Ein Mann möchte man in diesen stürmischen Tagen lieber nicht sein. Nur weil es immer noch jene alten Paviane gibt, die das Herumgrapschen an abhängigen Frauen nicht lassen können, gerät das gesamte Männer-Geschlecht unter Generalverdacht. Muss das sein? Es muss nicht.

Der neue Mann ist im Kommen, langsam, aber stetig. Weil sich vieles im Kleinen und Privaten abspielt, wird die Entwicklung als Gesamtes öffentlich nur selten honoriert. Dabei ist er überall sichtbar, der neue Mann. Verstärkt seit den 1980er-Jahren wandelt sich in westlichen Ländern die Einstellung der Männer zu Frauen – und auch zu sich selbst. So kommen sich Männer dumm vor, Frauen blöd anzumachen. Im Privatleben ersetzt Partnerschaft das Machtmodell. Männer lehnen männliche Gewalt ab, schon weil zwei Drittel der Opfer sie selbst sind. Männer widmen sich ihrem Innenleben und der körperlichen Gesundheit.

Ja, es gibt sogar Männer, die typische Frauenberufe übernehmen, Pfleger, Erzieher im Kindergarten, Putzmann. Einzelne tun, was für Frauen selbstverständlich ist: Um Angehörige zu pflegen, geben sie ihren Job auf. Es gibt Männer, die wissen, dass die Gefahr von Arbeitslosigkeit wächst und eine Familie deshalb gut beraten ist, wenn sie das Berufsrisiko auf Frau und Mann gleich verteilt. Es gibt Männer, die sich stärker um ihre Kinder und um ihr Privatleben kümmern wollen und Teilzeit arbeiten. Es gibt Männer, die rasend sexy sind, obwohl sie Hausmänner sind. Kurzum: Es gibt Männer, die aus dem traditionellen Rollenmodell aussteigen.

All das sind wundervolle Männer. Sie pflegen ihre vielseitigen Anlagen. Dass sie oft noch Ausnahmen sind, macht sie umso wertvoller als Vorbild. Es gibt ihn, den emanzipierten Mann – und das in vielen Varianten. Allerdings: Erwerbsarbeit und Macht sind immer noch die zwei wichtigsten Bestandteile männlicher Identität. Die Kehrseite dabei ist, dass Männer Arbeitslosigkeit und Ohnmachtserlebnisse schwerer verkraften als Frauen. Männer ohne außerhäusige Arbeit sind unstabil. Sie sind innerlich extrem angespannt, reagieren oft lethargisch oder aggressiv. Fragile Männlichkeit gilt als Hauptursache von Gewalt gegen Frauen – aber auch von Männergewalt gegen andere Männer und von Gewalt der Männer gegen sich selbst. Sie sind für Familien schwer auszuhalten.

Nein, ein Mann möchte man lieber nicht sein. Der Neoliberalismus verlangt "männliche" Eigenschaften wie Risikofreude, Dominanz, Konkurrenz, Angriffslust, absolute Leistungsstärke. Auf der anderen Seite wird die dazu nötige männliche Identität brüchig. Männer spüren den Machtverlust durch Global Player. Sie sind dem vagabundierenden Kapital letztlich ausgesetzt. Sie fürchten den sozialen Abstieg und machen bisweilen weibliche Aufsteiger dafür verantwortlich.

Mythische Männerbilder

Das Männlichkeitsideal ist bedroht. Was tun? Männerpolitik reagiert auf zwei sehr unterschiedliche Weisen. Die einen sind die Mythen-Bastler: Sie basteln sich eine archaische Männlichkeit zusammen, echte Kerle. Die anderen sind die Geschlechterdemokraten: Sie versuchen, der Männlichkeitsfalle zu entkommen, indem sie für Gleichstellung der Geschlechter plädieren.

Die Mythen-Bastler beschwören uralte Männerbilder: den Kämpfer, den Krieger, den einsamen Helden. Sie pochen auf ihre biologische Stärke oder verteidigen ideologische Positionen wie "Große Männer machen Geschichte". Sie schließen Männerbünde, hocken in Schwitzhütten oder organisieren Wildnis-Workshops wie Robert Bly ("Iron John"), um Leidensgenossen an die Quellen des Mannseins zu führen. Für den einzelnen Mann ist solche Selbstbesinnung gut. Als politische Strategie ist der Gang zurück in die Geschichte allerdings untauglich. Letztlich landet man im Reich der Primaten oder bei Märchen und Mythen. Merkwürdiger noch: Wer heute als Mann ein Männerbild reaktiviert, das Frauen ausschließt – muss so ein Mann nicht den Islam willkommen heißen?

Die zweite, die erfolgversprechende Strategie lautet Geschlechterdemokratie. Also: Verteilung von Familien- und Berufsarbeit auf beide Geschlechter. Aufweichung des männlichen Machtmodells mit seinem lebensfeindlichen Leistungs- und Konkurrenzverhalten. Mehr sinnliche Männer, mehr sachliche Frauen zulassen. Angepeilt wird eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Gleichstellung, um – und darauf kommt es an – Mann und Frau gleichermaßen zu entlasten: den Mann vom Druck, immer der Stärkere sein zu müssen; die Frau vom Druck, sich ständig gegen Männer behaupten zu müssen.

Ja, es ­gibt Frauen, welche die Emanzipation überstrapazieren. Ja, es gibt in der gegenwärtigen Geschlechterdebatte ein Unbehagen – und Fragen: Warum werden immer die Männer als übergriffige Kerle attackiert und nie die Frauen als abgebrühte Luder? Warum sind immer die Machos im Visier, nie jene Miezen, die sich emporheiraten? In seinem 2014 erschienenen Buch "Der neue Tugendterror" beklagt Thilo Sarrazin überhitzte Gender-Debatten, medial ­befeuerten Gleichstellungswahn und überkochenden Moralismus von linker und feministischer Seite.

Was er übersehen hat: Die Frauen passen im Großen und Ganzen schon selbst auf, dass der Diskurs nicht zu männerfeindlich wird. Denn Frauen lieben Männer. Und sie sind weitherzig genug, andere Frauen zu kritisieren, um Männern beizuspringen. Das zeigt die folgende kleine Auswahl.

Kritische Frauenbücher

So prangert Esther Vilar in "Der dressierte Mann" (1971) die Unterdrückung des Mannes durch die Frau an. Und gibt ein Beispiel: Ehefrauen schicken ihren Mann zum Geldverdienen, und als Gegenleistung stellen sie ihm "ihre Vagina in bestimmten Intervallen zu Verfügung". Und beklagen sich hinterher über "sexuelle Ausbeutung" durch den Mann. Ein anderes Beispiel: In ihrem Buch "Zum Teufel mit den Superfrauen" (1993) wettert Michèle Fitoussi gegen Karrierefrauen und den Perfektionswahn, überall die Beste sein zu wollen. Und in ihrem Buch "Tussikratie" (2014) kritisieren Theresa Bäuerlein und Friederike Knüpling alle möglichen Frauentypen: machtbesessene Karrieristinnen ebenso wie unselbstständige Frauen, die ständig nörgeln.

Kein Zweifel: Die emanzipierte Frau ist so souverän, alte und neue Frauenbilder zu kritisieren. Und der emanzipierte Mann ist so souverän, verkrustete Männerbilder wie Eischalen hinter sich zu lassen. Einer dieser Männer heißt Emmanuel Macron. Seine Ehefrau ist 25 Jahre älter als er und war erst noch seine Lehrerin. Ewiger Schulbub Macron? Das Volk war souverän genug, ihn zum Staatspräsidenten zu wählen.

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Literatur

Theresa Bäuerlein, Friederike Knüpling: "Tussikratie. Warum Frauen nichts falsch und Männer nichts richtig machen können". Heyne Verlag 2014. 320 S., 15,95 Euro.

Robert Bly: "Eisenhans". Rowohlt Tb 2005. 352 S., 9,99 Euro

Judith Butler: "Das Unbehagen der Geschlechter". Edition Suhrkamp 1991. 236 S., 13 Euro.

Susan Faludi: "Männer – das betrogene Geschlecht". Rowohlt 2001. 636 S., 29,99 Euro.

Walter Hollstein: "Geschlechterdemokratie. Männer und Frauen: Besser miteinander leben". Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004. 359 S., 66,99 Euro.

Nina Power: "Die eindimensionale Frau". Merve Verlag, Berlin 2010. 80 S., 10 Euro.

Björn Süfke: "Männer. Erfindet. Euch. Neu. Was es heute heißt, ein Mann zu sein". Goldmann Verlag 2016. 400 S., 10 Euro.

Jack Urwin: "Boys don't cry. Identität, Gefühl und Männlichkeit". Edition Nautilius 2017. 224 S., 16,90 Euro.

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