Man kann vielleicht nicht sagen, dass sie uns gegenübersitzen und uns anstarren, wie wir sie anstarren. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Zuschauerreihe lässt sich jedoch angesichts der auf der Bühne des St. Galler Theaters in ihren Stühlen hängenden Gestalten ohne Weiteres konstatieren. Diese schlappen, seelenmüden Menschen mit dem leeren Blick, gekleidet in der Mode des beginnenden 20. Jahrhunderts, als Spiegelbild gegenwärtiger gesellschaftlicher Gestimmtheit also. Die Angst vor der Zeitenwende verbindet uns, das Verlustempfinden, die Bangigkeit, die Lähmung.

Von all dem kann zunächst jedoch nicht die Rede sein. Regisseurin Mélanie Huber inszeniert in Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ die Rückkehr der Ljubow Andrejewna Ranjewskaja als Einzug einer Triumphatorin mit Gefolge. Tatsächlich kommt die Gutsbesitzerin als Geschlagene aus Paris zurück. Sie ist hochverschuldet, der von ihr ausgehaltene Liebhaber hat sie ausgeplündert. Diana Dengler spielt diese große Tragödin recht unspektakulär, fast könnte man erwarten, dass sie Scarlett O’Hara gleich die Ärmel aufkrempelt und loslegt. Sie tut das Gegenteil, nämlich nichts. Der Kirschgarten, die alten, verklärten Zeiten, ist ihr Käfig. Sie rüttelt nicht einmal am Gitter.

Im Rahmen des Erwartbaren

Die Inszenierung bietet ein beeindruckendes Bild für den Schrecken, den, wohlgemerkt, auch die Domestiken befällt, angesichts – von was eigentlich? Gerade in Momenten der größten aufgesetzten Munterkeit formiert sich das Bühnenvolk wie zu einer Phalanx, als wollte es einem unsichtbaren Feind entgegentreten. Um mit einem Mal mit vor Schreck aufgerissenem Mund, den Blick über die Köpfe des Publikums gerichtet, zu erstarren.

Erschrockenes Schweigen überfällt die Figuren. Eine oft wiederholte Szene in der "Kirschgarten"-Inszenierung.
Erschrockenes Schweigen überfällt die Figuren. Eine oft wiederholte Szene in der "Kirschgarten"-Inszenierung. | Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Diese Szene wiederholt sich. Erschrockenes Schweigen überfällt die Figuren immer wieder. Es bildet einen wirksamen Kontrapunkt zu ihrem überspannten Gehabe, das auf der St. Galler Theaterbühne als Stilmittel mit der Zeit ziemlich überdreht. Christian Hettkamp allerdings zelebriert das als Ranjewskajas Bruder Gajew durchaus ausdrucksstark. Er macht regelrechte Soloauftritte daraus.

Die farcehafte Übertreibung ist in der Inszenierung insgesamt jedoch eher ein Problem. Statt durch Überzeichnung plastische Umrisse zu schaffen, entstehen oft nur klischeehafte Schemen. Ranjewskajas Tochter Anja ist so ein Abziehbild, der Pascale Pfeuti wenig eigene Konturen verschaffen kann. Matthias Albold legt sich als Gutsbesitzer Pischtschik zwar mächtig ins Zeug, bleibt aber im Rahmen des Erwartbaren. Einmal allerdings schaut man ihm betroffen zu, als er seine erborgten Rubel verloren glaubt.

Die Zukunft ist kein Wunschkonzert

Tatsächlich sind es die weitgehend naturalistisch verfassten Figuren, denen man nachsinnen möchte. Allen voran der erfolgreiche Geschäftsmann Lopachin, dessen Vater noch Leibeigener war. Er schlägt der Ranjewskaja vor, den Kirschgarten abzuholzen und Ferienhäuser drauf zu bauen, um die Schulden loszuwerden. Die Zukunft ist kein Wunschkonzert.

Die Zukunft ist kein Wunschkonzert – der Geschäftsmann Lopachin schlägt der Ranjewskaja vor, den Kirschgarten abzuholzen und Ferienhäuser darauf zu bauen, um die Schulden loszuwerden. Von links: Bruno Riedl (Firs), Christian Hettkamp (Gajew), Anna Blumer (Warja), Diana Dengler (Ranjewskaja), Matthias Albold (Simeonow-Pischtschik), Tobias Graupner (Lopachin).
Die Zukunft ist kein Wunschkonzert – der Geschäftsmann Lopachin schlägt der Ranjewskaja vor, den Kirschgarten abzuholzen und Ferienhäuser darauf zu bauen, um die Schulden loszuwerden. Von links: Bruno Riedl (Firs), Christian Hettkamp (Gajew), Anna Blumer (Warja), Diana Dengler (Ranjewskaja), Matthias Albold (Simeonow-Pischtschik), Tobias Graupner (Lopachin). | Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Tobias Graupner spielt ihn als Vertreter wider Willen der neuen Zeit. Er ist der Typ, der nicht zuletzt aus sozialem Mindertwertigkeitsgefühl nach oben will. Als er dann das Gut ersteigert hat, merkt man, dass zwei Seelen in seiner Brust schlagen. Tobias Graupners Lopachin liefert Szenen, die nachklingen. Wenn er die Ranjewskaja überzeugen möchte, den Kirschgarten für den wirtschaftlichen Neuanfang zu opfern, und nur ein irritiertes Starren erntet, zeichnet sich die Dimension ab, in der diese Menschen voneinander getrennt sind. Oder sein Verhältnis zu Warja von Anna Blumer, der Pflegetochter der Ranjewskaja. Zwei, deren sozial gleiche Herkunft sie eher zu trennen scheint. Wer hier liebt, muss leidensfähig sein.

Stühle als Sinnbild für die Langeweile

Das sind die eher zarten Momente, die vor den drei rechteckigen, unterschiedlich hohen Gebäuden von Bühnenbildnerin Nora Johanna Gromer auf Tempowechsel setzt. Eine Art Stühlerücken gehört dazu. Alle rennen, hocken, rennen wieder los, um völlig erschöpft niederzusinken. Sinnloses menschliches Hin und Her, reine Energieverschwendung, die den Stillstand überdecken soll.

Stühle spielen in der St. Galler Inszenierung eine große Rolle. Rennen, hocken, wieder rennen und niedersinken, um bloß nicht stillzustehen.
Stühle spielen in der St. Galler Inszenierung eine große Rolle. Rennen, hocken, wieder rennen und niedersinken, um bloß nicht stillzustehen. | Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Überhaupt die Stühle. Sie scheinen Sinnbild für das Beharrliche und Abwehr gegen das Neue zu sein. Möglicherweise eine Reminiszenz an Eugène Ionesco, der mit seiner Farce „Die Stühle“ Langeweile und die Unmöglichkeit wahrer Verständigung unter den Menschen thematisiert.

Die Stühle lassen einen nicht mehr los: Sinnbild für Beharrlichkeit und Abwehr gegen das Neue. Pascale Pfeuti (Anna, oben), Anna Blumer (Warja).
Die Stühle lassen einen nicht mehr los: Sinnbild für Beharrlichkeit und Abwehr gegen das Neue. Pascale Pfeuti (Anna, oben), Anna Blumer (Warja). | Bild: Toni Suter / T+T Fotografie

Es gibt einige reichhaltige Figuren und Momente in dieser „Kirschgarten“-Inszenierung. Als Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen sollen, taugt sie nur bedingt.

Nächste Vorstellungen am 17., 26. und 28. April. Karten unter: Telefon +41 71 242 06 06. Infos: http://www.theatersg.ch