Auf dem Mond liegt ein Kunstwerk. Es besteht aus Aluminium, ist kaum größer als ein Zeigefinger und zeigt eine Figur, die an einen Raumfahrer erinnert. Geschaffen hat sie der belgische Künstler Paul van Hoeydonck für die Mission „Apollo 15“, die 1971 eine dreiköpfige Besatzung auf den Mond brachte.

Amalia Picas Werk „Moon Golem“ von 2009 zeigt die NASA-Fotografie des Mond-Kunstwerks von Paul van Hoeydonck.
Amalia Picas Werk „Moon Golem“ von 2009 zeigt die NASA-Fotografie des Mond-Kunstwerks von Paul van Hoeydonck. | Bild: Kunsthaus Zürich

Wie es der Figur heute nach inzwischen 48 Jahren im Staub so geht, lässt sich kaum sagen. Vermutlich liegt sie immer noch an Ort und Stelle neben der dazugehörigen Metallplatte, auf der die Namen verstorbener Astronauten verewigt sind.

Innige Beziehung

Sollte einmal ein Außerirdischer statt des Erdballs zuerst dessen Mond besichtigen, so wird er vielleicht darüber stolpern. Und womöglich wird er dabei erkennen, dass die Menschen nicht nur kunstaffine Wesen sind, sondern als solche auch eine innige Beziehung zu ihrem Himmelskörper unterhalten. Der Mond ist aus der Kunst nicht wegzudenken, und jetzt auch die Kunst nicht aus dem Mond.

50 Jahre Mondlandung

In diesem Sommer jährt sich die Eroberung des Mondes durch den Menschen zum 50. Mal. Das Kunsthaus Zürich zeigt aus diesem Anlass nicht nur eine Kopie der kleinen Mondfigur – neu inszeniert von der Künstlerin Amalia Pica. Es zeichnet auch nach, wie sich der Mond auf unsere ästhetische Wahrnehmung auswirkt.

Vertraute Beigabe

So vertraut uns nämlich heute die Mondsichel als Beigabe zu romantischen Abendstimmungen auch erscheint: Bis ins 19. Jahrhundert hinein haben Künstler ihn kaum beachtet. Erst mit seiner wissenschaftlichen Erkundung wurde er auch für die Malerei interessant. Zum Beispiel wegen seines Lichts: 400 000 mal so schwach wie die Sonne ist es. Und doch erscheinen die vom Mond erleuchteten Häuser, Bäume und Berge weitaus monumentaler, dramatischer als bei Tag.

Hiroyuki Masuyama: „Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein“ (nach Friedrich Nerly d. Ä., 1838), 2018.
Hiroyuki Masuyama: „Die Piazzetta in Venedig bei Mondschein“ (nach Friedrich Nerly d. Ä., 1838), 2018. | Bild: Kunsthaus Zürich

Romantiker wie Johann Heinrich Füssli haben das genutzt, um antiken Heldenfiguren wie Achilles einen effektvollen Auftritt zu ermöglichen. Ernst Ludwig Kirchner malte den Mond als Naturphänomen, das selbst Berge wie Zwerge dastehen lässt. Und Albert von Keller lenkte sein Licht auf einen irritierenden Akt: Die Frau, scheinbar auf einem Bett liegend, hängt in Wahrheit offenbar am Kreuz. Ob sie schläft oder stirbt, lässt sich kaum sagen, im Mondschein wirkt die Tortur erotisch und die Erotik quälend.

Albert von Keller: „Im Mondschein“, 1894.
Albert von Keller: „Im Mondschein“, 1894. | Bild: Wikimedia Commons

In neuerer Zeit ist es nicht mehr das Licht, sondern die Oberflächenbeschaffenheit des Mondes, die Künstler in aller Welt beschäftigt. Der Schweizer Guido Baselgia zum Beispiel hat sie aus verschiedenen Perspektiven fotografiert: graue Steinlandschaften ohne jedes Anzeichen von Leben. Aber ist das überhaupt der Mond?

Einöden als Mondlandschaften

Bei näherer Betrachtung wird bald klar: Keineswegs! Dort hinten scheint das Gestein seltsam sortiert, als hätten einmal Menschen hier für Ordnung gesorgt. Und da rechts hat es den Anschein, als sei schon einmal ein Bach oder Fluss durch die Wildnis geflossen. Auch wenn wir die Einöden unserer Welt gerne als Mondlandschaften beschreiben, so lassen sich in ihnen bei aller tristen Eintönigkeit doch immer irgendwelche Spuren von Leben finden.

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Nicht alles in dieser Ausstellung birgt auch Erkenntnis. Ein von selbst spielender Flügel gibt Beethovens Mondscheinsonate wieder, allerdings mit bedenklichen Lücken im Notentext. Die Fehler sind systembedingt: Es handelt sich nämlich um die Interpretation einer Fassung aus Morse-Codes. Die Künstlerin Katie Paterson hat die transformierten Signale zum Mond geschickt, dessen spiegelnde Oberfläche sie wieder zurücksenden sollte. Wie unschwer zu hören ist, gelang das nur bei einem Bruchteil der Noten.

René Magritte: Ohne Titel (Architecture au clair de la lune), ca. 1935.
René Magritte: Ohne Titel (Architecture au clair de la lune), ca. 1935. | Bild: Kunsthaus Zürich

Und Robert Rauschenberg produzierte im Auftrag der US-Raumfahrtbehörde Nasa Kunstwerke zum Mondfahrtprogramm. Zu sehen sind dynamische Bilder voller Technik und heroisch stilisierten Astronauten: ein Künstler im Dienste des Marketings.

Schritt in den Kommerz

Es scheint, als habe der Mond seit seiner wissenschaftlichen Erforschung im ersten Schritt die Kunst angezogen. Mit seiner Eroberung aber folgte im zweiten Schritt der Kommerz. Von Briefmarken bis zu Barbiepuppen ist alles dabei, wenn es darum geht, aus der ästhetischen Bearbeitung der Mondfahrt Profit zu schlagen.

Nasa will wieder zum Mond

Derweil liegt rund 385 000 Kilometern von der Erde entfernt ein kleines Kunstwerk und wartet auf seine ersten Betrachter seit fast 50 Jahren. Die Chancen stehen nicht schlecht: Schon in weniger als zehn Jahren will die Nasa wieder Menschen zum Mond schicken.

„Fly Me To The Moon“: bis 30. Juni im Kunsthaus Zürich. Geöffnet Dienstag und Freitag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-20 Uhr. Weitere Informationen: http://www.kunsthaus.http://ch