann es die schrecklichen Schilderungen nur so ertragen?

Immer wieder schafft es die Regie, bildgewaltige Assoziationen zu schüren: Der scheinbar leblose Körper, der unter dem Bühnengestell hervorgezogen, durch die Zuschauer geschleift und auf der Bühne an den Füßen durch die Luft geschwungen wird, als ob er so zum Leben erweckt werden könnte. Oder der pantomimische Tanz in Zeitlupe auf der Bühne, der die Haltung des Gekreuzigten zeigt. Oder die Frau, über deren Kopf das T-Shirt gezogen ist: Chorisches Sprechen ritualisiert und entpersonalisiert hier die demütigende Tat. Oder es unterstreicht die Gemeinsamkeit, wenn die Drei vom „Lebenwollen“ sprechen, sich eng umarmen und Zuschauer gleich in die Umarmung mitnehmen.

Die Schauspieler bemühen Romeo und Julia – Zitate und Bibel-Stellen sprechen vom Kriegsporno mit schnarrender Hitler-Stimme. Oder sie schildern in langen Sentenzen das ganz normale Leben, das überall gleichzeitig mit dem Grauenhaften stattfindet. In aufgesplitteten Sätzen sprechen sie, wenn jeder Schauspieler nur ein Wort des Satzes sagt. So gerät der Inhalt fast ins Vergessen, weil der Rhythmus so fasziniert. Doch plötzlich konstatiert der Schauspieler: „Ihr habt’s verstanden, keine Beispiele mehr.“

Dem Schluss fehlt es an Stringenz. Zu viele Seitenstränge prägen die Szene: Der Zug der Kinder aus der Stadt, ihre Mission in Minenfeldern, die Auszeichnung mit Silberstreifen für Zuschauer, die sich dem „Wir“ verbunden fühlen, ein überlanger Monolog – im Glas-Sarg unter der Bar gesprochen – über die männerdominierte Schwanz-Gesellschaft mit ihren Macht- und Herrschaftsansprüchen – das hätte schon Potential für ein neues Stück.

„Der Albtraum wird nie enden“, heißt es an einer Stelle. Das Publikum atmet auf, als ein einstündiger Albtraum wieder in der Party endet. Und tatsächlich: Die Botschaft ist dennoch angekommen, die beiden Krisen spielen sich nicht nur zwischen dem abstrakten „Wir“ mit Fluchtgeschichte und einem anonymen „Ihr“ in der demokratischen Gesellschaft ab. Sie tangieren jeden einzelnen, der sich einlässt.

Die nächsten Aufführungen: Am 9., 11., 12., 24., 25. und 27. Oktober. Karten unter Tel. 07531-900-150 oder unter
http://www.theaterkonstanz.de