Es gibt Stadt-Kinder, die haben noch nie eine Kuh gesehen. Gleichwohl malen sie eine Kuh immer mit Hörnern. Woher haben sie das? Aus der Werbung vielleicht. Die lila Milka-Kuh, die Kuh auf Milchverpackungen, die Heidi-Kuh auf dem Geschirr: Alle haben sie Hörner.

In Wirklichkeit haben die wenigsten Kühe noch Hörner. Neun von zehn sind hornlos. Anders in der Tourismus-Werbung, in Filmen, bei Nippes: kein Rind ohne Hörner. Kann eine Gesellschaft das wollen, sich selbst zu belügen?

Die "Würde der Kreatur"

Am Sonntag stimmt die Schweiz über die sogenannte Hornkuh-Initiative ab, die Bauern ermöglichen soll, ihren Tieren die Hörner zu lassen, ohne sich dadurch finanziell zu ruinieren. Dass zum Wesen und zur Würde des Hornviehs Hörner gehören, ist selbstverständlich. Und dass eben diese „Würde der Kreatur“ seit 1992 in der Schweizer Verfassung steht, wird immer wieder betont. Auch die Kosten-Nutzen-Rechnung ist bekannt. Es gibt einen gewichtigen Einwand gegen Hörner: Die Tiere könnten sich damit in den Laufställen verletzen. Allerdings: Wer die Gefahr von Verletzungen vermeiden will, der müsste auch das Autofahren verbieten.

Kommen wir zur Hauptsache. Die Kuh ist nicht irgendwer. Sie ist ein Mythos aus alter Zeit. Sie ist ein Symbol. Sie steht für die Schweiz wie die Alpen. Hätte die Eidgenossenschaft ein gemeinsames Wappentier, so wäre es eine Kuh. Eine Schweiz ohne Kuh ist so undenkbar wie eine Kuh ohne Hörner, und eine Kuh ohne Hörner ist so unmöglich wie Manhattan ohne Wolkenkratzer.

Hornlos ist preiswerter

Wer gegen die Hornkuh-Initiative stimmt, ist für Zweckrationalität. Denn es ist einfacher und preiswerter, hornlose Kühe zu halten. Diese Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Andererseits: Wer für die hornlose Kuh ist, stimmt gegen das Traditions-Tier der Schweiz. Er verstümmelt das Urbild.

Die Kuh repräsentiert auf ihre bescheidene, genügsame und friedfertige Weise das Idealbild der Schweiz. Sie steht für die Gesamtschweiz und deren letzte Verwurzelung in der bäuerlichen Tradition. Und weiter: Wer gegen die Hornkuh-Initiative stimmt, vergreift sich, krass gesagt, nicht nur am Symbol-Tier der Schweiz, sondern verhunzt ein kulturgeschichtliches Bild, das auf der gesamten Erde bekannt ist: den Ur.

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Das Hausrind ist die domestizierte Form des eurasischen Auerochsen, des Urs. Der älteste Auerochsen-Fund in Europa ist auf 275.000 Jahre datiert. Egal ob Auerochse, Stier oder Kuh: Sie haben auf sämtlichen Darstellungen Hörner – auf uralten Kultgegenständen ebenso wie in aktueller Werbung. Die Auerochsen in den prähistorischen Höhlenmalereien von Lascaux – mit Hörnern. Die ägyptische Himmelsgöttin Nut, als Kuh versinnbildlicht – mit Hörnern. Der Stier an der Krippe – mit Hörnern. Die Elfenbeinarbeit „Eine Kuh, ihr Kalb säugend“ aus Syrien – mit Hörnern. Die heiligen Kühe Indiens auf Kunst- und Gebrauchsgegenständen – mit Hörnern. „Die gelbe Kuh“, 1911 von Franz Marc gemalt – mit Hörnern.

Die Replik der Wandmalerei eines gehörnten Auerochsen in der Höhle von Lascaux im Südwesten Frankreichs.
Die Replik der Wandmalerei eines gehörnten Auerochsen in der Höhle von Lascaux im Südwesten Frankreichs. | Bild: Lionel Bonaventure / AFP

Auf allen Abbildungen in aller Welt haben die Rinder Hörner. Und das soll jetzt alles nichts gewesen sein? Denn wenn realen Kühen die Hörner fehlen, verschwinden sie auch auf den Bildern. Im Internet ist schon jetzt jede Menge hornlose, hirnlose Kuh-Kunst zu besichtigen. Wenn die Bilder von Hornkühen untergehen, fehlt den Zukunftsmenschen die Erinnerung an die mächtige Potenz und kultische Präsenz der Tiere. Eine hornlose Kuh ist eine geistlose Kuh. Ein Rindvieh ohne Spirit. Sie sieht aus wie eine dumme Kuh. Das erleichtert das Schlachten.

Tiere mit göttlichen Eigenschaften

Früher waren Tiere Gottheiten. Heute werden Leute abgekanzelt, nur weil sie Tieren menschliche Eigenschaften zusprechen. Früher wurden Tieren sogar göttliche Eigenschaften zugesprochen. Die Museen der Welt sind voller Tiergottheiten und Göttern in Tiergestalt. Wir sammeln alles, wir wissen alles. Und wollen dem Kalb die Hornknospe ausbrennen, als sei es dummes Vieh?

Die Gegenwartskunst nimmt, wenn überhaupt, nur ausnahmsweise die Perspektive von Tieren ein. Hier versagt Kunst total. Ausgerechnet ein gelernter Metzger schrieb einen ergreifenden Roman über eine Kuh. Das war der Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi, geboren 1949 in Bern. Nach der Lehre ging er ins Ausland, studierte, schrieb und schlug sich in Kanada, Honduras und Spanien durch. Sterchis 1983 erschienener Roman heißt „Blösch“ (Diogenes, 448 Seiten, 12,90 Euro) – so, wie man ein rotes, ungeschecktes Kalb nennt. Die kleine Kuh und der Knecht Ambrosius, ein spanischer Arbeiter, begegnen sich auf einem Bauernhof im Emmental. Der Bauer leistet Widerstand gegen Massentierhaltung, Melkmaschine und Preiskampf. Vergeblich. Der Knecht ist gezwungen, als Arbeiter auf den Schlachthof in Bern zu gehen.

Der Verrat am Tier

Blösch war mal eine stolze Simmentaler Leitkuh. Jetzt ist sie zu nichts mehr nutze, nur noch Schlachtvieh. Eines Tages erkennt Schlachtarbeiter Ambrosius seine Lieblingskuh Blösch auf der Rampe. „Sie sah aus wie ein Krämerstand, ausgemergelt und geschunden, ihre Knochen stachen hervor, ihre Haut war schlaff, ihr Euter war vom Maschinenmelken verunstaltet.“ Erkennt die Kuh den Knecht? Ambrosius jedenfalls erkennt in Blösch sein eigenes Elend.

Zum Urbild und zum Wesen einer Kuh gehören Hörner. Das weiß jedes Kind, jeder Reklame-Typ, jeder Bauer und Verbandsfunktionär. Eine um ihre Hörner gebrachte Kuh ist eine verstümmelte Kuh. Trotzdem brennt man den Kälbern vor der vierten Lebenswoche, nach kurzer örtlicher Betäubung, die Hornknospen mit einem 700 Grad heißen Lötkolben aus. Das zu hören, tut schon weh. Es ist Verrat am Tier und an der Kulturgeschichte der Menschheit.

Eine Kuh braucht Hörner

Auf der Welt gibt es laut Schätzungen 1,3 Milliarden Rinder. Die meisten haben Hörner. Nur nicht in jenen reichen Ländern, die sich zivilisiert nennen. Ob afrikanische Felsenkunst aus der Jungsteinzeit, ob Picassos Stiere oder Ferdinand Hodlers Kühe: Alle besitzen sie Hörner. Es geht einem das Herz auf. Vermutlich haben auch Freunde abstrakter Kunst ihre geheime Freude an diesen Bildern. Warum? Sie stellen eine geistige Verbindung zum ursprünglich Natürlichen her. Die letzte leise Ahnung vom Naturgemäßen ist für unser Wohlgefühl so wichtig wie die grüne Weide für die Kuh. Es gibt eine Suche nach dem Echten, Warmen, Wahren. Nach dem Guten und Richtigen. Es ist schwer zu finden. Aber eins ist sicher: Richtig ist eine Kuh nur, wenn sie Hörner hat.