Bis vor rund hundert Jahren war die Abhängigkeit des Menschen vom Tier noch allgegenwärtig. Pferde zogen unsere Güter durchs Land, Katzen hielten die Häuser von Schädlingen frei. Und unter Tage retteten Kanarienvögel den Bergleuten das Leben: Fiel der Vogel von der Stange, war dies das sicherste Indiz für eine gefährliche Luftveränderung. Heute ist das Tier als Helfer entbehrlich geworden. Und wo wir es doch noch benötigen, haben wir es hinter die hohen Mauern von Mastbetrieben und Aufzuchtstationen verbannt.

Nadin Maria Rüfenacht geht dieser verloren gegangenen Verbindung zwischen Mensch und Tier nach. Ihre Fotografien, Collagen und Fotogramme sind jetzt im Städtischen Museum Engen zu sehen. „Radar“ heißt die Ausstellung, was sich verstehen lässt wie eine Suche nach den schwachen Signalen aus vergangenen Zeiten. Ist da noch was? Fühlen wir uns noch angesprochen von diesem fremden Wesen Tier?

Die Annäherung erfolgt über die Fotografie. Zu sehen sind Jagdtrophäen in natürlicher Idylle: ausgestopfte Rehböcke, Wildschweine, Gemsen, wie sie traurig ins Gebüsch starren. Anstelle ihres Körpers mündet der Hals auf schnöde Schreibtische oder Balkengestelle. Es ist der rührende Versuch, mit den Instrumenten unserer Zivilisation das genommene Leben wiederherzustellen, eine Verbindung aufzubauen zur Natur. Indem die Skulpturen sich gestochen scharf vom Grün des Waldes abheben, gewinnen sie an Kontur. Das Möbelstück verleiht ihnen eine groteske Dynamik: Man fühlt sich beim Wildschwein an einen Rennwagen erinnert, beim Rehbock an einen Kleinbus.

Rüfenacht lässt ihren Betrachter spüren, dass er ein Tier als Mensch betrachtet oder zumindest als Objekt, das menschlichen Erwartungen zu entsprechen hat. Ein Windhund liegt herrschaftlich auf einem goldenen Ballon. Die Zuschreibung des Herrschaftlichen freilich ist weniger seiner eigenen Haltung zu verdanken als der Wahrnehmung des menschlichen Auges. Tatsächlich liegen der royalen Anmutung rein menschengemachte Faktoren zugrunde: Dass Windhunde seit dem Mittelalter als Haustiere des Hochadels gelten, haben sie selbst nicht zu verantworten.

Auf die Spitze treibt Rüfenacht die Begegnung von Mensch und Tier in großformatigen Aktfotografien. Mann und Frau spielen Wolf und Bär. Mit Masken bewaffnet stellen sie sich breitbeinig auf abgeranzte Stühle und blicken herausfordernd in die Kamera: Theaterspielchen eines sich in seiner Nacktheit von der wilden Natur bedroht fühlenden Wesens. Die eigentliche Unsicherheit wird erst sichtbar, sobald die Akteure ihre martialische Pose verlieren und die Masken absetzen. Dann offenbaren ihre Mienen die Melancholie des zivilisationsmüden Individuums.

Im Museum fühlt man sich angesichts dieser Aktszenen (unter anderem gibt es einen eregierten Penis zu sehen) veranlasst, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren vor einem Besuch zu warnen. Ganz so wild ist das Gezeigte aber nicht, schon gar nicht im Vergleich zu dem, was Jugendliche täglich im Internet zu Gesicht bekommen.

Problematisch sind die Fotografien allenfalls in künstlerischer Hinsicht: Wer ihre Bilder ausschließlich politisch interpretiert, wird sich schnell an der allzu plakativ wirkenden Zivilisationskritik stören. Tatsächlich geht es allerdings um mehr. Das Potenzial dieser Werke reicht über das Politische deutlich hinaus und ins Private hinein: in das Selbstverständnis des Betrachters als menschlich denkendes und empfindendes Wesen.

Interessant sind in der Engener Ausstellung einige Arbeiten, die nur scheinbar von der Konfrontation zwischen Mensch und Tier abweichen. In Variationen von unterschiedlich angeordneten Stühlen beispielsweise zeigt sich eine stumme Choroegrafie, wie sie auch den Fotografien von Jagdtrophäen und Möbelstücken in der Natur zu eigen ist. Die Perspektive von oben und die Hinterlegung mit einem schwarzen Grund lassen an eine Bühnensituation denken. Schon dichtet die Fantasie des Betrachters den Stühlen Handlungen hinzu: Schauspieler, die auf ihnen gesessen, Bühnenarbeiter, die sie in eine bestimmte Formation geschoben haben. Der Mensch kann nicht nur Leben nehmen. Er ist auch in der Lage, Totes zu beleben.

Mag auch manches arg um die Ecke gedacht erscheinen, so zeigt sich bei Rüfenacht doch oftmals eine erhellende Querverbindung zwischen Belebtem und Unbelebtem, Natur und Zivilisation, Beschleunigung und Stillstand. Es lohnt sich, diesen Querverbindungen nachzuspüren.

Bis 11. März im Städtischen Museum Engen, Di.-Fr. 14-17 Uhr, Sa. und So. 11-18 Uhr.