Sie hat drei Jahrhunderte, zwei Weltkriege und über ein Dutzend Direktoren überlebt. Als König Wilhelm I. von Württemberg die Staatsgalerie Stuttgart als „Museum der Bildenden Künste“ am 1. Mai 1843 eröffnet, ist im Königreich Württemberg das Eisenbahngesetz ein paar Tage alt und im Kaisertum Österreich der Würfelzucker gerade erst erfunden. 175 Jahre ist das jetzt her. Eine lange Spanne in einer schnelllebigen Zeit wie dieser.

Kein alltägliches Jubiläum

Dass das nicht alltägliche Jubiläum gefeiert gehört, liegt auf der Hand. Nur, wie feiert ein Museum sich selbst? Am besten mit der eigenen Geschichte, dachte man sich in der Landeshauptstadt und hat, ausgehend von markanten Punkten im Leben des Jubilars, fünf Zeitkapseln erkoren, die mit exemplarischen Werken und kulturhistorischen Ereignissen Schlaglichter auf die wechselvolle Vergangenheit des größten Kunstmuseums des Landes werfen.

Jüngere Generation

Die von Steffen Egle organisierte Ausstellung „#mein Museum“ probiert – wenn auch dezent – neue Wege. Verweist sie doch im Titel und mit der Wahl des Leiters der Kunstvermittlung als Kurator darauf, dass sich das Museum verstärkt um die Besucher bemüht und an die jüngere Generation denkt. Mutig lässt Egle Wände frei und gibt Raum für Gedanken, Ideen, Erinnerungen zur Staatsgalerie, die über die sozialen Netzwerke kommuniziert, auf einer eigens eingerichteten Social Media Wall landen sollen.

90 Werke

Mit 90 Gemälden, Grafiken Fotografien, Skulpturen und Archivalien zeichnet die Schau den Weg der Staatsgalerie, ihrer Sammlung und deren Präsentation vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart nach. Und birgt beim Entdecken historischer Aufnahmen, mit Blicken durch Gucklöcher und in den ersten bescheidenen Sammlungskatalog manche Überraschung.

Falsche Mona Lisa

Da ist die Stuttgarter Mona Lisa im ersten Saal, der in Petersburger Hängung die Enge eines Salons in den Gründungsjahren demonstriert. Sanft lächelt sie dem Besucher entgegen, der die qualitätvolle Arbeit leicht für jene berühmte von Leonardo da Vinci halten könnte, würde die Beschriftung sie nicht als Gemälde eines anonymen Künstlers ausweisen. Der Gutachter des Königs selbst hat sich von dem Lächeln täuschen lassen und das Werk 1857 für die Staatsgalerie erworben.

"Felder im Frühling"

Mit der aufs Smartphone geladenen App geht es zum Geräusch des neu erfundenen Motorflugzeugs ins 20. Jahrhundert, wo eine Projektion Gemälde in damals neuartiger Hängung nebeneinander und Sitzmöbel in einem Museum zeigt, das statt wie bisher von Künstlern jetzt von Kunsthistorikern geleitet wird und allen Bürgern offen steht. Als Werk eines französischen Impressionisten galt der Ankauf von Claude Monets Gemälde „Felder im Frühling“ durch den neu gegründeten Verein der Freunde der Staatsgalerie 1906 noch als spektakulär. Anders als einige Zeit später die Neuzugänge im Nationalsozialismus, die dem kunstpolitischen Diktat der Zeit gehorchen mussten. Beispielhaft für die als entartet beschlagnahmten Werke steht Max Beckmanns „Selbstbildnis mit rotem Schal“, das nach dem Krieg zurückerworben werden konnte. Und Amedeo Modiglianis „Liegender Frauenakt“ vertritt das „Stuttgarter Museumswunder“, als 30 Hochkaräter der Klassischen Moderne wie Cézanne, Matisse und Picasso 1959 die Sammlung bereicherten.

Kontroverse Diskussionen

In 175 Jahren gab es immer mal kontroverse Diskussionen zu einzelnen Werken und zum Haus, das mit dem postmodernen Stirling-Bau 1984 die Gemüter erhitzte. Für die Highlights der Kunst muss der Besucher zwar auch zum Jubiläum in die ständige Sammlung. Doch könnte er hier demnächst auf sein persönliches Lieblingsstück treffen. Kann er es doch derzeit mit entsprechend vielen Likes aus dem Depot ans Tageslicht befördern.

#mein Museum. 175 Jahre Staatsgalerie: bis 26. August in der Staatsgalerie Stuttgart. Öffnungszeiten: täglich außer Montag von 10-18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Weitere Informationen: http://www.staatsgalerie.de

Auflösung: Rechts ist die Mona Lisa von Leonardo da Vinci, links die eines unbekannten Meisters