Der Stimmungskiller auf den Abiturfeiern heißt in diesem Jahr Mathematik. Viel zu schwer seien die Aufgaben gewesen, heißt es landauf, landab. Betroffene Schüler fordern in Petitionen eine Absenkung des Notenschlüssels, weil „das Niveau im Vergleich zu den vorherigen Jahren viel zu hoch angesetzt“ gewesen sei. Der Unterricht habe sie „nicht ausreichend vorbereitet“.

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Den Kolumnisten erinnert dieser Fall an einen anderen Skandal. Zwar liegt dieser bereits etwas länger zurück. Das sollte uns aber nicht dazu verleiten, seine Bedeutung kleinzureden. Also: Auch die Mathematik-Prüfung des Abiturjahrgangs 1996 war viel zu schwer!

Stochastische Foltermethoden

Damals wie heute hatten wir im Unterricht keine ausreichende Vorbereitung erfahren. Oder aber: Unser Mathelehrer, Herr Kirschner, hatte nicht verraten, dass seine stochastischen Foltermethoden tatsächlich Gegenstand der Abiturprüfung sein könnten. Mit derart vertrackten Aufgaben war beim besten Willen nicht zu rechnen.

Heutige Schüler haben es gut. Da gibt es dieses Internet, in dem man mal eben eine Petition starten kann. Fünf Milliarden Unterschriften in drei Minuten: Zack! Das beeindruckt jeden Kultusminister.

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Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der OECD, verteidigt zwar noch die Aufgabenstellungen. Die hohen Anforderungen seien „richtig und zeitgemäß“. Wenn er sich da mal nicht täuscht.

Die Wucht der Petitionen

Zeitgemäß ist vielmehr, als Politiker stets ein Auge auf Internetpetitionen zu haben. Vor wenigen Wochen protestierten tausende Jugendliche in sozialen Netzwerken gegen eine Urheberrechtsrichtlinie der EU: Schneller hat man selten Politiker ihre Meinung ändern sehen! Um ein Haar wäre das mühsam ausgehandelte Vorhaben noch gescheitert.

#NiemehrCDU und #SPDNeinDanke

Nicht lange, dann lässt sich per Petition nicht nur der Abi-Schnitt drücken, sondern auch der Blitzer auf der B33 verbieten, die Flut an Schweizer Ausfuhrscheinen eindämmen oder wärmeres Maiwetter einfordern. Hilfreich ist, solche Anträge im Vorfeld von Landtagswahlen zu stellen und je nach aktueller Stimmungslage mit einem Hashtag zu versehen: #NiemehrCDU oder #SPDNeinDanke! Wetten, dass wir bald deutlich bessere Abinoten haben?

http://johannes.bruggaier@suedkurier.de