Eine Kampagne ist, laut Duden, „eine gemeinschaftliche Aktion für oder gegen jemanden, etwas (bei der ideologische, politische Ziele im Vordergrund stehen); Feldzug.“ Bei Wikipedia heißt es dazu: „Eine Kampagne ist eine zeitlich befristete Aktion mit einem definierten Ziel, das durch geplantes und koordiniertes Zusammenwirken mehrerer Personen oder Akteure zu erreichen versucht wird.“

Der Konstanzer Althistoriker Wolfgang Schuller hat ein Buch publiziert, das den Begriff als Faktum im Titel führt: „Anatomie einer Kampagne“. Das heißt, hier gibt es nichts zu hinterfragen. Im Fokus steht das „Verfahren“, mit dem Hans Robert Jauß (1921-1997), Mitbegründer der Bodensee-Universität, fast zwei Jahrzehnte nach seinem Tod von seiner Alma Mater und der Öffentlichkeit die Teilnahme am Zweiten Weltkrieg als Offizier der Waffen-SS zum Vorwurf gemacht worden sei. „Leichthin erhobene Behauptungen, verschwiegene Sachverhalte, Reflexe auf die Reizwörter Waffen-SS und Kriegsverbrechen waren dabei dominant“, so stimmt der Text auf dem Buchrücken den Leser ein.

Im Prolog dieser „ersten Gegenstimme überhaupt“ stellt Schuller sein eigenes Verständnis des Begriffs Kampagne vor. Vorab referiert er zwei bekannte Vorfälle: Günter Grass (1927-2015), Literatur-Nobelpreisträger, der lange verschwiegen hatte, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein; sowie Christa Wolf (1929-2011), in der DDR moralische Instanz, die verheimlicht hatte, für die Stasi gearbeitet zu haben. Die Art und Weise, wie die Öffentlichkeit über die beiden Schriftsteller den Stab gebrochen habe, sei als Kampagne zu werten, allerdings als „eine selbsttätige“, dahinter habe „kein Masterplan“ gesteckt.

Schuller reklamiert auch für Jauß „die Form einer – trotz gelegentlicher Planmäßigkeit – selbsttätig wirkenden Kampagne, die in der von alleine eintretenden intensiven Bündelung einer tiefgreifenden Empörung auf eine bestimmte Person nicht auf irgendeiner Lenkung besteht.“ Damit scheint er die „harte“ Definition des Begriffs aufzuweichen. Tatsächlich verwendet er den Begriff im Sinne von „Feldzug“. Er spricht vom „Sog“, der bewirkt habe, „dass das öffentlich wahrnehmbare Meinungsklima in großer Konformität in die einzige Richtung ging, das Verhalten von Jauß in Krieg und Nachkrieg zu verurteilen“. Den Sog habe die Presse erzeugt, die „in parteiischer Auswahl und Akzentuierung“ berichtete und nicht ihre Aufgabe als kritische Begleiterin der „Affäre“ wahrgenommen habe. Schlimmer noch: Die lokale Presse „verhielt sich für das Handeln der Universitätsleitung als Sprachrohr, Stichwortgeber und Verstärker: das setzte sich großenteils in der überregionalen Presse fort.“

Rhetorik der ewig Gestrigen

Schuller hält wenig von den Medien. Darüber lässt sich reden. Aber was er hier und an anderer Stelle seines Buchs kund tut, ist indiskutabel. Er konstruiert einen angeblichen Komplott, also „eine gemeinschaftliche Aktion“ (Duden) gegen Jauß, wobei seine Beweise auf reiner Spekulation beruhen. Allein im SÜDKURIER waren ein halbes Dutzend Journalisten mit dem Thema befasst. Es gab keine Absprachen, weder „gelegentliche“ noch „planmäßige“. Und nicht nur die Kritiker von Jauß kamen zu Wort, sondern auch die Kritiker der Kritiker.

Schuller bemächtigt sich der Rhetorik der ewig Gestrigen. Das macht sein Anliegen nicht glaubwürdiger. Passend dazu die Klage, dass wir Heutigen den Mut, den ein Soldat beim Kampf mit Gegnern, die sich wehren konnten, gezeigt habe, „nur noch selten als Wert“ verstehen. Welcher Sorte von Mut bedurfte es, den Jauß im Herbst 1943 bewies, als seine Kompanie im Partisanenkrieg „Sühnemaßnahmen“ vollzog? Das Ereignis ist eine Leerstelle bei Schuller. Der renommierte Autor verlässt mit dieser Publikation den Weg der Wissenschaft und begibt sich auf den Pfad der Populisten.

Dass Jauß als Kompanieführer eine Mitverantwortung an den Verbrechen seines Bataillons auf dem Balkan hatte – eine individuelle Tatbeteiligung konnte ihm nicht nachgewiesen werden –, dieses Wissen verdankt sich der Studie „Hans Robert Jauss – Jugend, Krieg und Internierung“ von Jens Westemeier. Der Militärhistoriker wurde 2014 als Gutachter berufen, als die „Jugendsünden“ von Jauß wieder einmal die Öffentlichkeit bewegten – gerüchteweise wurde Mitte der 70er-Jahre bekannt, dass der Romanist bei der SS war, in den 90er-Jahren war von Kriegsverbrechen die Rede.

Ulrich Rüdiger, Rektor der Universität, sah sich zu diesem Auftrag veranlasst, nachdem der Dramatiker Gerhard Zahner ein Stück mit dem Titel „Die Liste der Unerwünschten“ verfasst hatte. Darin wird Jauß der Vorwurf gemacht, er habe sich aktiv an der Selektion von Soldaten für die Division „Charlemagne“ beteiligt. Westemeier weist nach, dass dem nicht so war. Die Liste war keine Todesliste. Außerdem legt er dar, dass Jauß weder an Deportationen von Juden beteiligt, noch im KZ Dachau stationiert war. Über Westemeiers Erkenntnisse hatte diese Zeitung berichtet. Schuller nimmt das nicht wirklich zur Kenntnis. Der Althistoriker hält sich viel lieber daran auf, dass Rüdiger die Aufführung des Stücks im Audimax der Universität zugelassen habe, noch bevor das Gutachten vorlag. Vor dieser Entscheidung fand jedoch ein Kolloquium unter der Leitung des Literaturwissenschaftlers Albrecht Koschorke statt, bei dem Zahner sein Stück erläuterte, das im Übrigen in einem Video dokumentiert ist. Schuller war in dem Prozess nicht eingebunden – und beklagt jetzt mangelnde Transparenz.

Ebenfalls außen vor blieben die Emeriti Jürgen Mittelstrass, Bernd Rüthers und Horst Sund, die das „Verfahren“ in einem Brief an Rüdiger kritisierten. Das dürfen sie selbstverständlich. Sie sind Teil der akademischen Familie. Aber können sie erwarten, dass der Rektor ihnen argumentativ folgt? Dass die drei Professoren in den Jahren davor, wohl wissend um die braunen Flecken auf der Weste von Jauß, still hielten, mag man ihnen nicht vorwerfen. Schuller aber verteidigt und entschuldigt ihr Verhalten mit dem Hinweis, dass auch Rüdiger seinerzeit nicht auf die Gerüchte hin reagiert habe. Dem Rektor fehlenden Jagdeifer zu unterstellen, ist reiner Zynismus. Das allgemeine Schweigen hatte mit dem Ansehen von Jauß zu tun. Der weltbekannte Romanist, Stifter des bis dahin bedeutendsten Exportguts deutschsprachiger Literaturwissenschaft, der Rezeptionsästhetik, schien damals unangreifbar zu sein.

Zweifelhafte Erklärungen

Schuller bestätigte diesen Eindruck in einem Gespräch. Jetzt bestreitet er, dass Jauß aus den Kriegsjahren ein Geheimnis gemacht habe. Neben einem Exkurs über Formen des Schweigens zieht er zweifelhafte Erklärungen des Romanisten als Beweis heran. Am Ende registriert er selbst, dass er sich auf dünnem Eis bewegt und spricht vom „Rest des Unerklärbaren“. Ist das noch Wissenschaft? Koschorke, der auch ein zweites Jauß-Kolloquium moderierte, hat dazu eine andere Meinung: „Im Fall von Jauß spitzt sich das auf die Frage zu, wie ein Mann, der in gehobener Position aktives Mitglied einer verbrecherischen Organisation war, später als Literaturprofessor über das Thema Erinnerung räsonieren konnte, als wäre nichts gewesen. Dieses Rätsel wird bleiben.“

Westemeier belegt faktenreich, dass Jauß seine Biografie in Teilen gefälscht hat. Man dürfe bei den Stellungnahmen über seine SS-Vergangenheit von „hartnäckigen Lügen und Verschleierungsmanövern sprechen“. Die erwähnten Emeriti Rüthers, Sund und Mittelstrass waren weder mit Zahners Stück noch mit der Bestellung Westemeiers einversanden. Seinem ersten Gutachten attestierten sie „erstaunliche Naivität und historische Unkenntnis“. Zugleich zeigten sie aber Verständnis für Jauß und verwiesen darauf, dass er, „wie Hunderttausende seiner Generation, ein überzeugter Nationalsozialist (war) und dazu Offizier der Waffen-SS, wie ebenfalls viele andere“.

Wie viele andere? Jauß war ein Karrierist. Er wurde in Hitlers Elitetruppe mit 23 Jahren Hauptsturmführer und Kompaniechef – Schuller redet Jauß‘ Status auf einen „einfachen Soldaten“ klein. Die Waffen-SS hatte den Ruf rücksichtslos gegenüber Gefangenen und Zivilbevölkerung zu sein. Im Nürnberger Prozess 1946 erklärte der Internationale Militärgerichtshof die Waffen-SS wie auch die allgemeine SS und die Totenkopfverbände wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verbrecherischen Organisationen.

In diesem Sinne wurde Jauß nach dem Krieg angeklagt und mit einer Geldbuße bestraft. Seine Internierung wurde als Haftzeit anerkannt. Nach der Entlassung 1948 nahm er ein Studium in Heidelberg auf – Beginn seiner zweiten Karriere. Gegen den Vorwurf, Jauß sei ein Kriegsverbrecher, verwahrt sich Schuller. Er sieht darin einen Teil der „Kampagne“. Ebenso widerspricht er Westemeiers Aussage, wonach ein Mitwirken am Tatort Jauß „nach neuer Rechtsprechung (‚Funktionelle Mittäterschaft‘) zu einem Kriegsverbrecher“ macht. Zweifel in der Sache bleiben. Weitere Forschungen könnten Klärung bringen.

Schuller geht es angeblich weder um den Teil einer Biografie noch um die Verteidigung des Romanisten. Wenn dem so ist, muss die Frage erlaubt sein: Wo ist das Problem, Jauß zu verteidigen, wenn er, wie Schuller es nahelegt, ein Opfer öffentlicher Denunziation ist? Fehlte dem Althistoriker der Mut zu einem klaren Bekenntnis? Zu Recht wenden die zitierten Emeriti ein, die Konzentration auf Einzelpersonen habe nicht darüber hinweggetäuscht, „dass ähnliche Kenntnisse und Verstrickungen in die Verbrechen der totalitären Regimes weit über den Kreis der Funktionseliten in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft verbreitet waren. (…) Das zu leugnen ist Ignoranz oder Heuchelei“.

Es ist ja so, dass der Komplex „Drittes Reich“ zur Biografie der Eltern und Großeltern gehört und immer noch, siebzig Jahre später, auch zum eigenen Leben. Das ist nur schwer zu ertragen, es bedroht das eigene Selbst. Dann kommt ein Theatermann, der einen zwingt, sich diese Geschichte genauer anzuschauen. Am Ende des Tages stellt sich aber die Frage, wem Schullers poltriges Nachdenken über Hans Robert Jauß nutzt – oder schadet. Der Autor war sich dieses Problems bewusst. Es sei ihm abgeraten worden, notiert er, dieses Buch zu schreiben. Er wäre diesem Rat besser gefolgt. Ein Plädoyer „für einen angemessenen Umgang mit diesem sensiblen Sujet“ (Buchrücken) liest sich anders. Dieses Buch muss noch geschrieben werden.

Wolfgang Schuller: „Anatomie einer Kampagne. Hans Robert Jauß und die Öffentlichkeit“. Leipziger Universitätsverlag. 207 S., 19,90 EuroJens Westemeier: "Hans Robert Jauss – Jugend, Krieg und Internierung“. Konstanz, university press. 367 S., 29,90 Euro

Zur Person

Wolfgang Schuller wurde 1935 in Berlin geboren. Von 1976 bis 2004 hatte er an der Universität Konstanz den Lehrstuhl für Alte Geschichte inne. Einen breiteren Leserkreis erreichte der Wissenschaftler mit Biografien zu Kleopatra und Cicero.

Siegmund Kopitzki wurde 1951 in Lauenburg/Polen geboren. 30 Jahre lang arbeitete der Germanist in der Kulturredaktion des SÜDKURIER und war auch mit dem „Fall“ Jauß befasst. Seit Mai 2017 ist er im Ruhestand. Mehrere Buchveröffentlichungen.