Fast wäre das Abendland tatsächlich untergegangen. Über die Leinwand flimmern die Bilder der Revolte: steinewerfende Demonstranten, Rebellen mit Gewehr im Anschlag, Heckenschützen hinter Mauervorsprüngen, Schmierereien auf den Wänden. Kreon Kriegshetzer! Kreon raus! Kreon muss weg!

Jetzt ist der Kampf entschieden, die Ordnung wiederhergestellt, wie Thebens alter und neuer Herrscher verkündet: Kreon (Hans Kremer), der „Kriegshetzer“ mit Merkel-Raute und Kim-Jong-Un-Montur, hat seinen Anspruch auf den Thron verteidigt. Aber für wie lange? Die Feinde sind noch unter uns, die Ruhe trügerisch. Kreons Regierungssitz ist ein Ort der totalen Öffentlichkeit mit Showbühne, Talkshow-Sesseln und Fernsehkamera (Bühne: Barbara Ehnes). Von allen Seiten kann das kritische Publikum sein Handeln beäugen, turmhoch ragt ringsum die Tribüne empor. Es bekommt Sophokles‘ „Antigone“ zu sehen, jene antike Tragödie, die wie kaum eine zweite alle Konflikte der Menschheit in sich vereint: den Krieg zwischen Volksstämmen, den Kampf der Generationen, das Ringen um die Liebe, das Märtyrertum, die Hexenjagd, die Parteipolitik.

Für Stefan Puchers Inszenierung im Zürcher Schiffbau haben die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel eine neue Fassung geschrieben. Sie beschreibt eine verrohte Gesellschaft irgendwo zwischen Pegida und islamischer Staat. Kreon stellt seinem Geheimdienst-Chef (Nicolas Rosat) in Aussicht, „Riemen aus deiner Haut“ zu schneiden, um sie zum Strick zu knüpfen, „an dem du hängen wirst, bis zur Mumie du verdorrst“. Antigone (Elisa Plüss) wiederum empfiehlt dem König, er möge sich seine Verbote „in den Arsch schieben“. Ein Journalist ruft ihr zu: „Ab in die Unterwelt mit dir, Schlampe!“ Wenn auch im Programmheft vor allem Bezüge zur aktuellen Lage in der Türkei bemüht werden, erinnert das mehr an pöbelnde Bürger von Heidenau und Vize-Kanzler mit Stinkefinger. Vor allem aber verdeutlicht sich darin, wie Gereiztheit in Hybris umschlägt und diese Hybris eine Gesellschaft in unauflösbare Konflikte zu stürzen vermag. Die Leiche des gefallenen Revolutionsführers Polyneikes unbestattet den Krähen und Ratten zu überlassen, mag ein propagandistisch nachvollziehbares Kalkül des neuen Herrschers sein: als sichtbares Symbol für die neuen Machtverhältnisse.

Doch wie manchem Politiker der Bundesrepublik mag auch dem thebanischen Tyrann nicht einleuchten, dass manchen Bürgern das Gesetz des Staates weniger gilt als etwa das Gesetz der Familie. Erst wenn sie Polyneikes, ihren Bruder, unter die Erde gebracht habe, sei sie für ihren Schmerz entschädigt, erklärt Antigone trotzig ihrem Verlobten Haimon (Daniel Lommatzsch). Und man wird nicht so recht schlau daraus, ob diese zur Ikone des Widerstands aufgedonnerte Rebellin mit der martialischen Gesichtsbemalung ihre Familienehre nur als Vorwand gebraucht. Da ist kein Ansatz von Dialogbereitschaft erkennbar, kein Versuch, dem neuen Herrscher ihre Lage zu erklären – Politik nach Art der Wutbürger.

Kreon macht es nicht besser, wirft die auf frischer Tat ertappte Dissidentin in den Kerker und schafft damit erst jenen Opfer-Mythos, der ihm noch zum Verhängnis werden soll. Dass er diese Gefahr verkennt, liegt auch an einer jederzeit zum Shitstorm bereitstehenden Öffentlichkeit – bei Zaimoglu/Senkel etwas sehr plakativ als Journalisten bezeichnet und auf der Bühne von Pucher als Kriegsberichterstatter in Soldatenuniform karikiert.

In dieser insgesamt jedoch erhellenden und ästhetisch reizvollen Inszenierung beschreibt Elisa Plüss eine Antigone, die ihren Anspruch auf den Status der Titelheldin mit narzisstischem Märtyrer-Gehabe unterstreicht. Diese besorgte Bürgerin will keine demokratische Kompromiss-Kultur, ihr Weltbild ist so geschlossen wie unverhandelbar. Hans Kremer offenbart hinter Kreons vordergründiger Selbstgewissheit die begründete Furcht vor dem allzeit möglichen Umsturz. Despotische Tyrannei wird so als Abwehrbewegung einer zutiefst ängstlichen und einsamen Persönlichkeit sichtbar.

Am überzeugendsten aber ist Siggi Schwientek als Seher Teiresias. Als der alte Mann in blauem Jogginganzug auf die Bühne tapert und dem Herrscher von einem ominösen Zirkel der sogenannten „Hochverehrten“ berichtet, die Antigones Inhaftierung für strategisch unklug halten, da wird deutlich: Die wahre Herrschaft liegt gar nicht bei einem albernen Tyrannen mit Kim-Jong-Un-Anzug. Sie liegt in den Händen von diskreten Tischrunden in Banken-Etagen und Unternehmerverbänden, Börsenkreisen und Waffen-Lobbyisten. „Ihr seid der Feind!“, ruft Kreon erstaunt, als er die Zusammenhänge erkennt. Doch da streckt ihn auch schon eine Gewehrsalve zu Boden.

Die nächsten Vorstellungen: 14., 18., 20., 21., 22., 26., 28. und 29. September 2016