Der Stacheldraht erstreckt sich über 24 Kilometer, und Flüchtlinge, die ihn erreichen, befinden sich eigentlich schon auf spanischem Festland. Das hilft ihnen aber nichts: Wer um Asyl bitten möchte, muss die „funktionale“ Grenze übertreten. Und die besteht aus einem sechs Meter hohen Zaun.

Europas Fuß in der Tür

Ceuta, die spanische Exklave an der Küste Nordafrikas, ist Europas Fuß in Afrikas Tür. Sie gilt deshalb vielen als Symbol für die Vorherrschaft über den ganzen Kontinent. Ihren europäischen Eroberern, damals noch unter der Krone Portugals, diente die Stadt als Brückenkopf an der Straße von Gibraltar. Und bei ihrer Inbesitznahme war ein Motiv bedeutsam, das uns längst suspekt erscheint: religiöser Extremismus.

Wie tief der heute insbesondere dem Islam zugeordnete Märtyrerkult damals auch im Christentum verankert war, zeigt ein Theaterstück aus dem 17. Jahrhundert. Der spanische Dichter Pedro Calderon de la Barca hat mit ihm dem portugiesischen Eroberer Don Fernando ein aus heutiger Sicht fragwürdiges Denkmal gesetzt.

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„Der standhafte Prinz“ erzählt die Geschichte vom christlichen Fürsten, der in Afrika nach siegreichem Kampf in maurische Gefangenschaft gerät. Er könnte sich durch Rückgabe der Stadt Ceuta freikaufen. Das würde aber bedeuten, dass über sie statt des Kreuzes der Halbmond herrscht. Fernando wählt lieber den Hungertod.

Der Eroberer aus Portugal, Don Fernando (Jonas Anders, kniend), unterwirft sich nur scheinbar dem maurischen König (Maik Solbach).
Der Eroberer aus Portugal, Don Fernando (Jonas Anders, kniend), unterwirft sich nur scheinbar dem maurischen König (Maik Solbach). | Bild: Theater Basel / Priska Ketterer

Goethe würdigte das Werk in höchsten Tönen, Eichendorff bezeichnete es als „eines der herrlichsten Trauerspiele, die jemals gedichtet wurden“. Und doch geriet es in Vergessenheit – aus nahe liegenden Gründen. Denn angesichts der von europäischen Kolonialherren in Afrika begangenen Verbrechen mutet eine solche Heldensaga heute außerordentlich problematisch an.

Politisch unkorrektes Werk

Das Theater Basel hat die Wiederentdeckung dennoch gewagt. Für seine Inszenierung von „Der standhafte Prinz“ ist Regisseur Michal Borczuch selbst zu einem wahren Eroberungsfeldzug angetreten. Sein Ansinnen: das politisch so unkorrekte Werk unseren heutigen Moralvorstellungen unterwerfen. Kann das gut gehen?

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Die Antwort lautet nein. Das Scheitern beginnt schon mit der ersten Setzung des Abends. Da fordert uns eine Videoeinspielung auf, das Drama als umgedrehte Flüchtlingskrise zu verstehen: wir Europäer auf dem Weg nach Afrika, nicht als Bittsteller jedoch, sondern als Eroberer aus purer Not. So sehen wir Deutsche an Grenzzäunen warten. Als wohlstandssatter Theaterbesucher sich mal eben in die Lage eines Bürgerkriegsflüchtlings hinein fantasieren: was für eine Überforderung!

Betont provisorisch

Auf einer betont provisorisch eingerichteten Bühne mit riesiger Marokko-Flagge (Dorota Nawrot) begeben sich dann fünf Schauspieler in den Kampf. Allerdings ist ihr Gegner kein militärischer, vielmehr besteht er in der Textvorlage: Calderons barock schwülstige Sprachgirlanden liegen in so weiter Ferne, dass jedes Sprechen zum Rezitieren wird, jeder Ausruf zur Deklamation. Don Fernando (Jonas Anders) ist ein Jüngelchen in Adidas-Jogginghose, der Maurenkönig (Maik Solbach) wirkt in goldenem Schlabber-Anzug wie die Karikatur eines Monarchen. Märtyrertum und große Politik stellt man sich anders vor.

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Polnische Sprechanteile sollen Fremdheitserfahrungen herstellen. So bejammert der maurische Kriegsgefangene Muley (Jan Dravnel) auf einem zynischen Talkshow-Podium in seiner osteuropäischen Muttersprache sein Schicksal: Wir Europäer kommen also als Flüchtlinge und Eroberer zugleich nach Afrika und hören dort: polnisch? Dass Muley wie auch die Prinzessin Phönix doppelt besetzt ist (sein zweites Ich spielt als eine Art Dolmetscher Holger Bülow), macht das Chaos komplett.

Erwartbare Antworten

In ihrer Not verabschieden sich die Akteure irgendwann ganz vom Text, unterhalten sich lieber – scheinbar privat – über die zentralen Fragen des Stücks. Sag doch mal, Jan: Für welches Ziel wärst du bereit, dein Leben zu opfern? Die Antworten fallen erwartbar aus, der eine würde seine Tochter retten, die andere gleich ihre ganze Familie. Bloß, ob das noch viel mit Calderon zu tun hat, scheint fraglich.

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Langweilig wird es trotzdem nicht. Das liegt daran, dass der Text selbst mit spannenden Bezügen überrascht. Wenn etwa Fernandos Hungerstreik das Mitleid der Prinzessin Phönix (Dominka Biernat und Leonie Merly Young) provoziert, so fühlt man sichan Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ erinnert. Die Frage blitzt auf, ob das Märtyrertum wirklich einem Gott gilt oder nicht eher einer Propagandastrategie.

Das heikle Drama wiederentdeckt zu haben, ist das Verdienst der Basler Produktion. Jetzt würde man das Stück gerne mal in einer schlüssigeren Inszenierung sehen.

Kommende Vorstellungen: 24. Oktober, 1., 19. November, jeweils um 19.30 Uhr. Weitere Informationen: http://www.theater-basel.ch