Elfriede Jelinek hat schon bessere Texte geschrieben. Es dauert nur zehn Minuten, bis sich diese Erkenntnis einstellt und damit dem Abend den Zahn zieht. Denn so ein Stück von Jelinek ist ja ohnehin schon eine tückische Angelegenheit: Wirklich verstehen lassen sich ihre sperrigen Textflächen so gut wie nie, dem Zuschauer bleibt nur, auf den Funkenschlag der Assoziation zu hoffen. Er ergibt sich dann aus brillanten Wortspielen und unvermutet aufblitzenden Sinnzusammenhängen – wenn es gut läuft.

In Zürich hat am Donnerstag ihr neuestes Stück seine Schweizer Erstaufführung erlebt. „Am Königsweg“ reflektiert die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Und wie so oft bei Jelinek tut es das am Abgleich mit einem Stoff der Antike: König Ödipus.

Weitgehend ohne Witz

Sechs Akteurinnen (Sandra Gerling, Henrike Johanna Jörissen, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Isabelle Menke und Elisa Plüss) begeben sich unter der Regie von Stefan Pucher auf die Spuren der klassischen Sage in unserer modernen Tragödie. Sie tun dies mal als Doppelgängerinnen der österreichischen Autorin in barocken Rüschenkleidern, mal als kahlköpfige Gestalten aus einer anderen Welt, mal als Puppenspielerinnen mit Tierköpfen aus der Muppet Show. Durch die undurchdringlichen Textschleifen schlängeln sie sich ohne Punkt und Komma. Aber eben auch weitgehend ohne Witz. Es ist eigenartig, wie ungewohnt ernst, ja bisweilen dröge Jelineks Sprache plötzlich wirkt.

Dabei steckt in der Geschichte vom antiken König, der als Sehender blind und erst als Blinder sehend wird, durchaus aktuelles Potenzial. Wir erinnern uns: Ödipus verlässt seine Heimat, weil ihm geweissagt worden ist, dass er seinen Vater umbringen und seine Mutter ehelichen werde. Doch erst erschlägt er auf der Flucht einen fremden Herrscher, dann heiratet er in Theben die verwitwete Königin Iokaste. Als die Stadt von der Pest heimgesucht wird, ist er als Sehender ratlos. Der blinde Seher Teiresias aber ahnt, dass die Blutschande sich doch erfüllt hat. Als Ödipus schließlich erfährt, dass seine gesetzlichen Eltern gar nicht seine leiblichen waren und Iokaste ihn einst als Säugling fortgegeben hat, blendet er sich und verlässt die Stadt.

Durchaus schlüssig zeigt Jelinek Bezüge zwischen der Blindheit des antiken Sehers und jener einer heutigen Bevölkerung, die in einem immer komplexer werdenden internationalen Finanzmarkt längst schon den Durchblick verloren hat. Wenn nur einer blind ist, stellt seine Wahrheit noch einen Gegenentwurf zur offiziellen Sicht der Dinge dar. Sind aber alle blind, so lässt sich zwischen Wahrheit und Unwahrheit gar nicht mehr unterscheiden. Aber ach, diese Gedankensprünge muten zu theoretisch an, zu wenig bühnenwirksam für Stefan Pucher.

Bekannt dafür, in seinen Inszenierungen immer wieder Elemente des Pop einzubauen, lässt der Regisseur zwei Live-Musikerinnen (Réka Csiszér und Becky Lee Walters) düstere Songs anstimmen. Auf Videoleinwänden flimmern mal die Türme des World Trade Centers, mal die maskierten Visagen islamistischer Terroristen. Das alles suggeriert Bedeutung, wirklich greifen lässt sich diese aber nicht.

An den sechs Schauspielerinnen liegt es kaum, dass das kritische Potenzial dieser Verschränkung von antiker Sage und aktueller Wirklichkeit nicht recht zur Geltung kommen will. Noch die absurdesten Satzgirlanden sprechen sie mit der Selbstverständlichkeit einer am eigenen Diskurs berauschten Intellektuellenszene. Und wo sich doch einmal so etwas wie eine Pointe zeigt, spüren sie ihr mit geradezu detektivischem Ehrgeiz nach. Allein die Aufgabe ist diesmal undankbarer als zuletzt bei Stücken von Elfriede Jelinek.

Kommende Vorstellungen: am 12., 16., 18. und 28. März im Zürcher Schauspielhaus (Pfauen). Weitere Informationen: https://www.schauspielhaus.ch