Der Klassenkampf scheint heute entschieden, gegen die sozialen Missstände unserer Zeit mag niemand mehr auf die Straße gehen. Nicht weil sie abgeschafft wären. Sondern weil der Feind seine Strategie gewechselt hat: weg von der Unterdrückung, hin zur Ausbeutung.

Von einer „smarten Diktatur“ spricht der Soziologe Harald Welzer angesichts der Verführungskraft, mit der die Digitalindustrie uns dazu bringt, ihr Zeit, Daten und Freiheit abzutreten. Und der Philosoph Byung-Chul Han erklärt: „Die Unterdrückung der Freiheit provoziert Widerstand. Die Ausbeutung der Freiheit dagegen nicht.“

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Was also wäre nötig, um heute wieder eine Revolution zu starten? Ein recht unbekanntes Stück von Bertolt Brecht (1898-1956) könnte auf der Suche nach einer Antwort weiterhelfen. Es heißt „Die Tage der Commune“ und handelt von den Wirren des ausgehenden Deutsch-Französischen Krieges 1871: In Paris griffen damals Soldaten der Nationalgarde zur Macht, um eine Kommune nach sozialistischem Vorbild zu etablieren.

Zwar wurde der Aufstand nach gerade einmal zwei Monaten niedergeschlagen. Späteren Akteuren aber sollte die Geschichte als Schulungsmaterial dienen. Lassen sich in ihr doch wie unter einem Brennglas alle Probleme besichtigen, die sich nach einem politischen Umsturz einstellen.

Immer der roten Fahne nach: Jana Alexia Rödiger (v.l.), Thomas Ecke, Axel Julius Fündeling, Dan Glazer, Sarah Siri Lee König und Peter Posniak.
Immer der roten Fahne nach: Jana Alexia Rödiger (v.l.), Thomas Ecke, Axel Julius Fündeling, Dan Glazer, Sarah Siri Lee König und Peter Posniak. | Bild: Theater Konstanz / Ilja Mess

Am Konstanzer Stadttheater lässt Regisseurin Johanna Schall die Geschichte am Ende beginnen: Die einfachen Leute von Paris, Männer und Frauen in Uniformen oder einfachen Gewändern, stehen starr auf dem abschüssigen Boden aus Gitterrosten (Bühne: Nicolaus-Johannes Heyse) und blicken erschrocken in imaginäre Gewehrläufe. Peng, Peng, Peng! Einer nach dem anderen liegt darnieder, erschossen von den Truppen der Versailler Regierung.

Das tragische Ende ist bekannt, lasst uns also sehen, wie es dazu gekommen ist: Alles fängt an mit einem Streit zwischen Arm und Reich, ein arroganter Herr im weißen Anzug (Ralf Beckord) lässt sich Hühnchen bestellen, die abgekämpften Nationalgardisten (Thomas Fritz Jung und Peter Posniak) können sich nicht mal einfachen Wein leisten.

Der Aufstand kann beginnen

Wenn Soldaten, die für ihr Vaterland an der Front den Kopf hinhalten, schlechter wegkommen als die Daheimgebliebenen, läuft etwas schief. „Die Preußen haben uns besiegt“, stöhnt der eine, doch der andere korrigert: „Nein, die haben uns nur gezeigt, wo der Feind sitzt!“ Der Aufstand kann beginnen.

Von nun an ist ständig was los. Während Frauen um Brot anstehen müssen, schleppen Kommunarden auf der Suche nach Waffen ganze Kanonen an, hier kämpft man noch mit Leuten von der Regierung, dort ruft man schon freie Wahlen aus, und am Keyboard rechts neben der Bühne liefert ein Preuße mit Pickelhaube (Torsten Knoll) die zum Drunter und Drüber passende Revue-Musik.

Neben der Kanone auf der Bühne: Jana Alexia Rödiger und Thomas Ecke.
Neben der Kanone auf der Bühne: Jana Alexia Rödiger und Thomas Ecke. | Bild: Theater Konstanz / Ilja Mess

Alle sind ständig laut quatschend unterwegs, jeder glaubt zu wissen, was zu tun ist, niemand hält inne, zweifelt, hinterfragt oder denkt einfach nur mal nach: Ist es wirklich das, woran solche Revolutionen scheitern?

Wir erleben, wie sich die Revolutionäre über die Frage nach der Gewalt in die Haare kriegen. Keinesfalls, rufen die Pazifisten, damit verraten wir unsere Werte! Unbedingt, halten andere dagegen: Sonst lassen wir uns von den Regierungstruppen abknallen!

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Weil es an Geld mangelt, wollen sie die Nationalbank um zehn Millionen Franc erpressen. Doch erstens ist der Bankdirektor ein Taktiker, und zweitens hängt der Wert einer Währung auch an einer verlässlichen Finanzpolitik: Erst wenn man an der Macht ist, zeigen sich die Fallstricke des Regierungsgeschäfts.

Das alles hält wenig Neues bereit und bietet auch den Darstellern mangels Differenzierungen kaum Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Ärgerlich wird es, wenn altbackener Klamauk um billige Lacher bettelt (Männer in Frauenkleidern schwenken Handtäschchen und heben den Rock). Man sehnt sich geradezu eine Übereinkunft aller Regisseure herbei, wonach gewisse Bühnenwitzchen endlich ein für allemal aus dem Repertoire gestrichen gehören.

Warum wir uns nicht wehren

Nein, für unsere heutige Arbeitsgesellschaft lässt sich von dieser Revolutionsgesellschaft wenig lernen. Nur einmal blitzt so etwas wie eine tiefere Einsicht auf, als die gute Madame Cabet (Renate Winkler) im letzten Moment ein Blutvergießen unter den Brüdern Faure verhindert. Er könne doch nicht seinen Bruder töten, nur weil er auf Seiten der Nationalgardisten kämpft! Da antwortet der pflichtbewusste Regierungssoldat (Arlen Konietz): „Ich bin kein Bruder, ich bin im Dienst!“

Im Dienst sein, eine Aufgabe haben: Das gibt unserem Leben Ordnung und den Anschein von Sicherheit. Wir sind bereit, für diesen Anschein über Leichen zu gehen. Und vielleicht ist er es auch, der uns davon abhält, uns gegen die alltägliche Ausbeutung zu wehren.

Weitere Vorstellungen von „Die Tage der Commune“ am 12., 13. und 16. November 2019 sowie am 3., 5. und 6. Dezember. Alle Informationen dazu finden Sie hier.