„Werdet ihr erst dann einseh‘n, dass ihr euer schönes Geld auf der Bank nicht essen könnt. Welch Menge ihr auch nennt.“ Die Melodie dieses Refrains habe ich noch genau im Ohr. Zu ihr tanzten wir auf Festivals und sangen in unseren Jugendzimmern, durch die der sanfte Rauch der Räucherstäbchen – meist Duftnote Patchouli – zog. Das war Anfang der 80er Jahre zu Zeiten der Friedensdemos, der Umweltbewegung und des Beginns der Ostermärsche. Vielleicht gehörte die Bewegung zu den allerletzten Ausläufern der 68er, mit Kapitalismus- und Gesellschaftskritik, Antiapartheitskampf und dem großen Wunsch nach Frieden und einer gesunden Umwelt ohne Ausbeutung. Songs wie „Rauchzeichen“ der Gruppe Cochise, zu dem die obigen Zeilen gehören, waren Lebenselixier in jener Zeit, in der auch Konstantin Wecker oder Hannes Wader ihre Höhepunkte feierten sowie Folkbands, die alte Volkslieder und Protestlieder aus dem Bauernkrieg, vom Weber-Aufstand oder zur Demokratie-Bewegung wiederbelebten. Auch heute noch passen die Inhalte der Lieder in unsere Lebenswelt.

Geigerin bei der Folkband Cochise

Die Musikerin Dorle Ferber, die in Taisersdorf bei Owingen lebt, sang und spielte Geige unter anderem bei den bekannten Folkbands Cochise und Elster Silberflug als auch in Jazz-Rock-Bands. Sie sang Chansons, Jazz, Blues und liebte die freien Improvisationen. „Mein erstes Bandprojekt war die Heidelberger Jazzrock-Band Zyma, und Hans Reffert gehört zu meinen wichtigsten Weggefährten“, blickt sie auf ihr ereignisreiches Leben als Musikerin zurück. Einige Jahre tourte Dorle Ferber mit Cochise durch Deutschland und das Ausland, wobei 80-100 Auftritte pro Jahr zusammenkamen. „Rolltreppe abwärts“ sei der absolute Hit von Cochise gewesen, der jedes Mal gespielt werden musste.

Einer der zahlreichen Auftritte von Cochise, hier ein Jahr nach Tschernobyl.
Einer der zahlreichen Auftritte von Cochise, hier ein Jahr nach Tschernobyl. | Bild: Privat

„Wenn man mich nachts geweckt hätte, hätte ich ihn sofort abspulen können.“ Dorle Ferber lacht. In ihrer Musikwerkstatt in Taisersdorf lehnen Gitarren am Bücherschrank, im Regal stapeln sich Bücher und Notenblätter, auf dem Boden stehen Verstärker und zwischendrin das Klavier, die Geige, Klanginstrumente aus der ganzen Welt sowie Unikate, die aus der Werkstatt ihres Mannes Michael Kussl stammen.

Die Vielfältigkeit der Instrumente entspricht der musikalischen Welt von Dorle Ferber. Sie absolvierte eine klassische Ausbildung an der Musikhochschule Mannheim, öffnete sich aber stets neuen Klängen und Experimenten. Bereits während des Studiums machte sie Bühnenmusik für Theaterprojekte wie den „Sommernachtstraum“ einer Comedia dell‘ Arte Gruppe. Sie komponiert Musik für Märchen oder Filme, tritt als Solo-Performerin auf oder mit befreundeten Musikern. Lautmalerisch gestaltet sie Szenen, Stimmungen und visuelle Eindrücke. Wie intensiv sie musikalisch in Geschichten eintaucht, lässt sich auf der CD „Stroh zu Gold“ hören, auf der ihr gesammeltes Stimmen-, Laut- und Instrumentenrepertoire von der Obertonflöte über das Hackbrett bis zu Maultrommel, Glöckchen und natürlich der Geige zum Einsatz kommt.

Inspiriert durch die Musik der Welten

Als der Folk Mitte der 80er-Jahre allmählich durch andere Musikrichtungen wie Punk, Neue Deutsche Welle oder Pop-Bands wie BAP in den Hintergrund trat, entwickelte Dorle Ferber ihren eigenen Stil weiter, inspiriert durch die Musik der Welten. Sie reizt die stimmliche Bandbreite aus, aber auch die instrumentale, indem sie mit Klangkörpern experimentiert. Diese Einzigartigkeit lässt sich in keine Schublade stecken. „Das ist ein ganz großer Nachteil bei der Vermarktung“, beschreibt die Musikerin. Die Agenturen suchten häufig Musikerinnen und Musiker oder Gruppen, die klar zuzuordnen sind.

Eine außergewöhnliche Erfahrung erlebte sie bei einem Kulturaustauschprojekt in Jawa/Indonesien. „Das Zusammenspiel mit Musikern, deren Sprache ich gar nicht sprach, beflügelte mich ungemein und ermutigte mich“, erzählt Dorle Ferber von dem Projekt, das sich mit der Spiegelung von globalen Themen in der Kunst befasste. Gerade die völlig andere Tonsprache, fernab des englischen oder amerikanischen Mainstreams, gab ihr wichtige Impulse.

Ferber Anfang der 80er-Jahre. Die Energie hat sie sich bis heute bewahrt.
Ferber Anfang der 80er-Jahre. Die Energie hat sie sich bis heute bewahrt. | Bild: Privat

Dorle Ferber arbeitet zusammen mit Schriftstellern und Schauspielern wie Donata Höffer und Marianne Sägebrecht und immer auch mit Musikern aus allen Ländern wie Njamy Sitson aus Kamerun oder Enkhjargal Dandarvaanchig aus Mongolei. Sie schrieb und vertonte über 100 Kinderlieder für namhafte Verlage und knüpft stets neue musikalische Netzwerke. In der Region ist Dorle Ferbers Sängertreffen auf dem Sphinxfest in Heggelbach bekannt und in Taisersdorf der Musiktag Archex für archaisch-experimentelle Musik im Atelier für Klang und Eisen.

Bei Auftritten mit Künstlern wie Kolja Legde (Bass), dem Kraan-Schlagzeuger Jan Fride, Büdi Siebert (Multiinstrumentalist), Jos Rinck (Querflöte) oder Michael Kiedaisch (Percussion) lotet sie die Grenzen des Klangs aus. „Es muss Raum geben für Begegnung, aber auch handwerklich muss es stimmen“, beschreibt sie das Miteinander. „Es ist die Herausforderung, das Stimmspektrum zu erweitern, ohne dass die Stimme dabei kaputt geht“, erklärt sie.

Dorle Ferber auf der Bühne zu sehen, ist ein Erlebnis, das dem Zuhörer ein klangliches Universum öffnet. Man müsse die Gefühle loslassen, um eine Geschichte ohne Worte zu erzählen. „Da bin ich in einem anderen Zustand“, beschreibt sie ihr Improvisieren und die Konzentration, wobei die Energie des Publikums durchaus einfließe.

Sie komponiert auch Kinderlieder

„Zukünftig würde ich gerne noch mehr mit Erzieherinnen arbeiten“, erzählt die Musikerin. In den Kindergärten werde zu wenig gesungen. „Mir macht es ein großes Vergnügen, Kinderlieder zu komponieren“, erklärt sie und zeigt die Liederbücher mit ihren eigenen Kompositionen. Gerade die Volkslieder seien ein wichtiges Kulturgut. Es habe sie sehr bewegt, wie gerührt ihr Kameruner Kollege gewesen sei, als sie ihm „Es waren zwei Königskinder“ sang.

Gerade ging ein weiteres jährliches Projekt von Dorle Ferber über die Taisersdorfer Bühne: das Non-Profit-Event Archex, zu dem sich Musikschaffende von sehr weit bis von ganz nah treffen. Auch Performance-Kunst, Literatur und Klanginstallation ist mit dabei. Archex lässt allen Beteiligten Raum auch für spontane Aktionen und Überraschendes. Weit entfernt von der Einengung vorgegebener musikalischer Formate entstehen hier „instant composings“, manchmal inmitten der Zuhörerschaft.

Weitere Infos: http://www.dorle-ferber.de