Das Bühnenbild ist verrostet, das Stück nicht. Heinrich von Kleists Drama „Amphitryon“ aus dem Jahr 1807 wirkt in der Inszenierung von Julia Hölscher gegenwärtig, wie neu. Das Basler Ensemble überführt Kleists Lustspiel in einen heiteren Ernst, mehr luftig als lustig, mit eigenen Bild-Ideen.

Die Bühne von Paul Zoller ist schierer Dekonstruktivismus. Rostige Stahlwände und Spiegelflächen verschachteln sich ineinander. Man weiß nicht: Was ist vorne, was ist hinten, was ist draußen, was ist drin? Dieses Spiel der optischen Täuschungen versinnbildlicht den Text des Dramas. Man weiß nicht, wer wer ist: Was ist Spiegelbild, was echte Person? Der Inhalt: Göttervater Jupiter steigt vom Olymp herab und verbringt eine Liebesnacht mit Alkmene, der Gattin des Feldherrn Amphitryon. Weil Alkmene auf die Heimkehr ihres Gatten wartet und der Gott ihr in dessen Gestalt erscheint, glaubt sie, ihren Gatten vor sich zu haben – sie betrügt ihren Mann, ohne ihn zu betrügen. Sie liebt im Gott den Gatten und im Gatten einen Gott. Kleist verdoppelt das Doppelspiel zudem in den Nebenfiguren. Götterbote Merkur macht Amphitryons Diener Sosias die Existenz streitig, indem er in dessen Gestalt erscheint.

Kleists Drama der Bewusstseinskrise wird in Basel geradezu kongenial umgesetzt. Während die Bühne in ein Verwirrspiel optischer Täuschungen abhebt, erdet das Sextett der Schauspieler das Geschehen wieder. Urs Peter Halter ist als Jupiter kein hehrer Gott, sondern ein durchaus verletzlicher Typ mit menschlichen Zügen gekränkter Eitelkeit. Florian von Manteuffel als betrogener Amphitryon durchläuft virtuos alle Stadien des Verwirrtseins: vom Misstrauen über die totale Ich-Zerstörung bis hin zum höheren Wahnsinn.

Je stärker das Verwirrspiel mit den Identitäten, desto schneller kreist die Drehbühne. Das ist keine technische Effekthascherei, sondern treibt die innere Befindlichkeit der Personen in einen äußeren Drehschwindel. Mitgerissen, hin- und hergerissen ist vor allem Alkmene (Pia Händler), die Frau zwischen zwei Männern, die zugleich menschlich und göttlich wirken. Sie ist nach der Liebesnacht mit dem Gott (Urs Peter Halter) wie benommen. Sie wähnt, mit ihrem Gatten zusammen gewesen zu sein, dabei hatte sie den fremden Gott im Bett, und ihr Gatte kann sich tags darauf natürlich an gar keine Liebesnacht mit seiner Frau erinnern. Lustig ist das nicht. Pia Händlers Alkmene stürzt von einem Gefühl ins andere, ihre Liebe findet keinen Halt an einer festen Männerfigur. Mehr noch: Sie gerät in eine fast existenzielle Trauer, weil sie den idealen Mann sucht, aber nicht findet.

Am meisten Bodenhaftung hat das niedere Paar, der Diener Sosias (Nicola Mastroberardino) und seine Frau Charis (Leonie Merlin Young). Auch der Diener verwechselt den falschen mit seinem echten Herrn und tritt Amphitryon (Florian von Manteuffel) mit Füßen. Aber der Ärger der hohen Herrschaften lässt ihn letztlich kalt. Der Diener hat seine eigenen Sorgen. Seine schnippische Frau verlangt es ebenfalls nach einem Göttergatten. Der Götterbote Merkur (Mario Fuchs) hat jedoch keinen Hang zum Dienstpersonal, sondern verprügelt Sosias. Der malträtierte Diener will am Ende nur noch mit Beinschiene, Halsstütze und fast heiler Haut davonkommen. Auch die Götter sind gottfroh, sich aus dem irdischen Schlamassel zurückziehen zu können. Zurück bleibt eine schwangere Alkmene und ihr am Boden zerstörter Gatte. Ihm soll ein Sohn geboren werden – von Jupiter. Dafür bedankt sich der betrogene Gatte aber schön. Und Alkmene bleibt nur das vieldeutigste Wort der Theater-Geschichte zu sagen: „Ach.“

Hausregisseurin Julia Hölscher verzichtet auf vordergründige Aktualisierung und Janina Brinkmann auf billige Kostümtricks. Für den Zuschauer ist jederzeit erkennbar, wer wer ist. Nicht die Ausstattung, sondern Kleists verstörend dialektisches Drama stiftet hier die Verwechslungen. Wenngleich der Text stark gekürzt ist, so spielt doch die Sprache in dieser Inszenierung die Zentralrolle. In der Nebenrolle: das Publikum, das sich in den Spiegeln sehen kann. Schein oder Sein? Für diese sehr ernste Verwechslungskomödie von nur 100 Minuten gab es heftigen Applaus.

Weitere Vorstellungen von "Amphitryon" am Theater Basel gibt es am 18., 26. und 31. Januar 2018 sowie am 4. und 26. Februar. Karten und Informationen auf www.theater-basel.ch

Die etwas andere Einführung in das Stück: