„Allegorische Landschaften und kleine Bilder von fast allem“ nennt Manfred Müller-Harter seine Ausstellung im Kunstverein Engen. Und der sperrige Titel ist durchaus wörtlich zu verstehen. Denn in der Tat präsentiert der in Engen lebende Künstler neben symbolträchtigen Traumlandschaften eine Überfülle an miniaturhaften Werkschöpfungen, die sich an der Schnittstelle zwischen Bild und Wort bewegen, und mit denen Müller-Harter seit Jahrzehnten die unterschiedlichsten Sphären zwischen Realität und Fantasie, Zeitgeschichte und Poesie auslotet.

Geboren 1949 in Geislingen, wirkte Manfred Müller-Harter in den 70er-Jahren als Lehrer in London und Berlin, bevor ihn ein Studium der Empirischen Kulturwissenschaften samt Promotion bis 1989 nach Tübingen zog. Danach war er Lehrer an deutschen Schulen in Kolumbien und Argentinien; seit 2002 ist er als Pädagoge in Engen tätig. Die mit 120 Arbeiten umfangreich bestückte Einzelschau darf als retrospektiv angelegtes Panorama und sehr persönliche Zeitreise durch die vergangenen rund 40 Schaffensjahre des Malers und Zeichners verstanden sein.

Den Auftakt der Ausstellung bilden die eingangs erwähnten kleinformatigen Bildtafeln, die in dicht gedrängter Hängung die Wände der historischen Räume in ein lebhaftes Kaleidoskop der Materialien, Techniken und Stilarten verwandeln. Meist kreisen die ungegenständlichen, häufig gestisch-expressiv geschaffenen Kompositionen um Gedichte, Zitate und Lieder und spannen dabei den Bogen von Goethe über Edgar Alan Poe bis hin zu Churchill und B.B. King. Ebenso finden sich Bezüge zu Lyrik, Prosa und Musik von Brecht, Hilde Domin, den Beatles oder Eric Burdon.

Auf gleichsam spielerische Weise kombiniert Müller-Harter die Textpassagen mit seinen Bildfindungen und will damit neue, sowohl visionär als auch surreal anmutende Vorstellungswelten jenseits des Vertrauten und Bekannten beschwören. Als Miniaturen sind die Aquarelle, Collagen, Frottagen, Zeichnungen, Drucke und Ölstudien oft nicht mehr als flüchtige Spuren eines experimentellen Arbeitsprozesses, aus dem Müller-Harter die knappen Ausschnitte zu einem ausufernden Comic-Strip versammelt und vor uns ausbreitet. In die Wort-Bild-Ensembles mit hinein wirken Erlebnisse und Eindrücke seiner Reisen und Auslandsaufenthalte. Nach Müller-Harters Idee mögen sich dem Betrachter „Paralleluniversen“ öffnen, die er mit kindlichem „Entdeckerblick“ erspüren soll. So werden Bildtitel wie „Haarnasenwombat vom Sonnenaufgang überrascht“ oder „Mit Diven ist nicht zu spaßen“ vielleicht erklärlich. Hat der Besucher die Galerie der „Kleinen Bilder“ durchschritten, gelangt er in den zweiten Teil der Ausstellung mit überraschend großformatigen Gemälden und Materialbildern aus den 90er-Jahren bis heute. Auch hier scheint es um visualisierte Innen- und Seelenwelten zu gehen. Oszillierend zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion breiten sich vor unserem Auge weite, menschenleere Bildräume aus, durchzogen von geheimnisvollen Zeichen. Bedeutungsvolle Bildtitel wie „Die Rückkehr der Körperfresser“, „Zeitstrände“, „Alles hängt mit allem zusammen“ oder „Das Ende der Welt ist rot“ laden das Dargestellte mit symbolischer Inhaltsschwere auf und überhöhen es in metaphysische Dimensionen. Überdeutlich wird das Bemühen des Künstlers, dem Gezeigten intellektuellen Tiefgang zu verleihen.

In sämtlichen Exponaten offenbart sich, wie sehr Müller-Harter permanent auf Spurensuche durch Raum, Zeit und Kulturgeschichte, aber auch durch Gefühlsebenen zu sein scheint und den Betrachter unmittelbar daran teilhaben lassen möchte. Ein stark assoziativ geprägter Umgang mit Bild und Wort prägt das künstlerische Prinzip der Werke. Doch gerade diese, in extremer Vielfalt vorgetragenen Möglichkeiten der Stilistik und Deutung bergen zugleich die Gefahr des Zufälligen und Überfrachteten, vor allem in den Miniaturen, die dem inhaltlichen Anspruch kaum standhalten.

Manfred Müller-Harter – „Allegorische Landschaften und kleine Bilder von fast allem“. Kunstverein Engen e.V. im Städtischen Museum Engen. Bis 6. März. Di bis Fr 14-17, Sa/So 10-17 Uhr. Die Ausstellung im Internet:

www.engen.de