Jedes Jahr werden den Mitgliedern der Zürcher Kunstgesellschaft, der Betreiberin des Kunsthauses Zürich, zu einem bestimmten Thema einige Werke aus der hauseigenen Sammlung vorgestellt. Eines davon gilt es auszuwählen, das dann im Zentrum einer kleineren Ausstellung steht. „Architektur im Bild“ hieß dieses Mal das Thema und titelt jetzt die entsprechende Bilderwahl-Schau, für die als Hauptwerk „Die ganze Stadt“ von Max Ernst gewählt wurde. Das Gemälde zeigt eine von einem gelbgrünen Gestirn fahl erleuchtete festungsbaulich-düstere Architektur in der Art einer Tempel-Anlage mit wuchernder Vegetation im Vordergrund, wobei sich das Werk von 1935/36 aufgrund seiner Entstehungszeit auch als zeitkritische Metapher deuten lässt.

Bei Ernsts Bild handelt es sich um Fantasie-Architektur. Die von Gast-Kuratorin Manuela Reissmann konzipierte Ausstellung im Kunsthaus zeigt verschiedene weitere Möglichkeiten, wie sich Architektur im Bild manifestieren kann. Kunst vermag ja zum Beispiel auch Bauwerke zu dokumentieren. Das tun Fotografien wie Eugène Atgets Ansicht eines Stadtwinkels im Paris des Jahres 1922, Berenice Abbotts Protokolle von Veränderungen im Stadtbild New Yorks in den 1930er-Jahren oder Thomas Struths 1996 eingefangene Sicht auf einen Straßenzug in Shanghai. Freilich ist eine Dokumentation kaum je ganz rein. So erzeugt Atget auch eine melancholisch getönte Poesie, und so wird bei Abbott eine Bürofassade zur geometrisch-abstrakten Komposition. Bill Brandts fotografische Sicht auf regengepeitschte Dächer in London verbindet Dokumentation mit Sozialkritik.

Architektur im Bild vermag vieles zu zeigen – und das sogar gleichzeitig. Sie kann sich sogar von physikalischen Gesetzen abkoppeln und zu schweben beginnen wie in Teilen von Bessie Nagers „roadmovie zürich“, wo die an einer fahrenden Straßenbahn vorbeiziehenden Häuser sich an einer horizontalen Achse spiegeln und auseinander- und wieder zusammenschieben. Da ist es hilfreich, dass Reissmann in ihrer gelungenen Schau, die von einer erhellenden Publikation (erhältlich für umgerechnet knapp 17 Euro) begleitet wird, das Thema in vier Kapitel gegliedert hat.

In „Sinnbild und Mysterium“ mit Max Ernsts surrealistischem Werk als Ausgangspunkt findet sich auch Giorgio de Chiricos 1913 entstandenes Gemälde „Der Turm“, wo eine absichtsvoll inkonsequente Lichtführung das architektonische Gebilde beunruhigend verrätselt. „Verklärung und Ernüchterung“ richtet den Blick zurück bis zu einer Venedig-Darstellung von Francesco Guardi von 1755. Im Kapitel „Monumentalität und Erhabenheit“ gewährt Giovanni Paolo Panini einen Blick ins Innere des barocken Petersdoms. Unter der mit „Konstruktion und Dekonstruktion“ zusammengefassten Gruppe von Werken hinterlässt Bruce Nauman mit seinem auf einem Sockel ausgerichteten „Modell für ein Werk im Freien“ von 1976 manche Fragen beim Betrachter.

Bilderwahl – Architektur im Bild: Kunsthaus Zürich. Bis 11. Dezember. Freitag bis Sonntag und Dienstag 10-18 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-20 Uhr. www.kunsthaus.ch

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