Es heißt, dass er, der kleine Angestellte in einem Architekturbüro, eines Tages nach der Mittagspause nicht mehr an seinen Arbeitsplatz zurückkehrte. Er habe sich in dem Büro gelangweilt, erklärt er später. Es heißt weiter, er sei chaotisch und rastlos. Dazu passt scheinbar die Ausstellung im Museum Of Modern Art in New York 2009, die er „No Discipline“ titeln ließ. Sich selbst bezeichnet er als „Flipperkugel“ – er stoße auf interessante Dinge, sagt er, springe von einem zum anderen und lasse sich gern ablenken, denn er arbeite an vielen Themen gleichzeitig.

Die Rede ist von Ron Arad, 1951 in Tel Aviv geboren, mit Arbeitsplatz und Wohnsitz in London. Wer er nun wirklich ist, das weiß er wohl selbst nicht so genau. Architekt, Designer, Künstler oder gar Rebell? Wahrscheinlich hat er von allem etwas, aber von jedem so viel, dass er international gefragt ist – als Architekt, Designer und Künstler-Rebell. Was zunächst wie Disziplinlosigkeit aussieht, hat in Wirklichkeit damit zu tun, dass Arad, um sein kreatives Potenzial abzurufen, Grenzen überschreitet und sich eine Platzanweisung verbietet. Damit ist er äußerst erfolgreich.

Ron Arad auf dem Sessel "Big Heavy".
Ron Arad auf dem Sessel "Big Heavy". | Bild: Andreas Suetterlin / Vitra Archiv

Anfang der 1980er-Jahre, nach der spontanen Arbeitsverweigerung, baute er, in Anspielung an Marcel Duchamp, aus alten Autositzen, die er auf dem Schrottplatz gefunden hatte, Readymades – das sind zur Kunst erklärte Alltagsgegenstände. Arad nannte die Stühle nach dem Wagen-Typ „Rover Chair“. Und er war mit der Idee, Materialien wie Stahl, Aluminium oder Polyamid zu verwenden und den klassischen Formen- und Strukturbegriff von Möbeln in erster Linie im Design und auch in der zeitgenössischen Architektur zu verändern, gut im Geschäft. Sechs der frühesten „Rover“-Exemplare kaufte der Modeschöpfer Jean Paul Gaultier von der Werkbank weg.

Wenn aus Alltagsgegenständen Kunst wird: ein Doppelsitzer aus der „Rover“-Reihe von Ron Arad.
Wenn aus Alltagsgegenständen Kunst wird: ein Doppelsitzer aus der „Rover“-Reihe von Ron Arad. | Bild: Siegmund Kopitzki

Einer von Arads ersten großen Auftraggebern war Vitra. Für das Unternehmen in Weil am Rhein stellte er 1986 den aus vier Bahnen gebogenen Stahls gefertigten „Well Tempered Chair“ (wohltemperierter Stuhl) her, auf dem sich dank eines Sprungfeder-Effekts gemütlich sitzen lässt. Wenig später zeigte das Vitra-Museum die Einrichtung von Arads altem Showroom. Aktuell sind im Schaudepot, das das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron für die 20.000 Objekte umfassende Sammlung des Museums baute, frühe Entwürfe Arads und auch neue Objekte zu sehen.

Ein Blick ins Schaudepot zeigt die Vielfalt von Ron Arads Design.
Ein Blick ins Schaudepot zeigt die Vielfalt von Ron Arads Design. | Bild: Jürgen Gocke

Natürlich sind der „Rover Chair“ und der „Well Tempered Chair“ ausgestellt, aber auch andere skulpturale Klassiker Arads wie der „Tom Vac Chair“, den er für den Massenmarkt produzierte, sowie der „Tinker Chair“ (1988), der aus Stahlblech geschweißt mit einem Hammer in die gewünschte Form geschlagen wird. Zusammen mit diesem Objekt entwarf Arad die Möbel-Serie „Volumes“, die ikonische Werke wie „Big Easy“ (1988) und „Little Heavy“ (1989) umfasst. Und auch Arads schlängelndes Regal „Small Bookworm“ (1993) ist ausgestellt, mit dem er seinen bisher größten kommerziellen Erfolg erzielte, sowie sein Beton-Plattenspieler „Concrete Stereo“ (1983), der durch sein eher grobes, schweres Aussehen einen subversiven Gestaltungsansatz vermittelt.

Grob und schwer: der Beton-Plattenspieler „Concrete Stero“ (1983).
Grob und schwer: der Beton-Plattenspieler „Concrete Stero“ (1983). | Bild: Ron Arad

Doch damit nicht genug. Ein skurriler Höhepunkt der von Heng Zhi kuratierten Ausstellung steht vor dem mit rötlichen Steinen verkleideten Schaudepot: „Sticks And Stones“(1987), eine Metallpressmaschine, mit der Arad in einer Pariser Ausstellung für Aufsehen gesorgt hatte. Aus Stühlen, die von den Besuchern mitgebracht wurden, presste die Maschine Würfel, aus denen er eine Mauer baute. Jetzt steht „Sticks And Stones“ wie ein Relikt aus verrückter Zeit als Museumsstück auf dem Platz. Es könnte auch von dem Basler Künstler Jean Tinguely stammen.

Der „Tinker Chair“ von 1988.
Der „Tinker Chair“ von 1988. | Bild: Howard Kingsnorth

Noch ein Wort zum Architekten Ron Arad. Zu seinen bekanntesten Bauwerken zählen der Neubau für das Design-Museum Holon (2006-2010) – es ist das erste Design-Museum in Israel – und die Innenausstattung des Watergate-Hotels in der US-Hauptstadt Washington (2012-2016). Auch sie zeigen Arads unbändige Lust an voluminösen Formen, rohen Materialien und geschwungener Formgebung. Man kann auch sagen: In der durchkommerzialisierten und standardisierten Design- und Architekturlandschaft ist noch immer Platz für widerspenstige Köpfe und eben auch Entwürfe, die sich den gängigen Erwartungen verweigern.