Feiner Nebel wabert durch das Foyer des Radolfzeller Milchwerks. Weiße Vorhänge umrahmen die Veranstaltungsfläche. Die Form bewegt sich irgendwo zwischen Nierentisch und Milchklecks. Zögerlich nehmen die rund 50 Zuschauer auf den Liegestühlen und Sitzwürfeln Platz, die im Foyer verteilt sind. Die Yogamatten auf dem Boden ernten misstrauische Blicke. Der Abend verspricht laut Programm einen „faszinierenden Klangrausch“, ausgelöst durch eine „musikalische Performance durch den ganzen Raum“.

Dass dieses Konzert eines der anderen Art werden wird, ist klar. Wie anders, erläutert der musikalische Leiter und Gründer des Podiums Esslingen Steven Walter. „Das wird etwas sehr Ausgefallenes. Lassen Sie sich einfach darauf ein und baden Sie in der Musik“, begrüßt er das Publikum. Er kündigt eine Performance an, die durch die Zuhörer aktiv mitgestaltet wird. Die sollen nämlich nicht wie sonst bei Konzerten üblich regungslos auf ihren Sitzplätzen verharren, sondern durch den Raum wandern. Das soll dem Publikum die Möglichkeit geben, die Musik in all ihren Facetten, aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln zu hören. Auch unter dem Flügel liegt eine Matte bereit. Walters Lieblingsplatz, wie er verrät.

Für so eine ungewöhnliche Idee braucht es ein ungewöhnliches Stück. Mit dem 90-minütigen „Canto Ostinato“ des niederländischen Komponisten Simeon ten Holt hat das fünfköpfige Ensemble mit Violine, Violoncello, Klarinette, Kontrabass und Klavier eine Komposition gewählt, die in deutschen Konzertsälen ein Schattendasein führt. Für die Zwecke des Podiums Esslingen ist es ideal. Ten Holts Werk wird der Minimal Music zugeordnet, die sich durch ständige Wiederholungen kurzer musikalischer Grundmuster, Beständigkeit in Klangfarbe und -dichte sowie eine stabile Harmonik auszeichnet. Walter übersetzt den Titel der Komposition mit „beständiger Gesang“. Das Ostinato ist auch eine sich stets wiederholende musikalische Figur. So oder so wird klar: Wer auf Abwechslung und theatralische Spannungsbögen hofft, ist hier falsch.

Anhänger des Stils schätzen die dadurch entstehende meditative, fast psychedelische Wirkung auf den Zuhörer. Das Podium Esslingen will damit ein junges Publikum ansprechen. Sowohl mit der Auswahl des Stückes als auch mit der einer Performance sehr ähnlichen Art der Aufführung. Die Minimal Music erinnere in ihrem Aufbau an Popmusik, erklärt Walter. Dass das Publikum die Möglichkeit hat sich zu bewegen, sei moderner als das statische Sitzen. Da hat er recht. Das junge Publikum bleibt dem Konzert trotzdem fern, abgesehen von ein paar Alumni der Radolfzeller Sommerakademie, in deren Rahmen das Konzert des Podiums stattfindet.

So ist es auch an diesem Abend ein eher klassisch anmutendes Publikum. Die ersten Töne erklingen. Die Gesichter, die durch die Scheinwerfer hinter den Vorhängen mal in rosafarbenes, mal in gelbes Licht getaucht werden, sind gespannt. Das Format ist neu. Als kulturinteressierter Mensch gehört es zum guten Ton, gerade innovativen Ansätzen wohlwollend und aufgeschlossen gegenüberzustehen. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase stehen tatsächlich die ersten Zuhörer auf und wechseln den Platz. Gleich beim ersten Positionswechsel geht es für viele auf die Yogamatte unter dem Flügel. Zum einen, weil Walter es empfohlen hat. Bei vielen Mattenbesuchern schwingt aber auch ein wenig demonstrativer Pioniergeist mit. Da lässt sich das Radolfzeller Publikum nicht lumpen.

Tatsächlich nutzen fast alle Besucher das Angebot, das ihnen dieses junge Ensemble macht. Nur wenige Zuhörer verharren eisern auf ihren Plätzen am Ende des Foyers. Vielleicht ist ihnen diese Form des Konzerts zu waghalsig. Oder die Akustik ist in dieser Ecke besonders gut. Sie wissen nicht was ihnen entgeht. Denn auch wenn die Idee, den Raum durch Positionswechsel als riesigen Resonanzkörper zu entdecken, schon sehr extravagant klingt, macht sie durchaus Sinn. Spätestens nach den ersten Gehversuchen stellt man fest, dass die Komposition ten Holts unter dem Klavier unbestreitbar anders klingt, als zu Füßen des Violinisten Magnus Hansen.

„Canto Ostinato“ verlangt dem Ensemble einiges ab. Körperlich wie auch handwerklich. Der stets gleichbleibende Rhythmus wird bis zur letzten Minute durchexerziert und bietet dennoch Raum für Improvisationen, den die Musiker gekonnt nutzen. Doch auch die Zuhörer sind gefordert. 90 Minuten Länge sind grenzwertig. Die Musik erlaubt dem Publikum, trotz ihres unangestrengten Dahinfließens, weder abzuschalten noch sich zu konzentrieren. Die kleinen harmonischen Veränderungen, die unauffällig in den Klangteppich gewoben werden, sind spürbar, aber kaum zu fassen. Der Zuhörer muss sich treiben lassen. Das macht diese Musik so spannend. Sie saugt den Zuhörer ein, bis er sich verliert.

Ob das gefällt? Die Mehrheit des Radolfzeller Publikums lächelt, als die letzten Töne verklingen. Am Ende entscheidet der Bauch darüber, unabhängig vom gelernten Geschmack. Viel mehr wollen Walter und sein Ensemble vielleicht auch gar nicht erreichen.

Das Podium Esslingen

Das jährlich stattfindende Musikfestival wurde 2009 von jungen Musikern in Esslingen gegründet. Erklärtes Ziel der Initiative ist es, mit herkömmlichen Aufführungsformaten zu brechen. Ungewöhnliche Spielstätten, ausgefallene Kostüme, viel Bewegung und gezielt eingesetztes Licht sollen einen besonderen Raum für die Musik schaffen. Der Mitbegründer und musikalische Leiter des Podiums beschreibt die Konzerte als Entdeckungsreisen. Das Konzept der jungen Musiker wurde seit seiner Entstehung mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Echo Klassik und dem Kulturmarken-Award. Mehr Infos unter www.podiumfestival.de(jel)