Am Beginn stand der „Cantus Arcticus“, ein Konzert für Vögel und Orchester des finnischen Komponisten Einhojuani Rautavaara, ein Auftragswerk für eine Promotionsfeier der Universität Oulu. Die Vogelstimmen und singenden Schwäne hatte man dazu eigens am Polarkreis aufgezeichnet.

Gnädig enttäuscht

Diejenigen, die von dem 1972 entstandenen Stück ein Beispiel der Moderne mit Reiztönen und eruptiven Ausbrüchen erwartet (oder befürchtet) hatten, wurden gnädig enttäuscht. Stattdessen gab es sprudelnde Tongirlanden nach dem Vorbild von Smetanas Moldau-Flöten, gepaart mit choralartiger, romantischer Breitwandmusik im satten Streichersound – ein spät, zu spät blühendes Opus.

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Von Aufbruch war wenig zu spüren und das Publikum blieb auch etwas ratlos zurück. Nun, die vom Tonband einzuspielenden Vogelrufe blieben an diesem Abend auch leider stumm. War das etwa ein ungewolltes Zeichen für die mannigfach gefährdete Natur, die am „Friday for Future“ von vielen tausend Menschen beschworen wurde? Kurz vor Schluss war dann doch noch ein einzelner Schwan aus dem hohen Norden zu hören, es klang wie ein Hilferuf.

Routine bei der „Unvollendeten“

Auch wenn sie oft gespielt und gehört wird – und eine gewisse Routine konnte die Philharmonie bei der „Unvollendeten“ nicht abstreifen – fasziniert Schuberts Sinfonie in h-moll immer wieder aufs Neue. Die Unbeschwertheit seiner sinfonischen Musik – hier bekommt sie eine Schattenseite und erinnert an seine Lieder.

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Unvollendet? Franz Schubert hat in zwei Sätzen mitgeteilt, was ihm am Herzen lag, die Freude und den Zweifel, die Unvereinbarkeit des Schönen mit dem Dunkel einer verwundeten Seele. Er hat wohl gut getan, die Musik zu Lebzeiten nicht zu veröffentlichen, denn sie hätte wohl nicht „gefallen“. Schon der Anfang klingt wie eine Vorahnung des Scheiterns, die Melodien verlieren sich, finden keinen Weg zurück, werden von Angstschreien unterbrochen.

Ein wahrer Aufbruch

Das Seelengemälde entstand 1822 – 80 Jahre vor Sigmund Freuds Traumdeutung, ein wahrer Aufbruch am Beginn des 19. Jahrhunderts! Besonders gelungen im Konzil: Die liedhaften Momente des zweiten Satzes im Zusammenspiel von Violinen und Bratschen, die klanglich durchweg von der neuen Sitzordnung profitierten, und der vom Dirigenten Ari Rasilainen schön gestaltete Epilog. An dieser Selle hätte man doch noch gerne einem weiteren Satz gelauscht.

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Als Gustav Mahler bei einem Sonntagsspaziergang Ringeltanz, Schießbude, Kasperltheater, Militärmusik und Gesangsverein vernahm, die auf einer Festwiese ohne Rücksicht aufeinander gleichzeitig musizierten, soll er ausgerufen haben: „Hört ihr‘s? Das ist meine Polyphonie und da hab ich sie her.“ Der Kopfsatz seiner ersten Sinfonie „Wie ein Naturlaut“ beginnt auch wie eine Materialsammlung der klingenden Realität: Stille als Halteton, Vogelruf, Waldhornmotiv, Trompetensignal aus der Ferne, dabei die fallende Quarte, Keimzelle der ganzen Sinfonie, schon in verschiedenen emotionalen Versionen, lyrisch, keck, herrisch, sentimental zurückgezogen – ein wunderbarer Anfang, entspannt, abwartend, in sich ruhend und (zunächst) nichts wollend.

Tor aufgestoßen

Mit einem Paukenwirbel wird das Tor zur sinfonischen Verarbeitung aufgestoßen, und die Philharmonie ließ sämtliche Farben der Partitur aufleuchten. Das Gesellenlied „Ging heut morgen übers Feld“ erklang so wie es sein soll, ungetrübt zuversichtlich und mit einer Prise jugendlichem Übermut. Jetzt spürte man die große Musizierlust aller Register, das Singen und Jauchzen der Menschen, die Idylle der Natur, Volkslied und Blaskappelle, das ganze Füllhorn menschlicher Regungen. So auch im zweiten Satz, der sich vom gemächlichen Ländler zum feurigen Walzer wandelt und in dessen Trio die Wiener Caféhausmusik süffig-ironisch präsentiert wird.

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Ari Rasilainen ließ Freiraum, nahm sich zurück, um dann im richtigen Moment einzugreifen, um Übergänge einzufädeln oder Steigerungen „mit vollen Segeln“ abzurufen. Beeindruckend das aufgetürmte Chaos im Finalsatz, die „titanische“ Gewalt und das nach Siegesrausch schmeckende Pathos, das Nebeneinander von Werden und Vergehen, Aufbauen und Zerstören. Bei aller sinfonischen Üppigkeit: Gegen Ende kehrten sie in Stille wieder, das verlorene Volkslied, die schmerzvolle Sehnsucht nach Glück – und die Vogelrufe!

Die Philharmonie war an dieser großen Aufgabe gewachsen, hatte sich belohnt und die Zuhörer auch. Beifall und Jubelrufe des inzwischen „erwachten“ Publikums.